Das neue schwache Geschlecht Warum Männer ins Stimmtraining rennen

Von Karin Seven
Viele "ähems" und "vielleichts", hohe, brüchige Stimmen, eine gehemmte Körpersprache - bei der Selbstpräsentation im beruflichen Kontext ist für viele Männer noch Luft nach oben

Viele "ähems" und "vielleichts", hohe, brüchige Stimmen, eine gehemmte Körpersprache - bei der Selbstpräsentation im beruflichen Kontext ist für viele Männer noch Luft nach oben

Foto: Corbis

Seit einigen Jahren gibt es einen Wandel auf deutschen Präsentationsbühnen. Aber nicht nur dort. Das ehemals schwache Geschlecht strebt ambitioniert nach vorne und zeigt entschieden Women-Power, auch wenn die berufliche Gleichberechtigung noch viel zu wünschen übrig lässt. Während Frauen entschieden Präsenz zeigen, schwächeln die Männer und wirken unentschlossen. Einst waren Männer die Macher, Beschützer, Versorger mit klaren Aufgaben, diese Rolle hatten sie ebenso lange ausgefüllt wie Frauen am heimischen Herd saßen. Mann kannte sich aus mit männlichen Kommunikationsmustern.

Die Spielregeln hießen: mit lauter Stimme wirst Du gehört, mit Power-Posen gesehen, über Erfahrung und Verantwortung schaffst Du Dir Selbstwert und Ansehen! Dieses Wissen steckte den Männern Jahrtausende im Körpergedächtnis und war jederzeit abrufbar. Kräftig, stark, laut, resonant, körperlich raumfüllend. Beeindruckend.

Jetzt preschen die Frauen vor. Mit ebenso klarer und zielorientierter Kommunikation und einem starken Auftritt. Hingegen treten die Männer auf beruflichem Parkett heute verhaltener auf und sind weniger bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sie haben mehr Angst vor Fehlern und schaffen es kaum, sich klar zu positionieren. Viele wirken unentschieden, ihre innere wie äußere Haltung ist zurückgenommen. Selbstzweifel machen sich breit. Diese Verunsicherungen beeinflussen Körpersprache und Stimmen der Männer.

Die Stimmen rutschen hoch

Als Coach und Trainerin in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und starker Auftritt nehme ich zunehmend das folgende Phänomen wahr: Während Frauen über die letzten Jahre klarere, resonantere und tiefere Stimmen und bestimmende Körpergesten entwickeln, kommt es bei der jüngeren Männergeneration zu einer Veränderung in die entgegengesetzte Richtung. Auf männlicher Seite konstatiere ich zunehmend hochgerutschte Stimmen. Höher, dünner und brüchiger.

Die Sprache wirkt dadurch weniger getragen, die Botschaften kommen kraftlos an. Ihre Unsicherheit zeigt sich neben der Tonlagen, auch im Gebrauch vieler "ähms" "vielleichts" und anderen Füllwörtern. Bisher waren es einzig und allein Damen, die mit ihren hohen dünnen Stimmen Training brauchten, um Vorträge zu meistern. Nun erscheinen die Herren zuhauf im Stimm- und Präsentationstraining. Sie fühlen sich unsicher und suchen Unterstützung, um sich vor allem im beruflichen Umfeld weiterhin Gehör zu verschaffen.

Die Körpersprache der neuen Männer wirkt lasch und unterspannt

Zeitgleich beobachte ich neben dem Aufweichen der männlichen Stimmkraft eine verhaltene Körpersprache der Herren. Eine Körpersprache, die eher weiblich anmutet und reduziert, gehemmt oder gar verschlossen wirkt, es fehlt an Spannkraft. Die Körpersprache dieser "neuen" Männer wirkt lasch und häufig unterspannt. Es mangelt an festem Stand auf beiden Füßen und an einem geraden und kraftvoll nach oben strebenden Torso, der bereit ist, in Aktion zu gehen.

Der moderne Mann steht aufgrund des verlagerten Schwergewichts häufig halt- und hilflos nur auf einem Bein, mit eingesunkener Brust und auch noch leicht zur Seite geneigtem Kopf. Geballte männliche Tatkraft und Durchsetzungsvermögen sehen anders aus. Hände und Arme werden verschränkt vor oder gar hinter dem Rücken festgehalten. Ein weiteres Signal, Mann möchte weder anpacken noch in Angriff nehmen. Auch wenn es heutzutage weniger physische, sondern mehr kognitive Tätigkeiten sind, ist der Körperausdruck nicht weniger wichtig. Denn er unterstreicht das, was wir zu vermitteln versuchen. Oder schwächt es eben ab, wie ich bei vielen Männern beobachte.

