Austauschprogramm Amerika, ein ganzes Jahr

Für viele Studenten ist das Auslandssemester zum Standard-Element in der Ausbildung geworden. Doch betriebliche Auszubildende bleiben bisher eher konsequent in Deutschland. Das kann das Parlamentarische Patenschafts-Programm ändern. Ein Besuch im Gastland.
Von Christine Mattauch
Handwerker, Techniker, Industriekaufleute: Ein ganzes Jahr dürfen sie Amerika kennenlernen

Handwerker, Techniker, Industriekaufleute: Ein ganzes Jahr dürfen sie Amerika kennenlernen

Foto: Jeff Zelevansky/ picture alliance / dpa

So eine Chance bekommt nicht jeder: Vor zwölf Monaten ging Tino Lehmann nach Chicago. Bewarb sich an einem College, fand eine Praktikumsstelle, integrierte sich in einen Männerhaushalt. "Es war das beste Jahr meines Lebens", sagt der 24-jährige. Zum Abschied ließ er sich die Koordinaten der "Windy City" tätowieren, seitlich am rechten Oberkörper: 41.8500° N, 87.6500° W.

Nicht immer hinterlässt das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) so sichtbare Spuren, doch die Begeisterung der Teilnehmer ist fast immer groß.

Es ist das einzige offizielle Austauschprogramm für Nicht-Akademiker - Handwerker, Techniker, Industriekaufleute. Viele haben gerade ihre Ausbildung beendet. Ein ganzes Jahr dürfen sie Amerika kennenlernen - bei einer Gastfamilie wohnen, die auch mal unkonventionell sein kann, für ein Semester ein College besuchen und ein halbes Jahr als Praktikant in einem Unternehmen ihrer Wahl arbeiten.

Das prägt fürs Leben. "Viele machen in dem Jahr einen gewaltigen Entwicklungssprung", sagt Ute Gabriel, Projektleiterin bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Bonn, die das Programm organisiert.

PPP feiert 30-jähriges Jubiläum

Tino Lehmann jedenfalls hat sich verändert. Der Bankfachwirt ist eher ein ruhiger Typ; einer mit schwarzer Brille und konservativen Hemden. Doch von Chicago und seinem Praktikumssponsor, dem Versicherer HDI-Gerling America, war er so hingerissen, dass er sich sofort um eine Greencard bewarb. Als das nicht klappte, sondierte er, ob es bei Gerling einen festen Job für ihn geben könnte.

Sein Arbeitgeber, eine Sparkasse in Mecklenburg-Vorpommern, die ihn für den Austausch freigestellt hatte, wird von den Auswanderungsträumen vielleicht nicht ganz so begeistert sein.

Das PPP feiert in diesem Jahr 30-jähriges Jubiläum. Trotz oder gerade wegen des Internets, das grenzüberschreitende Kommunikation erleichtert, ist es begehrter denn je. Gegründet wurde es von den Regierungen Kohl und Reagan genau 300 Jahre, nachdem die ersten deutschen Einwanderer in Pennsylvania Fuß fassten.

Heute bewerben sich für die 75 Plätze im Durchschnitt über 500 junge Leute. Viele träumen von Kalifornien oder New York, doch die meisten landen in der Provinz - dort, wo Colleges bezahlbar sind.

Der Kieler Leon Bajrami erwischte mit Portland (Oregon) immerhin noch eine Großstadt, während die Göttingerin Julia Leibrich mit Garden City, einer 30.000-Einwohner-Stadt im ländlichen Kansas, eine Niete zog - scheinbar. "Alle fragten, was machst du ausgerechnet in Kansas? Aber ich war glücklich dort." Gerade der Alltag im Mittleren Westen, der so ganz anders ist als der deutsche, kann spannend sein.

Überraschungen erleben die Deutschen schon im College. Tino Lehmann wunderte sich über die Flut von Tests, "nach jedem Lernabschnitt". Noch sonderbarer fand er, dass es zuweilen gestattet war, Prüfungsbogen mit nach Hause zu nehmen. Ein Englischkurs, von dem er sich tiefere Einblicke in die Grammatik erhoffte, entpuppte sich als Werkstatt fürs Aufsatzschreiben. Essays, so lernte er, sind in den USA zentral für die Bewerbung an Hochschulen - und sogar manche Arbeitgeber legen Wert darauf.

Im Praktikum stellen die Gäste fest, wie privilegiert deutsche Arbeitnehmer im Vergleich zu ihren amerikanischen Kollegen sind, was Urlaub und Kündigungsschutz angeht. Sie erleben aber auch, dass ihnen viel zugetraut wird - mehr zuweilen als daheim.

Mittler zwischen den Welten

Claudia Fest zum Beispiel, 23 Jahre und Industriekauffrau aus Brandenburg, kam durch PPP in die Kleinstadt Mount Prospect (Illinois) und absolvierte ihr Praktikum bei der Robert Bosch Tool Corporation, einer Tochter des gleichnamigen Stuttgarter Konzerns. In der IT-Abteilung half sie beim Aufbau einer internen Kommunikationsplattform. "Ich war ganz neu, bekam aber trotzdem schnell eigene Projekte", wunderte sie sich. Ihre Erkenntnis: "In Amerika wird einem so lange freie Hand gelassen, bis man etwas richtig vermasselt."

