Samstag, 21. September 2019

Fake-Workaholics überführt Jeder dritte Mann gibt sich als Workaholic aus - und schleicht heimlich nach Hause

Mal wieder der letzte im Büro? Ärgerlich - gibt aber Lob vom Chef. Eine Studie zeigt nun: Auch wer nur so tut, als arbeite er bis tief in die Nacht, gilt als erfolgreich.

Man stelle sich eine dieser Beratungsfirmen vor, global agierend, knallhart, schnell. Die Berater sind immer erreichbar, viel auf Reisen, vor 23 Uhr geht kaum jemand nach Hause oder ins Hotel. Die Woche hat 80 Stunden. Alle wissen das. Halten sich daran. Und bekommen entsprechend gute Bewertungen von ihren Vorgesetzten.

Doch jetzt enthüllte eine Studie ein schmutziges Geheimnis: Gut ein Viertel der Belegschaft arbeitet gar nicht rund um die Uhr - sondern tut nur so. Und wird von ihren Vorgesetzten trotzdem mit Lob und Geld bedacht.

Erin Reid, eine Juniorprofessorin an der Boston University hat in einer großen internationalen Beratungsfirma 115 Berater interviewt, ihre Personalakten und Bewertungen eingesehen und ihre Leistungen verglichen. Die renommierte Beratung, in der Reid forschte, ist bekannt für ihre hohe Arbeitsbelastung; eine permanente Verfügbarkeit der Berater für den Kunden wird vorausgesetzt.

Frauen schummeln schlechter

Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichte Reid nun in der Wissenschaftszeitschrift Organization Science. Die Forscherin konnte drei Gruppen von Consultants identifizieren: Die meisten der Angestellten spielten mit, arbeiteten lang, waren immer erreichbar - und bekamen entsprechend gute Bewertungen ihrer Vorgesetzten.

Andere wehrten sich gegen die vollumfängliche Vereinnahmung, bestanden auf flexibleren Arbeitszeiten oder weniger Reisen - und wurden vom Chef abgestraft.

Am geschicktesten stellte sich die dritte Gruppe an, immerhin 31 Prozent der männlichen Manager und elf Prozent der Frauen: Sie taten lediglich beschäftigt. Sie suchten sich Kunden in der Nähe, um weniger reisen zu müssen. Wenn sie früher nach Hause gingen, um Zeit mit der Familie zu verbringen, verloren sie keine großen Worte. Im Urlaub machten Sie früh morgens und abends einige Anrufe und blieben im Firmennetz verbunden. Ein Team junger Eltern sprach sich sogar ab, einander zu decken, so dass alle weniger Zeit im Büro verbringen müssen.

Ein junger Berater sagte, er arbeitet gezielt mit einem Kunden in der Nähe: "Ich bin dort um 17 Uhr fertig, bin um 17:30 Uhr zuhause und habe noch Zeit für ein gemeinsames Abendessen und Spielzeit mit meiner Tochter." Auch am Wochenende versuche er nicht mehr als zwei Stunden zu arbeiten. Trotzdem sei er sich der Anforderungen bewusst, die die Kunden an ihn stellen und übererfüllt sie. Von seinem Chef bekam er eine gute Bewertung - und wurde befördert.

Fake it till you make it

Spannend wird es beim Blick auf die Arbeitsweisen der weiblichen Kollegen: Diese machten ihr Fehlen transparent, indem sie öfter offiziell eine geregeltere oder verringerte Arbeitszeit einforderten. Und bekamen wesentlich häufiger schlechte Bewertungen - auch wenn sie nicht weniger oder schlechter arbeiteten, als die Kollegen, die sich ihr bisschen mehr an Freiheit diskret erschleichen.

Natürlich mag die Untersuchung nicht repräsentativ sein, aber sie zeigt deutlich, dass ein Arbeitnehmer stärker an Präsenz und Verfügbarkeit gemessen wird, als an seiner objektiven Leistung. Und dass das Bild des idealen Arbeitnehmers immer noch das des Dauerverfügbaren 80-Stunden-Workaholics ist. Männer scheinen dies verstanden zu haben, und wissen, wie sie geschäftig wirken, ohne es zu sein. Und schaffen es somit besser als Frauen, sich diskret unter dem Radar der Vorgesetzten wegzuducken.

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