Wie Männer wirklich sind Teil 4 Das Märchen von der weiblichen Konkurrenz

Leistungsträger, Super-Papa, feuriger Liebhaber - es gibt unzählige Vorstellungen, wie moderne Männer zu sein haben. In seinem Buch "Männer" räumt Björn Süfke mit der Idee eines neuen Männerbildes auf. manager-magazin.de veröffentlicht Auszüge daraus als Serie. Im vierten Teil erklärt der Autor, dass Frauen den Männern mitnichten Arbeitsplätze wegnehmen. Und Männer mehr Hausarbeit machen, als viele glauben.
Von Björn Süfke
Foto: Corbis

Viele Männer sind heute in der Krise, weil die orientierungs- und sinnstiftende Funktion der Erwerbsarbeit bröckelt. Und manchmal auch, weil sie mit der neuen weiblichen Konkurrenz am Arbeitsmarkt sowie mit den teilweise neuen Unternehmenskulturen noch nicht umzugehen wissen, ihnen aber die frauentypischen Arbeitsfelder als Alternative auch nicht wirklich offenstehen.

Folgt man der öffentlichen Debatte, könnte man manchmal den Eindruck gewinnen, die einzige Krise, das einzige Problem, das für Männer aus den Entwicklungen des letzten halben Jahrhunderts resultiert, ist die Tatsache, dass "Frauen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen". Die Logik dieses "Arguments" ist löchrig. Frauen könnten den Männern ja nur dann "Arbeitsplätze wegnehmen", wenn an den Plätzen, wo bislang mehrheitlich Frauen waren, nicht gearbeitet wird. Das allerdings ist eine gewagte These. Das sage ich jetzt nicht nur aus eigener Erfahrung als Vater von drei noch recht kleinen Kindern. Auch viele Schätzungen der Gesamtarbeitszeiten von Frauen und Männern deuten in eine andere Richtung: Je nach Untersuchung ist da von bis zu einer halben Stunde mehr täglicher Freizeit bei Männern die Rede (…).

Björn Süfke
Foto: Süfke

Björn Süfke ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Psychotherapeut mit Männern aller Altersstufen. Er lebt mit seiner Familie bei Bielefeld. Zuletzt erschienen von ihm "Männerseelen. Ein psychologischer Reiseführer" (Patmos, 2010), "Die Ritter des Möhrenbreis. Geschichten von Vater und Sohn" (Walter, 2010). Weitere Informationen unter www.maenner-therapie.de. 

Ich persönlich traue diesen Einschätzungen (…) nicht hundertprozentig. In den meisten Untersuchungen zum Ausmaß der verrichteten Hausarbeit kann ich etwa die Posten "Steuererklärung machen", "Handwerker bestellen (und überwachen)" oder "Autoreifen wechseln" nicht auffinden. Viele mehrheitlich von Frauen erledigte Arbeiten von "Bügeln" bis "Wäsche waschen" werden hingegen dezidiert aufgelistet. Offensichtlich wird längst nicht alles, was Mann im Haus so macht, auch als "Hausarbeit" verstanden. Wertet man zudem den Mehraufwand von Frauen bei der persönlichen Pflege sowie den "Shopping"-Anteil an der Nicht-Freizeitaktivität "Einkaufen" als Freizeit, ergibt sich (…) fast ein Gleichstand.

Trotz solcher "blinder Flecken" bei der Datenerhebung ist meines Erachtens kaum davon auszugehen, dass Frauen in traditionell organisierten Gesellschaften jemals nennenswert weniger gearbeitet haben als Männer. Durch eine gesellschaftliche Entwicklung, die mehr Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt bringt, wird Männern also nicht unbedingt Arbeit weggenommen. Es geht vielmehr um eine gesellschaftliche Umverteilung der Arbeit.

Die weibliche Konkurrenz

Eine passendere Formulierung könnte also lauten, dass Frauen Männern ganz spezifische Arbeitstätigkeiten oder auch -positionen zunehmend "streitig machen". (…) Ebenso müssen Frauen zunehmend um Arbeitsbereiche, die bis vor kurzem nur ihnen allein zugestanden wurden, mit Männern konkurrieren. (…) Dass allerdings diese gesellschaftliche und individuelle Um- oder Neuverteilung der Arbeit tendenziell zu Lasten der Männer geht, ist der größte und weitverbreitetste Blödsinn, den ich in der Debatte um die Geschlechterverhältnisse jemals gehört habe.

