Wie Männer wirklich sind Teil 3 Die Elternzeit-Lüge

Leistungsträger, Super-Papa, feuriger Liebhaber - es gibt unzählige Vorstellungen, wie moderne Männer zu sein haben. In seinem Buch "Männer" räumt Björn Süfke mit der Idee eines neuen Männerbildes auf. manager-magazin.de veröffentlicht Auszüge daraus als Serie. Im dritten von fünf Teilen erklärt der Autor, warum immer noch so wenige Väter Elternzeit nehmen.
Von Björn Süfke
Foto: Corbis

Sehr traditionelle Männer und Frauen betrachten den Mann ganz selbstverständlich als minderbemittelte Erziehungsperson. Viele solcher (…) Männer geben ja auch ohne jedes Zucken zu, dass ihre Frauen Kindererziehung besser können als sie selbst. Das ist auf eine gruselige Art faszinierend, insbesondere angesichts der Tatsache, dass dieselben Männer sich eher duellieren würden, als die Behauptung gelten zu lassen, ihre Frauen könnten besser Auto fahren oder geschickter mit der Bohrmaschine umgehen als sie. Es zeigt, wie subjektiv unbedeutend väterlich-erzieherische Qualitäten für diese Männer und meist auch für ihre Frauen sind.

Jene Männer und Frauen, die das Gesetz der Traditionellen Männlichkeit etwas kritischer sehen, werten die Erziehungsfähigkeiten des Vaters meist etwas weniger explizit ab. Das ändert aber nichts daran, dass die Frage der Erziehungshoheit auch bei diesen Paaren meist schnell geklärt ist.

Was die gesellschaftlichen Strukturen betrifft, die es Männern weiterhin erschweren, als gleichberechtigter Elternteil Fuß zu fassen, muss ich wohl ebenfalls nicht viele Beispiele anführen. Wir sind immer noch weitgehend auf das "Mann geht voll arbeiten, Frau ist zu Hause mit den Kindern2-Modell ausgerichtet. In letzter Zeit wurde es erweitert um die Variante "Mann geht voll arbeiten, Frau arbeitet halbtags, während die Kinder in der Kita oder Schule sind". Bei diesem neueren Modell teilt die Mutter die Erziehung allerdings auch nicht verstärkt mit dem Vater der Kinder, sondern mit den Kita-Erzieherinnen oder Grundschullehrerinnen, also mit anderen Frauen.

Björn Süfke
Foto: Süfke

Björn Süfke ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Psychotherapeut mit Männern aller Altersstufen. Er lebt mit seiner Familie bei Bielefeld. Zuletzt erschienen von ihm "Männerseelen. Ein psychologischer Reiseführer" (Patmos, 2010), "Die Ritter des Möhrenbreis. Geschichten von Vater und Sohn" (Walter, 2010). Weitere Informationen unter www.maenner-therapie.de. 

Streng genommen ist dieses Modell also nur die leicht veränderte Variante der jahrhundertealten Tradition in der ehemaligen Großfamilie, wo sich die Großmutter, eine schon erwachsene Tochter oder vielleicht eine kinderlose Schwester um die Kinder kümmerte, während die Mutter im Haushalt oder auf dem Hof arbeitete. Was in beiden Modellen auf jeden Fall erhalten bleibt, ist die Konstante "Mann geht voll arbeiten". Es wirken also in vielen Fällen nicht nur die gesellschaftlichen Schubkräfte, die Männer aus der Familienarbeit oder aus Kinderversorgungsberufen hinausdrängen, sondern ganz wesentlich die Zugkräfte, die sie weiterhin magnetisch in Richtung Erwerbstätigkeit ziehen.

Mann oder Memme?

Ich habe schon unzählige Geschichten gehört von Männern, die mehrere Monate Vaterzeit nehmen oder gar langfristig ihre Arbeitszeit reduzieren wollten. Was viele dieser Männer von ihren Vorgesetzten zu hören bekamen, gehört in die Rubrik "Unglaublichkeiten, die man bestenfalls im 17. Jahrhundert vermutet hätte". Ich führe nur mal das krasseste Beispiel eines Klienten von mir vor, der lediglich die zweimonatige Minimalelternzeit nehmen wollte, die das Elterngeldgesetz explizit vorsieht und fördert.

