Wie Männer wirklich sind Teil 1 Das dumme Gerede vom modernen Mann

Von Björn Süfke
Die traditionelle Bild von Männlichkeit wird in Zukunft sicherlich nicht mehr allein regieren, aber doch als fester Bestandteil einer wie auch immer gearteten Koalition verschiedener Männlichkeitsentwürfe bestehen bleiben

Die traditionelle Bild von Männlichkeit wird in Zukunft sicherlich nicht mehr allein regieren, aber doch als fester Bestandteil einer wie auch immer gearteten Koalition verschiedener Männlichkeitsentwürfe bestehen bleiben

Foto: Corbis

Leistungsträger, Super-Papa, verständnisvoller Partner, feuriger Liebhaber - es gibt viele Vorstellungen und Ratgeber dazu, wie moderne Männer zu sein haben. In seinem Buch "Männer" räumt der Psychologe und Therapeut Björn Süfke mit der Idee eines neuen Männerbildes auf. manager-magazin.de veröffentlicht Auszüge seines Buches als Serie. Im ersten erklärt der Autor, warum das traditionelle Männerbild nach wie vor intakt ist. Und weshalb das alles andere als gut ist.

Björn Süfke
Foto: Süfke

Björn Süfke ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Psychotherapeut mit Männern aller Altersstufen. Er lebt mit seiner Familie bei Bielefeld. Zuletzt erschienen von ihm "Männerseelen. Ein psychologischer Reiseführer" (Patmos, 2010), "Die Ritter des Möhrenbreis. Geschichten von Vater und Sohn" (Walter, 2010). Weitere Informationen unter www.maenner-therapie.de. 

Die Traditionelle Männlichkeit ist im Zerfall begriffen, sie ist angezählt - aber noch nicht gefallen. Und das ist kein Hinweis auf letzte Zuckungen, nein, ich persönlich gehe davon aus, dass sie noch mindestens ein paar Jahrhunderte nicht gänzlich von der Bildfläche verschwinden wird. Sie wird die Zukunft sicherlich nicht mehr allein regieren, aber doch als fester Bestandteil einer wie auch immer gearteten Koalition verschiedener Männlichkeitsentwürfe bestehen bleiben. […]

Dass sich die Traditionelle Männlichkeit innerhalb von zwei oder drei Generationen verflüchtigen würde, war (…) niemals zu erwarten gewesen. Gesellschaftliche Veränderungen brauchen grundsätzlich Zeit, das ist keine neue Erkenntnis. Und dass dies für Veränderungen am vorherrschenden Männlichkeitsbild im Besonderen gilt, dafür gibt es verschiedene gewichtige Gründe:

Starke Stereotype

[…] Alle diese Vorstellungen übers Mann-Sein - und natürlich auch übers Frau-Sein - sind von Geburt an so umfassend und widerspruchslos in unsere Köpfe eingefräst worden, dass wir uns dagegen nur schwerlich wehren können. Selbst wenn wir es noch so dringlich wünschen. […] Mein Lieblingsbeispiel zu diesem Thema bleiben (…) die wissenschaftlichen Befunde, mit denen ich zu Studienzeiten in einem Seminar über Stereotypisierungsprozesse konfrontiert wurde: In verschiedenen Experimenten wurde das Verhalten von Eltern gegenüber ihren Kindern beobachtet, und zwar in Bezug auf die Vermittlung von Geschlechterrollenstereotypen.

Die Ergebnisse sahen erwartungsgemäß so aus, dass die meisten Eltern ihre Töchter und Söhne in verschiedenen Bereichen extrem unterschiedlich behandelten. Bei Jungen wurden Rollenverletzungen noch stärker sanktioniert als bei Mädchen, was erneut auf die Rigidität des Männerbildes hinweist.

Der interessanteste Befund war aber, dass das Bildungsniveau der Eltern keinen Einfluss darauf hatte, wie traditionell die Kinder erzogen wurden. Allerdings unterschieden sich bildungsferne und bildungsnahe Schichten sehr deutlich in ihren emotionalen Reaktionen auf die Rückmeldung der Studienergebnisse: Die Eltern aus den bildungsfernen Schichten zeigten sich tendenziell wenig überrascht, da sie es "ganz normal" fanden, einen Jungen anders zu behandeln als ein Mädchen.