Wer diese Rechnung so aufmacht, setzt erstens Lebenszufriedenheit mit Macht und Geld gleich. Trotz aller Studien, die keinen entsprechenden Zusammenhang finden, kann ich das sogar irgendwie noch nachvollziehen. Zweitens aber negiert diese Aussage jede Möglichkeit, dass beide Seiten, Männer und Frauen, letztlich profitieren - auch wenn sie jeweils partiell Verzicht leisten. Wer also so denkt, und das sind eben erschreckend viele, muss sehr, sehr einsam sein. […]

Heute nutzen die Frauen die neuen Möglichkeiten, die sie sich erkämpft haben. Und treffen auf dem Arbeitsmarkt auf Männer, die weiterhin dort stehen, wo sie schon immer standen - weil sie schlichtweg keine neue Alternative haben. Das führt zu Konflikten. Und die Schuldigen sind schnell gefunden: Es sind die Männer, die "auf ihren Stühlen der Macht kleben", die stur "an ihren Privilegien festhalten", die sich eisern "an ihre überkommenen Rollen klammern".

Diese Vorstellung, dass Männer allein deswegen auf ihren angestammten Plätzen bleiben, weil es dort so viel schöner ist, weil diese Männer zu bequem zum Nachdenken sind und weil sie sowieso nur an Macht denken, ist der nächste weitverbreitete Blödsinn.

Wo bleibt die Männerförderung?

Wären die vielen Millionen junger Frauen, die sich heute als emanzipiert betrachten, genauso emanzipiert, wenn es all die Bildungsoffensiven, die Frauenförderprogramme, die Leitartikel, die politischen Bemühungen der frühen Feministinnen, die Gesetzesänderungen und die Veränderungen der gesellschaftlichen Kultur des letzten halben Jahrhunderts nicht gegeben hätte? Hätte sich jede einzelne dieser Frauen wohl allein aus sich selbst heraus, vielleicht noch auf Wunsch des Partners, auf jeden Fall aber ohne gesellschaftliche Begleitung so weiterentwickelt?

(…) Selbstverständlich ist es für Männer ein Thema, wenn ihre Karrierechancen, die für die Mehrheit nun ohnehin nicht gigantisch sind, durch die zunehmende weibliche Konkurrenz oder vielleicht sogar durch eine Quotenregelung gemindert werden. Für den einzelnen Mann, für viele einzelne Männer, ist das natürlich bedauerlich. Mit teilweise dramatischen persönlichen Konsequenzen. Die Statistiken sprechen für sich: Die Erwerbsquote von Frauen steigt deutlich stärker an als die der Männer, die Arbeitslosenquote der Männer liegt bereits seit einigen Jahren über der von Frauen. Auch von der Finanzkrise um die Jahrtausendwende waren Männer stärker betroffen. […]

Es geht nicht darum, die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte aufzuhalten. Es geht auch nicht um die heute gern angestellte Überlegung, "ob es jetzt nicht langsam genug sei mit der Frauenförderung". Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wo die Förderung der Männer bleibt. Wo ist die Unterstützung für eine Emanzipation der Männer im Allgemeinen? Und wo ist die ganz konkrete Hilfe für Männer, die von den Veränderungen der letzten Jahrzehnte tatsächlich nachteilig betroffen sind und mit dieser Diskriminierung nicht so sozialverträglich und entwicklungsförderlich umgehen können, wie man es sich gemeinhin wünscht? […]

Sinn- und Identitätsverlust

Für viele Männer ist die Arbeit, die sie alltäglich verrichten, längst nicht mehr sinnstiftend. Vorbei sind die Zeiten, in denen man vierzig oder fünfzig Jahre im selben Unternehmen beschäftigt war. (…) Als man im Alter von fünfzehn, siebzehn oder spätestens zwanzig Jahren einen Beruf gewählt hat, den man dann bis zur Rente ausgeübt hat. Als es zwangsläufig eine hohe Identifikation mit der Berufstätigkeit gab - auch weil es sie geben musste, denn ein Umsatteln wäre mit größten Schwierigkeiten verbunden gewesen.

Heute aber gilt: Anything goes! Wer keine Lust mehr hat, in einer Bank zu arbeiten, studiert eben mit Fünfundvierzig noch Psychologie. Oder geht von seiner TV-Reparaturwerkstatt über den zweiten Bildungsweg direkt ins Silicon Valley. (…) Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt der letzten Jahrzehnte, die höheren Anforderungen an Flexibilität und Mobilität der Arbeitnehmer haben nicht nur dazu geführt, dass sich Berufstätige weniger stark mit ihrem Arbeitgeber und seiner Philosophie identifizieren. Sie identifizieren sich auch weniger mit der Berufstätigkeit an sich. Deren Sinnhaftigkeit zweifeln immer mehr Menschen an.