Sein Chef lehnte sich in seinem Stuhl zurück, musterte seinen Mitarbeiter und sagte lakonisch: "Klar, Müller, klar können Sie zwei Monate Elternzeit nehmen. Ist ja jetzt Gesetz, nicht wahr? Aber was Ihre weitere Karriere betrifft, nun denn, ich weiß natürlich jetzt, was ich von Ihnen zu halten habe, wenn Sie bei der kleinsten Kleinigkeit für zwei Monate das Schiff verlassen." Dieser Chef übrigens, so versicherte mir mein Klient, war keineswegs ein verbitterter Kinderhasser, sondern Vater von drei fast erwachsenen Söhnen, die hoffentlich alle eine gute psychotherapeutische Begleitung für ihr sehr wahrscheinlich auftretendes Vater-Thema erhalten.

Dies ist ein extremes Beispiel für ein alltägliches Phänomen, das der expliziten strukturellen Verhinderung familiären Engagements von Vätern. Ein Phänomen, das vermutlich noch viel häufiger auftreten würde, wenn nicht viele Männer schon in vorauseilendem Gehorsam auf ihre Vätermonate verzichteten. Zwar nehmen mittlerweile gut drei von zehn Männern die Elterngeldregelung in Anspruch, aber nur jeder fünfte dieser Väter bleibt länger als zwei Monate zu Hause.

Diversen Umfragen zufolge sind es aber mehr als drei Viertel der Väter, die gerne Elternzeit nehmen würden - wenn die Umstände dafür, vor allem eben auch die strukturellen Umstände besser wären. In der Trendstudie Väter der vaeter gGmbH (2012) sprachen sogar über 88 Prozent der Väter davon, dass sie "Wert darauf [legen], von Anfang an die Entwicklung meines Kindes/meiner Kinder aktiv zu begleiten".

Berufliche Nachteile sind Realität

Als Grund dafür, warum sie keine oder nur so wenige Monate Elternzeit nehmen, geben Väter mehrheitlich an: "Weil ich berufliche Nachteile erwarte." Vor Kurzem las ich von einer Studie, die diese Befürchtung bestätigt: Fast jeder dritte Vater, der mehr als zwei Monate Elterngeld bezogen hatte, berichtete von verschlechterten beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten, sogar bei den "Zwei-Monats-Vätern" waren es 14 Prozent. (…)

Schon das eine Beispiel meines Klienten zeigt ja, dass die beiden hier angeführten Aspekte, die stabilen Strukturen und die konservativen Köpfe, nicht voneinander zu trennen sind. Es sind ja die Menschen, welche die gesellschaftlichen Strukturen schaffen und aufrechterhalten. Ist mein Klient also vor allem auf ein strukturelles Problem gestoßen oder vor allem auf einen extrem traditionellen Kopf?

Das alles betrifft auf äußerst brutale Weise natürlich auch Trennungsväter. (…) Gerade sie stoßen eben auf diese beiden Problematiken: Auf der einen Seite gesetzliche Regeln beziehungsweise praktische Umsetzungen solcher Regeln, die ihnen trotz aller Veränderungen der letzten Jahre grundsätzlich einen schweren Stand bereiten. Und darüber hinaus noch tief verwurzelte Vorstellungen über männliche Fürsorgeunfähigkeit, Betreuungsunwilligkeit und auch Gewalttätigkeit, die so manches Mal eine Wahrnehmung der Realität verschleiern.

Die Verwobenheit der beiden Aspekte macht Ansätze zur ihrer Veränderung schwierig: Wenn sowohl A als auch B für ein Problem verantwortlich sind und sich dabei noch gegenseitig beeinflussen, ist es immer schwer zu entscheiden, wo der Hebel anzusetzen ist. Haben sie mal versucht, einem seit langer Zeit streitenden Ehepaar zu helfen?

Und selbst an den Stellen, wo de facto schon eine Veränderung stattgefunden hat, schaffen wir es ja häufig, diese nicht wirklich wahrzunehmen, ja, sie schlicht zu ignorieren oder einfach umzuinterpretieren. So werden dann Ausnahmen von der angeblichen Regel entweder lächerlich gemacht oder es wird ihnen sogar mit äußerstem Misstrauen begegnet: Wenn sich etwa junge Männer tatsächlich für den Beruf des Erziehers interessieren, werden sie nicht selten von den eigenen Schulkameraden als "Weicheier" verspottet - wenn sie Glück haben! Denn nicht wenige Eltern, und sogar eine Reihe von pädagogischen Fachkräften, stellen männliche Erzieher generell unter Missbrauchsverdacht und sprechen sich damit explizit gegen männliche Mitarbeiter in Kindertagesstätten aus.