Sonntag, 26. Januar 2020

Top-Frauen und ihre Erfolgsgeschichten "Und plötzlich war ich Quotenfrau"

Anastassia Lauterbach war Bereichsvorstand bei der Deutschen Telekom, als dort die Quote eingeführt wurde. Heute weiß sie aus Erfahrung: Innovation und Vielfalt gehören zusammen

Anastassia Lauterbach war Bereichsvorstand bei der Deutschen Telekom und am Tag ihres Ausscheidens Deutschlands meistgegoogelte Person. Mit dem Beitrag über ihre Erfahrungen in der deutschen Konzernwelt beenden wir unsere Reihe der Berichte von Top-Frauen, die in den letzten Monaten auf breites Interesse gestoßen sind.

"Es ist nie zu spät um Vorurteile abzulegen" sagte Henry David Thoreau. Das Bild von seiner selbstgebauten Hütte hängt im meinen Wohnzimmer. Ich denke oft an diese Worte - an Flughäfen, bei Aufsichtsratssitzungen, wenn ich mit Menschen aus meinen alten oder neuen Teams telefoniere, oder wenn ich Startups für meinen Inkubator bewerte. Diese Worte sind für mich ein Leitmotiv zur Diskussion um Frauen in Machtpositionen und die Frauenquote , die in Deutschland läuft, auch im Zusammenhang mit den - leider zu häufigen - Abgängen weiblicher Topmanager.

Meine erste große Entscheidung musste ich mit 13 Jahren treffen. Sollte ich an der Moskauer Philharmonie weiter Klavier studieren? Ich brauchte einen Flügel für das Musikstudium. Finanziell war dies nicht zu bewältigen. So bildete ich einen neuen Traum - an der Moskauer Lomonosov Universität zu lehren. Ich schwänzte die Schule, weil ich mich dort unter die Studenten mischte und zu Vorlesungen ging. An der Universität traf ich Nikita Tolstoy, Leo Tolstoys Enkel. Dieser renommierte Linguist nahm mich in einen kleinen Kreis von Schülern auf.

Als ich 18 Jahre alt wurde, gab es in Russland eine schwere Wirtschaftskrise. Ich musste parallel zu meinem Studium arbeiten. Bald verdiente ich mit technischen Übersetzungen und simultanem Dolmetschen aus dem Kroatischen und Französischen 1000 USD pro Woche. Doch dann kam die nächste Finanzkrise und die Banken froren das Ersparte ein. Ich entschied mich ins Ausland zu gehen.

Vorurteile gehören zu den nicht-versicherbaren Risiken

Mit meinem Universitätsdiplom und einer kleinen Tasche kam ich nach Deutschland. Eine Freundin brachte mir "das Bewerben" bei und die Münchener Rückversicherung gab mir meinen ersten richtigen Job. Als Underwriterin bereiste ich viele Länder, verfasste Fachbücher zu Berufskrankheiten und Vergleichen internationaler Arbeiterunfallsysteme und engagierte mich für Publikationen, die Munich Re Kunden und Mitarbeitern die neusten Trends der Versicherungswirtschaft erklärten.

Ich arbeitete mit Ingenieuren für Tunnelbau und Atomkraftwerke, mit Gentechnikern und Mathematikern und lernte Vorstände vieler Versicherungsgesellschaften kennen. Noch heute bin ich für diese Erfahrungen dankbar.

Munich Re versuchte Vielfalt zu leben. Vorurteile gehörten zu nicht-versicherbaren Risiken. Internationalität, unterschiedliche Ausbildungswege, Mehrsprachigkeit und Neugier gekoppelt mit gesundem Zahlenverstand prägten den Alltag.

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