Manch einem fällt das selbst nicht auf, aber dem Gegenüber, dem Vorgesetzten oder Chef. Viele meiner Klienten werden geschickt beziehungsweise kommen über ein Feedback. "Du kommst zu monoton, zu blass, zu verhalten rüber." Einige hingegen spüren selbst: Ich komme stimmlich nicht mehr an. Die resonante Stimme mit der Mann einst durch die Wälder tönte, klingt heutzutage dünn und zaghaft. Doch will Mann ernst genommen werden, wird er vor allem in seiner Wirkung kommunizieren müssen: ich bin stimmig, flexibel und aktionsbereit. Ich bin der Richtige für hohe Anforderungen, für Herausforderungen, für den Job. Bedeutet in der Außendarstellung sich kraftvoll und entschieden zu zeigen. Aber der Schein allein ist nicht die Lösung. Es gilt die innere Haltung zu überprüfen. Das eigene Profil.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Der Körper sowie die Stimme kommunizieren unentwegt unsere Gedanken, unsere Gefühle, unseren Antrieb. Lebendigkeit und Authentizität im Ausdruck sind die Folge. Das bedeutet klare Körpersprache mit eindeutiger Gestik und fester Stimme. Reduziertes wie inkongruentes Ausdrucksverhalten hingegen lässt auf Unsicherheiten und verschwommene inneren Haltungen schließen.

Die äußere Verschwommenheit kommuniziert die innere Unklarheit

Die menschliche Stimme wie auch das körpersprachliche Ausdrucksverhalten lassen stets auf innere Einstellungen und Haltungen schließen. Das heißt innere Vorgänge werden durch Körper und Stimme erst für das Außen sichtbar. Deshalb gilt es im Umkehrschluss hier anzusetzen und zu hinterfragen, was will Mann heute, hier und jetzt? Die äußere Verschwommenheit und Unsicherheit kommuniziert die innere Unklarheit und Ängstlichkeit.

Ist es das Auftauchen von mehr und mehr Powerfrauen, das diesen Prozess in Gang gesetzt hat? Das gemischte Parkett im Business braucht eine neue Position, gerade für den Mann. Jedenfalls muss der Mann von heute eine genauso klare Position finden wie die Frau und sein Selbstbild überprüfen müssen. Keine Laissez-faire-Haltung, sondern eine klare innere Ausrichtung. Was will ich? Wohin will ich? Welche Tätigkeits- und Verantwortungsbereiche kann und will ich übernehmen? Besonders an seiner zwischenmenschlichen Kommunikationskompetenz muss er arbeiten. Es gilt seine Mission und Vision zu klären. Nur dann kann er in seiner Person zu Klarheit kommen, und somit im Außen professionell und kompetent wirken.

Auch sein Selbstbewusstsein ist gefragt. Die analytischen, intuitiven und kommunikativen Skills, die Mann per se nicht drauf hat, gilt es zu erlernen. Spielt sich doch vieles auf der Beziehungsebene ab. Gerade im Job ist gute und klare Kommunikation, vor allem in unserer schnelllebigen Zeit wichtig, um zu effektiven und konstruktiven Ergebnissen zu gelangen.

Männliche und weibliche Denkweise vereinen

Es kann weder darum gehen, dass Männer Machos sind oder weiblich werden. Genauso wenig geht es darum, dass Frauen sich in Männer verkleiden, ausschließlich über Kopf oder Adrenalin agieren. Es ist gut und richtig, dass es eine männliche wie weibliche Eigenheit gibt. Da jedoch sich heutzutage die Interessen und Berührungspunkte privat wie beruflich neu darstellen und der Mann weder allein unter seinesgleichen agiert, gilt es sich auf dem neuen Spielfeld mit gemischten starken Geschlechtern zurechtzufinden. Neue Aufgaben erfordern neue Rollen, er wird für sich klären müssen, in welche neuen Rollen er schlüpfen will.

Nur wenn er seine Wünsche, Bedürfnisse, sein Selbst ergründet und sich bewusst machen kann, und wenn er weiß, welche Rollen er bedienen möchte, kann er sich selbst in Klarheit und neuem Selbstbewusstsein präsentieren. Mit seiner ganzen Persönlichkeit kann er folglich zeigen, was er hat, kann und will. Dann wird er wieder klar und entschieden auftreten, im wahrsten Sinn des Wortes: in klarer Körpersprache und festem resonanten Ton.

Für Mann wie Frau gilt es diesen Wandel aufmerksam und bewusst zu durchlaufen, in gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung, denn Veränderungsprozesse sind für alle stets eine Herausforderung. Schulter an Schulter und auf gemeinsamer Augenhöhe gelingt dies besser und verspricht für beide Seiten mehr Erfolg. Zwei starke Geschlechter ist mein Vorschlag!

Karin Seven arbeitet als Schauspielerin in Film und Fernsehen, steht auf deutschen und amerikanischen Bühnen und ist als Sprecherin für Synchron und Hörfunk tätig. Außerdem coacht sie Schauspieler und alle, die in kommunikativen Berufssituationen professionell und überzeugend wahrgenommen werden möchten. Ihr neues Buch "Power Act - Ihr starker Auftritt: Sich selbstbewusst und ausdrucksstark präsentieren" ist im April 2015 erschienen.

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