Tatsächlich haben die Deutschen aber auch einen Wettbewerbsvorteil, der vielen gar nicht bewusst ist - eine duale Ausbildung wie in Deutschland gibt es in den USA nicht. "Die Arbeitgeber merken schnell, was sie da für Kaliber haben", bestätigt Projektleiterin Gabriel. Sie erinnert sich an einen Mechatroniker, der bei einem kleinen Klimaanlagenbauer eine neue Maschine besser bedienen konnte als der Vorarbeiter. Fortan wurde er stets geholt, wenn Kunden eine Vorführung wünschten. "Die Anerkennung gab ihm so einen Auftrieb, dass er sich plötzlich ein Studium zutraute."

So geht es den meisten PPP-Teilnehmern: Das Auslandsjahr macht selbstbewusst, erweitert den Horizont und eröffnet oft auch beruflich neue Perspektiven. "Ich bin noch selbstständiger geworden und weiß besser, worauf es mir ankommt", sagt Claudia Fest, die vor dem Austausch in der Personalabteilung der Edis AG in Fürstenwalde arbeitete. Dorthin kehrt sie nun auch zurück, doch für sie steht fest: "In Zukunft will ich internationaler arbeiten. Das ist für mich ein Weg, jeden Tag glücklich zur Arbeit zu gehen."

Ein Teilnehmer aus den Anfängen des PPP ist Jürgen Fiedler. In Spokane (Bundesstaat Washington) volontierte er 1987/88 bei der Washington Mutual Savings Bank. Nach nur vier Wochen setzten seine Betreuer ihn, der als Lehrling in Deutschland kein Geld in die Hand nehmen dürfte, hinter den Kassenschalter. So was beflügelt. "Ich war voller Energie, als ich zurück nach Deutschland kam", erinnert sich Fiedler. "Wann immer jemand für einen Auslandseinsatz gesucht wurde, hab ich seither die Hand gehoben." Seiner Laufbahn schadete das nicht - Fiedler ist heute Managing Director der Deutschen Bank in New York.

Ein paar Wochen im Abgeordnetenbüro

Doch bei PPP geht es um mehr als Karriere. "Die jungen Leute sind Mittler zwischen den Welten", sagt Managerin Gabriel. Deshalb wird das Programm von beiden Regierungen gefördert - so wie jedes Jahr 75 Deutsche in die USA reisen, kommen 75 Amerikaner nach Deutschland. Politiker stellen sich als Paten zur Verfügung, und ausgesuchte Teilnehmer dürfen ein paar Wochen im Abgeordnetenbüro helfen.

Claudia Fest etwa erlebte hautnah, wie die Waffendiskussion Wähler spaltet - sie hospitierte bei Chris Gibson, einem Republikaner aus dem ländlichen Teil des Staates New York, in dem konservative Farmer ebenso leben wie großstadtmüde Intellektuelle.

Der Staat übernimmt Kosten für Flug, Unterbringung und College, aber gratis ist das Programm für die Teilnehmer trotzdem nicht. Die GIZ empfiehlt, mindestens 4000 Euro in Reserve zu haben, schon weil die meisten ein Auto kaufen müssen - und nicht jeder ist so versiert wie Claudia Fest, die ihren Mazda Protege am Ende des Aufenthalts mit 500 Dollar Gewinn weiterverscherbelte. Doch für Tino Lehmann steht fest: "Jeden Euro war es wert."

Zum Programm gehört auch ein Abschlusstreffen in der Bundeshauptstadt Washington. Da sitzen sie dann im eleganten Hörsaal der McDonough School of Business der Georgetown University und bereden, wie es war, das Jahr in der Fremde. Wie manche Stereotype stimmten - etwa dass Religion eine weitaus größere Rolle spielt als daheim - und andere nicht, zum Beispiel dass sich Amerikaner gar nicht für Europa interessieren. Wie sie selbst lernten, ihre Heimat mit fremden Augen zu sehen. "Ich hab mal mit amerikanischen Kumpels über Arbeitsrecht diskutiert", berichtet einer. "Danach wollten alle nach Deutschland ziehen".

Es ist für die jungen Leute der letzte gemeinsame Abend vor der Rückkehr. In Deutschland würde jetzt eine Party steigen. Doch in den USA ist das mit dem Feiern so eine Sache. Zwar ist auf dem Rasen ein Grillbuffet aufgebaut, doch "Alkohol ist auf dem Campus tabu", warnt Beth Uding, die Programmmanagerin von Cultural Vistas, der amerikanischen Partnerorganisation der GIZ. Im Schlafsaal geht um 22 Uhr das Licht aus, und am nächsten Morgen wird um sieben Uhr das Frühstück serviert. Auch das ist Amerika.

Bewerbungsschluss für das nächste PPP, das im August 2014 beginnt, ist der 13. September. Infos und Unterlagen unter www.giz.de/usapp  oder www.bundestag.de/ppp .

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