Sonntag, 26. Mai 2019

Austauschprogramm Amerika, ein ganzes Jahr

Handwerker, Techniker, Industriekaufleute: Ein ganzes Jahr dürfen sie Amerika kennenlernen

Für viele Studenten ist das Auslandssemester zum Standard-Element in der Ausbildung geworden. Doch betriebliche Auszubildende bleiben bisher eher konsequent in Deutschland. Das kann das Parlamentarische Patenschafts-Programm ändern. Ein Besuch im Gastland.

So eine Chance bekommt nicht jeder: Vor zwölf Monaten ging Tino Lehmann nach Chicago. Bewarb sich an einem College, fand eine Praktikumsstelle, integrierte sich in einen Männerhaushalt. "Es war das beste Jahr meines Lebens", sagt der 24-jährige. Zum Abschied ließ er sich die Koordinaten der "Windy City" tätowieren, seitlich am rechten Oberkörper: 41.8500° N, 87.6500° W.

Nicht immer hinterlässt das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) so sichtbare Spuren, doch die Begeisterung der Teilnehmer ist fast immer groß.

Es ist das einzige offizielle Austauschprogramm für Nicht-Akademiker - Handwerker, Techniker, Industriekaufleute. Viele haben gerade ihre Ausbildung beendet. Ein ganzes Jahr dürfen sie Amerika kennenlernen - bei einer Gastfamilie wohnen, die auch mal unkonventionell sein kann, für ein Semester ein College besuchen und ein halbes Jahr als Praktikant in einem Unternehmen ihrer Wahl arbeiten.

Das prägt fürs Leben. "Viele machen in dem Jahr einen gewaltigen Entwicklungssprung", sagt Ute Gabriel, Projektleiterin bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Bonn, die das Programm organisiert.

PPP feiert 30-jähriges Jubiläum

Tino Lehmann jedenfalls hat sich verändert. Der Bankfachwirt ist eher ein ruhiger Typ; einer mit schwarzer Brille und konservativen Hemden. Doch von Chicago und seinem Praktikumssponsor, dem Versicherer HDI-Gerling America, war er so hingerissen, dass er sich sofort um eine Greencard bewarb. Als das nicht klappte, sondierte er, ob es bei Gerling einen festen Job für ihn geben könnte.

Sein Arbeitgeber, eine Sparkasse in Mecklenburg-Vorpommern, die ihn für den Austausch freigestellt hatte, wird von den Auswanderungsträumen vielleicht nicht ganz so begeistert sein.

Das PPP feiert in diesem Jahr 30-jähriges Jubiläum. Trotz oder gerade wegen des Internets, das grenzüberschreitende Kommunikation erleichtert, ist es begehrter denn je. Gegründet wurde es von den Regierungen Kohl und Reagan genau 300 Jahre, nachdem die ersten deutschen Einwanderer in Pennsylvania Fuß fassten.

Heute bewerben sich für die 75 Plätze im Durchschnitt über 500 junge Leute. Viele träumen von Kalifornien oder New York, doch die meisten landen in der Provinz - dort, wo Colleges bezahlbar sind.

Der Kieler Leon Bajrami erwischte mit Portland (Oregon) immerhin noch eine Großstadt, während die Göttingerin Julia Leibrich mit Garden City, einer 30.000-Einwohner-Stadt im ländlichen Kansas, eine Niete zog - scheinbar. "Alle fragten, was machst du ausgerechnet in Kansas? Aber ich war glücklich dort." Gerade der Alltag im Mittleren Westen, der so ganz anders ist als der deutsche, kann spannend sein.

Überraschungen erleben die Deutschen schon im College. Tino Lehmann wunderte sich über die Flut von Tests, "nach jedem Lernabschnitt". Noch sonderbarer fand er, dass es zuweilen gestattet war, Prüfungsbogen mit nach Hause zu nehmen. Ein Englischkurs, von dem er sich tiefere Einblicke in die Grammatik erhoffte, entpuppte sich als Werkstatt fürs Aufsatzschreiben. Essays, so lernte er, sind in den USA zentral für die Bewerbung an Hochschulen - und sogar manche Arbeitgeber legen Wert darauf.

Im Praktikum stellen die Gäste fest, wie privilegiert deutsche Arbeitnehmer im Vergleich zu ihren amerikanischen Kollegen sind, was Urlaub und Kündigungsschutz angeht. Sie erleben aber auch, dass ihnen viel zugetraut wird - mehr zuweilen als daheim.

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