Das ist nicht grundlegend gut oder schlecht. Es ist eine Erleichterung, dass jemand mit musischer Neigung nicht mehr unbedingt den Hof der Eltern weiterführen muss, obwohl er oder sie mit einer Trompete mehr anfangen kann als mit einem Traktor. Die Qual der Wahl birgt aber auch Unsicherheiten und bewirkt labile berufliche Existenzen. Denn einerseits eröffnen sich große Potenziale der Selbstverwirklichung, und es gibt nun auch viele Möglichkeiten, beruflichen Sackgassen zu entkommen. Andererseits stellt diese Entwicklung die Anforderung an den Einzelnen, mit den neuen Gestaltungsmöglichkeiten auch gut umzugehen.

Vom Mitarbeiter zur Ich-AG

Heute sind fast alle, egal ob selbstständig oder angestellt, ihre eigene Ich-AG, müssen sich permanent in Szene setzen, weiterqualifizieren, networken, neue Erfahrungen sammeln. Wir sind nicht mehr in erster Linie Mitarbeiter der Firma XY und steigen in dieser Firma im Laufe der Jahre eventuell auf und erhalten eine gewisse Anerkennung - etwa wegen guter Leistungen oder einfach als "treue Mitarbeiter". Vielmehr ist heute der Diplomingenieur XV mit der Zusatzqualifikation XW und spezialisiert auf das Fachgebiet XZ momentan bei der Firma XY beschäftigt. Und morgen ist er vielleicht ganz anderswo tätig, in Rio oder Riad. (…) Dies gilt für den Ingenieur ebenso wie für den Arbeiter, die Krankenschwester, den Azubi oder Leiharbeiter. (…) In einer zunehmend pluralisierten Welt geht nun für viele Männer auch noch der "rote Lebens-Faden" der Berufstätigkeit verloren.

Diese Berufstätigkeit gab den Männern zuvor Halt, versprach Anerkennung, integrierte die Männer sozial und war nicht zuletzt sinn- und identitätsstiftend. (…) Für manche Menschen sind die Veränderungen überhaupt kein Problem, sie genießen die Freiheit, die Abwechslung und die Selbstbestimmtheit. Aber nicht alle sind dafür geschaffen. Gerade Menschen mit einer problematischen Bildungskarriere sind es in der Regel nicht. Sie bräuchten einen Ersatz für die alten stabilen Strukturen, in denen es eine hohe Identifikation und starke Integration in den Firmen und Betrieben gab.

Grundsätzlich sind junge Menschen von der Entwicklung besonders betroffen: Sie sehen sich heute mit einer riesigen Palette beruflicher Möglichkeiten konfrontiert. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber ich schätze mal, dass sich ein junger Mensch heute zwischen Hunderten von Ausbildungsberufen oder Studiengängen entscheiden darf, aber eben auch entscheiden muss. Früher waren es vielleicht zwanzig oder dreißig. Das allein ist also schon eine Aufgabe. Hinzu kommen Ablenkungen durch Freizeitmöglichkeiten, die ebenfalls ein bisher unbekanntes Ausmaß erlangt haben und somit einen hohen Grad an Selbstdisziplin verlangen.

Orientierungslose junge Männer

Eben diesen erhöhten Herausforderungen stehen heute junge Menschen gegenüber, die dafür in vielen Fällen noch gar nicht die notwendige Entwicklungsreife haben. (…) In so einer schwierigen Konstellation verschaffte - und verschafft - die Traditionelle Männlichkeit ein hohes Maß an Orientierung: Wenn man einfach den Beruf des Vaters erlernte, war schon mal einiges klar. Wenn man noch dazu sein Geschäft, seinen Hof, seine Firma übernahm, war alles klar.

Aber selbst wenn man sich nicht direkt am eigenen Vater orientierte, erleichterte die Festlegung auf bestimmte "Männerberufe" die Wahl doch deutlich. Wenn ich hingegen in den letzten Jahren Männer Ende Zwanzig oder auch Mitte Dreißig gefragt habe, was sie beruflich machen, habe ich häufig die Antwort gehört: "Das kann man so ganz genau nicht sagen!" Anfangs hielt ich diese Aussage für Koketterie, aber wenn ich dann doch einmal dezidiert nachfragte, stellte ich meistens fest: Das kann man tatsächlich nicht genau sagen!

Bei einigen dieser Männer vereinen sich mittlerweile aber Qualifikationen in männertypischen Berufen mit solchen aus Frauendomänen: Tischler und Heilerziehungspfleger, Kfz-Mechatroniker und Pfleger in der Psychiatrie, Sozialpädagoge mit Zusatzausbildung im Sozialmanagement. Das wenigstens macht doch etwas Hoffnung.