Die aufgeklärten Eltern aus dem Bildungsbürgertum jedoch wiesen die Rückmeldungen der Forscher zumeist zurück und insistierten, dass sie keinerlei Unterschiede in ihrem Erziehungsverhalten machten. Fazit: Wir alle tragen diese Stereotype tief in uns drin. Und ein grundsätzliches Bewusstsein der Problematik bedingt zuallererst das Eine: Wir wollen es in Bezug auf uns selbst nicht wahrhaben, dass es so ist. […]

Frauen schätzen zum Beispiel den Kontakt zu Kindern als grundsätzlich wertvoller ein als den Beruf. Was ich persönlich nur allzu verständlich finde: Mir selbst geht es so seit jenem Tag, an dem mein erstes Kind zur Welt kam. Warum aber werden dann Diskriminierungserfahrungen im Bereich der Kindererziehung und der Elternschaft als "weniger schlimm" bezeichnet im Vergleich zu beruflichen Diskriminierungen? Wieso kommt das chronische Loblied auf die "Karriere- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten" der Männer nicht zum Verstummen? Wenn das traditionelle Familienmodell für die Männer so angenehm, so bequem, so wunderbar war, wieso will dann kaum eine Frau die traditionelle Männerrolle annehmen? […]

Bis so mächtige Konstruktionen wie die Geschlechterrollen dekonstruiert sind, (…) bis die Kategorie Geschlecht über ihre objektive biologische Funktion hinaus keine (…) Rolle mehr spielt, wird es noch eine Weile dauern. (…) Die Traditionelle Männlichkeit wird in einhundert oder auch dreihundert Jahren nicht mehr an der Macht sein. Aber zu behaupten, sie wäre es heute schon nicht mehr, ist nicht bloß naiv. Es ist eine Art, die Hände in den Schoß zu legen, wo noch sehr, sehr viel zu tun ist.

Fehlende Alternativen

Nicht zuletzt lebt die Traditionelle Männlichkeit auch davon, dass es ganz einfach keinen alternativen Entwurf von Männlichkeit gibt, auf den man ohne größere Verluste in puncto Orientierung, Ansehen und Sicherheit umschwenken könnte. Sie ist noch weitgehend konkurrenzlos. (…) "Moderne Männlichkeit", "neue Männer", "anderes Mann-Sein": Was, bitte schön, soll das sein? Als haltgebende Konstrukte, als Orientierungspunkte in der eigenen Entwicklung, als übergreifendes Parteiprogramm taugen diese Begriffe eher wenig. Erstens sind sie zu sehr mit Negativ-Bildern behaftet und zweitens bedeutet Emanzipation ja gerade eine Loslösung von fixen Rollenvorstellungen und nicht die Entwicklung eines revolutionären - und ebenso fixen - Gegenmodells.

Und so ist es dann letztlich wie in der Politik auch: Mangels Alternativen wird zwischenzeitlich vielleicht einmal Protest gewählt, aber dann geht es doch wieder zurück zur großen Volkspartei. So leben traditionelle Männlichkeitsvorstellungen also weiter, während sich parallel alternative Subkultur-Männlichkeiten ausbilden und zum Teil dann auch wieder verschwinden. Die Traditionelle Männlichkeit aber bleibt als Leitlinie weiterhin gültig - wenn auch als zunehmend ungeliebte Leitlinie.

Männer-Dividende

Ein dritter Grund für die Zähigkeit der Traditionellen Männlichkeit ist der (…) Nutzen, der vielerorts weiterhin aus ihr gezogen wird. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Gesellschaft braucht trotz aller Technisierung weiterhin eine ganze Menge Menschen, die körperlich überbeanspruchende, gesundheitsschädliche und/oder lebensgefährliche Arbeiten verrichten. Wenn diese Jobs ihren männlichkeitsstiftenden Charakter verlieren und Männer gleichzeitig Angst vor Verletzungen oder auch Freude an der Arbeit mit Kindern oder Blumen entwickeln dürfen, dann könnte es problematisch werden, eine ausreichende Anzahl junger, emanzipierter Frauen für diese Tätigkeiten zu gewinnen. Anwältin, Maschinenbauerin oder Kfz-Mechatronikerin - klar, gerne! Aber Abwasserkanäle reinigen, Bomben entschärfen oder unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen? […]

Natürlich hat sich auch die Soziologie mit dieser Frage beschäftigt, insbesondere die englischsprachige Männerforschung. Die australische Soziologin Raewyn (früher: Robert) Connell, die schon den Begriff der "hegemonialen Männlichkeit" in die Geschlechterforschung eingeführt hatte, verweist in diesem Zusammenhang auf die "patriarchale Dividende". Connell (2015) meint mit diesem Begriff, dass grundsätzlich alle Männer von strukturellen Benachteiligungen der Frauen profitieren, und zwar unabhängig davon, ob sie diese Ungleichheiten persönlich gut heißen oder selbst aktiv an der Aufrechterhaltung männlicher Machtprivilegien mitwirken. Wenn in einer Gesellschaft etwa Männer im Durchschnitt deutlich mehr verdienen als Frauen, dann ist dies ein Bestandteil einer solchen "patriarchalen Dividende".

