Dienstag, 23. Juli 2019

Rede der BMW-Großaktionärin Susanne Klatten über Unternehmer: "Ziele des Sozialneids"

Susanne Klatten, Stefan Quandt.
Dirk Bruniecki für manager magazin
Susanne Klatten, Stefan Quandt.

Jährlich nimmt das manager magazin Menschen in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaft auf, die sich um Land und Gesellschaft herausragende Verdienste erworben haben. In diesem Jahr waren dies neben dem langjährigen IG-Metall-Chef Berthold Huber die beiden Unternehmer (und Geschwister) Susanne Klatten und Stefan Quandt.

Die Preisverleihung Ende Mai fiel in eine Zeit, in der in Deutschland zum Teil hitzig über eine mögliche Vergesellschaftung von Vermögen diskutiert wurde und wird. Konkret brachte etwa Juso-Chef Kevin Kühnert die Idee ins Spiel, die wichtigste Unternehmung von Susanne Klatten und Stefan Quandt, den Autobauer BMW, zu vergesellschaften. Das manager magazin hat mit Quandt und Klatten ein ausführliches Interview zu eben dieser Diskussion und ihrem Selbstverständnis als Unternehmer geführt; nachfolgend dokumentieren wir die wesentlichen Auszüge aus der Dankesrede Susanne Klattens auf der Preisverleihung der Hall of Fame:

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

(...)

Umso mehr freue ich mich über diese Würdigung - vielleicht sogar ganz besonders, weil sie unerwartet kommt. Und Unerwartetes hat manches Mal eine besondere Kraft.

Und vielleicht geht von dieser Anerkennung tatsächlich auch eine Signalwirkung aus - gegen "Mutlosigkeit und Mittelmaß", wie es in der Zielbestimmung der Hall of Fame heißt.

Ich nehme wahr, dass in unserem Land ein Klimawandel der anderen Art stattfindet. Ist nicht hörbar eine Zeit der Forderungen und Anspruchshaltungen - und weniger eine Zeit der Anstrengungen -, angebrochen? Die gute Konjunktur, die steigenden Löhne, der starke Export - all diese Erfolge haben unser Land behäbig gemacht. Die letzte wirtschaftliche Krise liegt 10 Jahre zurück und obwohl man sie noch gut erinnert, scheint zu vieles bereits wieder selbstverständlich. Die größte Bedrohung des Erfolges ist eben doch die Selbstgefälligkeit!

Wo liegt der Mangel ? Es fehlt uns an Mut zur Veränderung. Es fehlt wohl auch der Mut dafür, die Zeichen ehrlich zu lesen und zu deuten.

Doch von wem kann in dieser Situation Mut zur Veränderung kommen? Wer begnügt sich nicht mit Mittelmaß und Selbstzufriedenheit? Sie können sich meine Antwort vielleicht denken: Es sind Unternehmerinnen und Unternehmer.

Die Politik denkt strukturell eher bestandserhaltend - und häufig genug leider nur bis zur nächsten Wahl. Doch unsere modernen Wirtschaftsordnungen leben von der klaren Ausrichtung auf die Zukunft. Sie entfalten ihre gesellschaftliche Dynamik erst dann, wenn Menschen in Veränderungen denken. Und "Lust auf Zukunft haben".

Unternehmerinnen und Unternehmer sind die Antriebskräfte dieser Dynamik. Sie lösen das Wohlstandsversprechen ein, das die soziale Marktwirtschaft uns allen macht. Der Staat kann Anreize schaffen, er ist aber kein Unternehmer und sollte sich auch nicht als solcher betätigen.

Doch gerade die Unternehmer scheinen inzwischen zunehmend zu Zielen des Sozialneids zu werden. Aus Unternehmern werden schnell mal "Die Reichen" - und um diesen Begriff rankt sich so manche Fehlinterpretation wirtschaftlicher Zusammenhänge.

"Gerechte Verteilung von Vermögen" steht derzeit ganz oben auf der politischen Agenda. Ich persönlich habe überhaupt nichts gegen effiziente und sinnvolle Lenkungsmethoden. Ich habe auch nichts gegen sozialen Ausgleich, sondern halte ihn in gewissem Maße sogar für zwingend erforderlich. Und im Übrigen funktioniert er in unserem Land ja auch recht gut.

Aber meine Frage: Kann auch bei uns tatsächlich irgendwann die Stimmung schnell kippen - wie wir es schon aus benachbarten Ländern kennen?

Ganz wichtig erscheint mir heute, mit allen Mitteln die gefühlt tiefen Gräben zwischen Politik und Wirtschaft zu überbrücken. Wir müssen den Menschen noch mehr Möglichkeiten zu geben, ihre Kompetenzen - also ihr ganz individuelles "Eigenkapital" - sinnvoll, kreativ und produktiv im Sinne wirtschaftlichen Wohlstandes einzusetzen.

Unser Beitrag als Familienunternehmer ist es dabei, Verantwortung für die Unternehmen unseres Beteiligungskreises und ihre weltweit rund 155.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu tragen - und auch in die Zukunft zu tragen.

Ich setze mich (...) daher seit vielen Jahren für die Befähigung von Menschen ein. Weil ich daran glaube, dass jeder, der das will und kann, einen unternehmerischen Beitrag zu unserem Gemeinwesen leisten sollte. Dafür stehen meine beiden Initiativen: Die Gründerförderung UnternehmerTUM und die SKala-Initiative, mit der wir wirkungsorientierte Geschäftsmodelle im sozialen Sektor unterstützen.

Meine Damen und Herren, wir dürfen die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft und unseren Wohlstand nicht als selbstverständlich ansehen. Die Basis dafür muss täglich immer wieder neu errungen und im internationalen Wettbewerb behauptet werden.

Ich empfinde: Wir brauchen neue kreative und ganzheitliche Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse, um Deutschlands höchstes Gut - das Wissen in Technik, Naturwissenschaften, Technologie und um die Erfolge der Sozialen Marktwirtschaft zu nutzen.

Mein letzter Besuch in China hat mir gerade wieder vor Augen geführt, worin der augenscheinlichste Unterschied zu uns in Europa liegt: In China werden Entscheidungen im Sinne einer alles dominierenden Kollektivstrategie getroffen, während wir hier mit vielen Einzelinteressen und Sonderwünschen ringen.

Ich bitte Sie dies als Beobachtung und nicht als Wertung für den einen oder anderen Weg zu interpretieren. Aber die Wucht des Kollektiven verschlägt uns zunehmend den Atem für Entscheidungen in eigener deutscher und europäischer Sache. Und hierauf gilt es doch wohl eine unserer Kultur und Geisteskraft angemessene Antwort zu finden!

Dennoch schaue ich optimistisch in die Zukunft - und dies nicht zuletzt dank eines Menschen, mit dem mich auch über BMW hinaus sehr viel verbindet:

Lieber Stefan, ich bin dankbar für das große Privileg, als Unternehmerin bei BMW mit Dir zusammenarbeiten zu können. Jeder von uns hat seine Rolle und kann sich auf den anderen uneingeschränkt verlassen. Das ist ein großes Glück und eine ganz besondere Kraft - für mich, aber ich denke auch für das Unternehmen.

Herzlichen Dank.

Lesen Sie hier das ausführliche Interview mit Susanne Klatten und Stefan Quandt: "Wer würde denn mit uns tauschen wollen?"

soc

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung