Arbeitsklima Deutschland "Die Zitrone ist ausgequetscht"

Mehr & schneller, das ist die Standardbotschaft von Vorgesetzen an ihre Untergebenen. Weil der Wettbewerb es erfordere. Dabei wird das Wohlbefinden oft vergessen. Und das schlägt in Deutschland mit einem Milliarden-Minus zu Buche, sagt Beraterin Ilona Bürgel. Pro Jahr.
Von Arne Gottschalck
Erschöpfung: Nicht das Zeichen für Zartbesaitung, sondern ein Warnsignal

Erschöpfung: Nicht das Zeichen für Zartbesaitung, sondern ein Warnsignal

Foto: Corbis

mm: Frau Bürgel, Sie sprechen über Wohlbefinden - wie passt der Bericht in die Kostenrechnung von Unternehmen?

Bürgel: Bevor wir uns auf Zahlen stürzen, möchte ich eine Beobachtung mitteilen. Ich höre immer häufiger in Unternehmen "früher hat mir meine Arbeit" Freude bereitet oder "wenn ich nur im Lotto gewinnen würde, dann wäre ich hier weg". Das bereitet mir Sorge. Denn die Konsequenz ist nicht nur zum Beispiel der so genannte Präsentismus, also erschöpft oder unmotiviert anwesend zu sein. Das kostet nach einer Studie von Booz und Company für die Felix Burda Stiftung 2400 Euro pro Mitarbeiter im Jahr und macht gemeinsam mit Fehlzeiten kranker Mitarbeiter einen Schaden von 225 Milliarden Euro im Jahr in Deutschland. Das scheinen wir ja locker wegzustecken.

mm: Und noch?

Bürgel: Nach der Stressstudie 2013 der Techniker Krankenkasse sind "Pflichtarbeiter" doppelt so häufig erschöpft oder depressiv wie "Genussarbeiter". Noch bedenklicher finde ich die Ergebnisse einer Umfrage der Berufundfamilie gGmbH, dass nur noch ein Drittel der Arbeitnehmer überhaupt voll bis zur Rente arbeiten will, ein Drittel will früher aufhören, ein Drittel verkürzt arbeiten.

Nicht umsonst beschäftigt sich Kanzlerin Angela Merkel seit dem letzten Jahr mit dem "Bruttoinlandsglück". Der Arbeitsmarkt der Zukunft braucht Menschen, die in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten, dabei flexibel, innovativ, natürlich top motiviert und leistungsfähig bis ins immer höhere Alter sind. Das geht nur mit einer neuen Unternehmenskultur. Denn, wie ein Unternehmer kürzlich zu mir sagte "die Zitrone ist ausgequetscht" - unsere Anstrengungsmentalität ist an ihre Grenzen gekommen.

mm: Was kann der Arbeitnehmer angesichts dieser Entwicklung machen, was die Führungskraft?

Bürgel: Beide Seiten brauchen eine neue Haltung. So lange Arbeitnehmer in Umfragen sagen, die Zeit mit dem Chef ist die schlimmste des Tages, schlimmer als Hausputz und Unternehmen denken, die Mitarbeiter sind Drückberger und Faulenzer, kommen wir nicht weiter.

Beide Seiten sollten sich an Stärken orientieren. Wer seine Stärken bei der Arbeit nutzt, ist sechs Mal häufiger engagiert und hat 40 Stunden Spaß. Wer die eigenen Stärken nicht nutzt, brennt schon nach 20 Stunden aus, egal wie anstrengend die Arbeit ist.

Den Führungskräften würde die so genannte "Positive Psychologie" gut zu Gesicht stehen, also das Denken in Chancen, Möglichkeiten und Lösungen. Statt eine graue und gefährliche Zukunft zu vermitteln und Angst zu schüren, können in einer optimistischen Stimmung viel bessere Lösungen gefunden werden. Das Gehirn ist kreativer, konzentrierter und belastbarer.

Positive Psychologie

mm: Und den Mitarbeitern?

Bürgel: Den Mitarbeitern möchte ich ans Herz legen, mal wieder zu sehen, was für einen guten Job sie haben. Unser Gehirn passt sich an, der gleiche Kuchen schmeckt beim zehnten Mal lange nicht mehr so gut wie beim ersten. Wir übersehen deshalb auch bei der Arbeit gern, wie viel Gutes und Wertvolles wir haben, weil es ganz selbstverständlich geworden ist.

mm: Wie langfristig muss man in Sachen Wohlbefinden rechnen?

Bürgel: Wichtig ist zu betonen, dass nicht die Unternehmen für das Wohlbefinden der Mitarbeiter zuständig sind, sondern jeder von uns. Natürlich brauchen wir Rahmenbedingungen wie Licht, Luft, Platz, Entscheidungsspielraum oder Wertschätzung. Doch die meisten Menschen haben es verlernt, gut für sich selbst zu sorgen. Sie warten, dass die Wunder von außen geschehen. Das heißt, jeder von uns kann sofort damit beginnen, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und zu pflegen. Meist erwarten wir doch von anderen, dass sie uns das liefern, was wir uns selbst nicht geben. Haltungen ändern sich allerdings nicht so leicht. Dafür müssten wir uns erst einmal zugestehen, dass es uns bei der Arbeit gut gehen kann.

mm: Was bedeutet das eigentlich konkret - vermutlich mehr als nur eine nette Kaffeeküche?

Bürgel: Oh, ja. Die "Positive Psychologie" hat eine wissenschaftlich nachgewiesene Formel von 3: 1 für gesunde Menschen und erfolgreiche Teams entwickelt. Weil negative Emotionen mehr geistigen und körperlichen Schaden anrichten als positive nützen, brauchen wir auf eine negative Situation drei positive. Das klingt anstrengender als es ist, denn unser Leben ist ja voll von schönen Dingen, wir schätzen sie nur nicht. Konkret heißt das, so einfache Dinge wie grüßen Sie den Kollegen zuerst, halten Sie die Tür auf, bringen Sie einen Kaffee mit. Schreiben Sie in jede Email etwas Nettes. Ermutigen Sie zu positivem Feed-Back. Loben und danken Sie so oft Sie können - und meinen Sie es auch so.

Sehen Sie Erfolge und von sich und anderen: Beginnen Sie Teambesprechungen, das Abendessen oder die Reflektion über den Tag mit Gelungenem, mit Erfolgen. Und vermeiden oder verkürzen Sie negative Interaktionen: Halten Sie sich raus aus Klatsch und Spekulationen, reduzieren Sie den Konsum von negativen Informationen.

mm: Kennen Sie ein Großunternehmen, wo entsprechende Vorgaben weitestgehend umgesetzt werden?

Bürgel: Die T-Shirt-Druckerei Spreadshirt hat die erste Wohlfühlmanagerin in Deutschland eingestellt. TUI ist für das Thema Mitarbeiterwohlbefinden sogar ausgezeichnet worden, die Deutsche Post gibt nicht nur den Glücksatlas heraus, sondern schult Mitarbeiter zum Thema Wohlbefinden, die AOK vermittelt an ihre Führungskräfte ressourcen-orientiertes Denken. Es gibt also tolle Beispiel, leider sind es noch zu wenige gemessen an den Anforderungen, die auf uns warten. Ein leichter erster Schritt für uns alle könnte es sein, das, was wir jeden Tag tun, einfach wieder mehr zu genießen. Bei Schokolade, Tee oder einem guten Buch können wir das doch auch.

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