Mir hat das prinzipiell immer eingeleuchtet. (…) Nehmen wir analog das Ehegatten-Splitting: Ich finde es persönlich extrem ungerecht und würde immer politische Bemühungen unterstützen, es abzuschaffen oder in ein Eltern-Splitting umzuwandeln. Ein paar Jahre lang allerdings haben meine Frau und ich vom Ehegatten-Splitting persönlich sehr profitiert, da fast durchgängig jeweils einer von uns in Elternzeit war und wir teilweise extrem unterschiedliche Einkünfte hatten. Auch während dieser Zeit hätte ich immer einem Volksentscheid zur Abschaffung des Ehegatten-Splitting zugestimmt, sogar mit Freude. Ich habe mich allerdings auch niemals beim Finanzamt gemeldet, um mitzuteilen, dass ich auf die pekuniären Vorteile des Ehegatten-Splitting aus politischen Gründen verzichten wolle. […]

Was dem Gedankengang Connells allerdings meines Erachtens fehlt, ist ein Hinweis auf die "Steuerbelastung" dieser "patriarchalen Dividende". Zum einen kommen nämlich nur jene Männer in den vollen Genuss der Dividende, die das Gesetz der Traditionellen Männlichkeit vollumfänglich erfüllen. Sobald von einem Mann der eine oder andere Paragraph nicht befolgt werden kann, sind die Abschläge doch schon gewaltig: Wer einen männeruntypischen Beruf ergriffen hat oder gar aus irgendwelchen Gründen nicht arbeitsfähig ist, wer psychische Probleme hat oder seine Familie nicht versorgen kann/darf, wer in irgendeiner Form Opfer geworden ist oder frauen-assoziierte Vorlieben hat, für den bleibt von der "patriarchalen Dividende" netto nicht mehr viel übrig. […]

"Klinische Depression"

Ich selbst etwa werde in einem zweiminütigen Gespräch mit einem ungelernten Hilfsarbeiter, der wegen einer defekten Wasserpumpe gekommen ist, gefühlte zehn Mal aufs Tiefste gedemütigt, weil ich erstens das Problem nicht einmal ansatzweise beschreiben kann, zweitens nichts von den Ausführungen meines Gegenübers verstehe und drittens in einem verzweifelten Versuch der "Rettung meiner männlichen Ehre" dennoch anfange mitzureden. Das macht es natürlich nur noch schlimmer. Am Ende stellt sich dann viertens heraus, dass sich die monatelang anhaltenden Probleme mit der Wasserpumpe nur dadurch ergeben haben, dass ich bei dem routinemäßigen Wechsel des Wasserfilters die Dichtung an einer absurd falschen Stelle wiederangebracht habe. Dass sich fünftens der Hilfsarbeiter zu mir in puncto "männliches Erscheinungsbild" meist so verhält wie George Clooney zu meiner vierjährigen Tochter, ist eigentlich am schmerzhaftesten. […]

Umgekehrt läuft es nicht anders: So manchem Mann mag es gelegentlich einen Stich versetzen, zu sehen, dass andere in intellektueller Hinsicht oder in Sachen Prestige etwas erreicht haben, was sie selbst durchaus auch interessiert hätte. Wenn man dann aber täglich fünf bis zehn solcher schmalschultrigen, brillentragenden Weicheier wie mich trifft, die einen anflehen, das gerade gelieferte Paket doch bitte in den Flur hineinzutragen, weil sie es rückentechnisch selbst nicht schaffen, verfehlt auch das sicher nicht seine festigende Wirkung auf die eigene männliche Identität. Und es ist bestimmt auch nicht nur meine Paranoia daran schuld, dass ich mir gelegentlich vorstelle, wie diese Männer herzhaft über mich zu lästern beginnen, sobald sich eine schalldichte Tür zwischen uns befindet.

Insofern will ich gar nicht leugnen, dass in allen Gesellschaftsschichten durchaus noch einige Männer übrigbleiben, die grundsätzlich in den vollen Genuss dieser "patriarchalen Dividende" kommen. Aber was kostet es sie? Was kostet es all diese funktionierenden, männlichkeitsgesetzestreuen Männer, den Dividendenzufluss aufrechtzuerhalten? Was sind die gesundheitlichen Konsequenzen? Was sind die Freiheitsverluste, die nicht gelebten anderen Impulse? Wie viel Energie wird gebunden, um die in den oben angeführten Beispielen beschriebenen Abwehrmechanismen der Rationalisierung und der Abwertung aufrechtzuerhalten? Wie hoch ist der Verlust von Kontakt zu sich selbst und zu anderen Menschen anzusetzen?

Ich habe einmal in einem Zeitungsartikel gelesen, dass ein Großteil der sehr erfolgreichen Geschäftsleute ausreichend viele Symptome zeigen, um die Diagnose "Klinische Depression" zu erhalten: massive Beziehungsprobleme, Lustlosigkeit, Entfremdungsgefühle, ständiges Kreisen der Gedanken um die Arbeit, Gefühle der Sinnlosigkeit. Macht hat sicherlich ihre Vorteile, keine Frage, aber Macht ist eben nicht gleich Glück.