Freitag, 18. Oktober 2019

Was Manager von Greta Thunberg und Rezo lernen können Zuhören allein reicht nicht!

Mehr Zuhören schadet nicht - auch unter Vorgesetzten nicht
Filippo Monteforte/ AFP
Mehr Zuhören schadet nicht - auch unter Vorgesetzten nicht

Die Umweltaktivistin Greta Thunberg und der Youtuber Rezo haben auf ihre Art die Massen bewegt und breite Diskussionen ausgelöst. Auch Führungskräfte könnten daraus lernen. Denn diese neuen Generation kommt nicht erst. Sie ist schon da.

Greta Thunberg brauchte anfangs nicht mehr als ein Pappschild, um aus ihrem Klimastreik eine Jugendbewegung zu machen. Dem Youtuber Rezo reichte ein selbstproduziertes Video, um eine deutschlandweite Diskussion über die Rolle der Volksparteien auszulösen. Und alle fragen sich: Wie kam es dazu?

Elke Eller
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    BPM/Amin Akthar
    Elke Eller ist Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager und Mitglied im Vorstand der TUI Group. Seit 2018 ist sie Mitglied im Aufsichtsrat bei Kali & Salz. Zuvor war sie in leitenden Positionen im Volkswagen-Konzern sowie für Gewerkschaften und gewerkschaftsnahe Stiftungen tätig.

Natürlich spielt die starke innere Überzeugung dieser beiden jungen Menschen eine Rolle und wie sie die sozialen Medien nutzen, wie sie mit ihrer Generation auf Augenhöhe kommunizieren. Allerdings scheint mir das grundlegende Problem woanders zu liegen: Sind den Volksparteien in den zurückliegenden Jahren - als sie sich in einer Großen Koalition behaglich eingerichtet haben - die Antennen für die Themen abhandengekommen, die junge Menschen interessieren? Haben sie nicht ausreichend zugehört?

Zuhören können ist keine Banalität. Und um es gleich vorwegzunehmen: Zuhören allein reicht nicht aus. Am Ende muss jemand eine Entscheidung treffen. Aber die aktuellen Beispiele sollten ein Anlass sein zu hinterfragen, wie es eigentlich in unseren Unternehmen mit dem Zuhören aussieht. Greta und Rezo führen uns vor Augen, warum es sich lohnt, Mitarbeitern zuzuhören. Zuhören kann ein Frühwarnsystem sein - für notwendige Veränderungen, für die Durchsetzbarkeit neuer Ideen oder einfach um zu wissen, was Mitarbeiter jenseits ritualisierter Meetings bewegt. Dabei stoßen Führungskräfte oft auf ein scheinbares Paradoxon: Wie sollen sie mitarbeiterorientiert und einfühlend handeln, gleichzeitig aber den durchsetzungsstarken Macher geben?

Designermöbel statt Diskussionskultur

Eigentlich sollen "New Work"-Ansätze den Rahmen dafür bieten, Hierarchien abzubauen, Wissenssilos zu sprengen und Kommunikation auf Augenhöhe zu betreiben. Leider gibt es zwischen propagierter New-Work-Welt und gelebter Managementpraxis immer noch eine hartnäckige Sollbruchstelle, die es vielen Mitarbeitern nahezu unmöglich macht, sich wirksam Gehör zu verschaffen. Ich rede von der Haltung, die in vielen Führungsetagen immer noch an den Tag gelegt wird. Designermöbel, Kaffeeautomat und Hängematte allein machen keine New-Work-Kultur aus. Genauso wenig wird eine offene, ergebnisorientierte Kultur entstehen, wenn in Meetings Ideen einfach abgebügelt werden oder im täglichen Umgang keine Chance für den offenen Austausch besteht.

Wie häufig stoßen fähige Fachkräfte mit ihren Ideen auf ignorante Vorgesetzte? Warum verlassen genau sie nach mehreren vergeblichen Gesprächen ihren Arbeitgeber, dem sie bisher sehr verbunden waren? Die Antwort ist fast immer dieselbe: Das Management interessiert sich nicht für ihre Belange. Dabei wäre doch genau das seine Aufgabe.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht darum, einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter für eine nutzlose Idee den roten Teppich auszurollen, um sie oder ihn zu halten. Gutes Zuhören aber würde bedeuten, die Belange ernst zu nehmen. Sich darüber auszutauschen. Und zum Weiterdenken zu motivieren. Die Realität sieht oft ganz anders aus: Mal werden falsche Versprechen und nicht realisierbare Garantien für Jobperspektiven ausgesprochen, ein anderes Mal gibt es Ausflüchte auf berechtigte Fragen der Mitarbeiter, oder die Führungskraft hinterlässt die Beschäftigten mit einem Informationsvakuum. Geben diese dann irgendwann mutlos auf und kündigen, hören sie von der Führungskraft nicht selten den Satz: "Reisende soll man nicht aufhalten."

Die neue Generation kommt nicht erst. Sie ist schon da

Wenn wir es ernst meinen mit der Entwicklung und Bindung unserer fähigen Kräfte, müssen wir uns von solchen Gewohnheiten schleunigst verabschieden. Denn die Machtverschiebung in unserem Umfeld hat längst begonnen. Diejenigen, die bei den Klimademos deutschlandweit mitlaufen, werden bald vor den Türen unserer Unternehmen stehen. Diejenigen, die Rezo vertrauen wie wir der Tagesschau, sind als Graduates und Auszubildende längst da. Niemand sollte davon ausgehen, dass die gesellschaftlichen Umbrüche und die Politisierung einer ganzen Generation keine Auswirkung auf die Mitarbeiterführung hat. Was wir jetzt auf keinen Fall gebrauchen können sind Führungskräfte, die vor allem mit sich selbst beschäftigt sind und nicht zuhören können.

Also: Weg mit der ständigen Überlegenheit und trügerischer Allwissenheit, denn mit dieser Haltung lassen sich Probleme nicht lösen. Ein empathischer, mitarbeiterorientierter Führungsstil hat auch nichts mit Schwäche und mangelnder Durchsetzungskraft zu tun. Im Gegenteil: Mitarbeiter fühlen sich dadurch nicht nur persönlich wertgeschätzt und mit ihrem Wissen anerkannt, sondern entwickeln auch ein stärkeres Gefühl der Zugehörigkeit zum Unternehmen.

Schon kleine Schritte in Richtung positive Gesprächs- und Arbeitsatmosphäre können große Wirkung erzielen. Es ist wichtig, aktiv zu kommunizieren und auch mit schwierigen Themen offen umzugehen, für die es vielleicht noch keine Lösung gibt. Zeigen Sie ihren Mitarbeitern bei jeder Gelegenheit, dass Sie ihre Meinung schätzen und respektieren. Senden Sie von Zeit zu Zeit Signale, wie wichtig die Arbeit ihrer Mitarbeiter für das Unternehmensziel ist. Und schaffen Sie Teilnahmemöglichkeiten für individuelles Engagement.

Natürlich ist das mühsam, zeitaufwendig und nicht immer von Erfolg gekrönt. Aber unsere wirtschaftliche Erfolgsgeschichte wird sich nur fortschreiben lassen, wenn wir uns die Unterstützung unserer Mitarbeiter sichern. Viele von uns fremdeln mit dieser Gegenwart - aber sie kommen nicht auf die Idee, dass es an ihnen selbst liegen könnte. Daher ist es Zeit, das nächste Kapital der persönlichen Weiterentwicklung aufzuschlagen - und intensiver zuzuhören.

Elke Eller ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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