Karriere - zwei Drittel zählen sich zum besten Viertel Warum Selbstüberschätzung super ist

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Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Geheimnis der Psyche" von Leon Windscheid, in dem der Autor die Mechanismen analysiert, die unser Handeln oft unbewusst bestimmen. Der 29-jährige Psychologe hatte bereits als Schüler sein erstes Unternehmen gegründet. 2015 gewann er in Günther Jauchs Fernsehshow "Wer wird Millionär" eine Million - und führt das auf seine Überzeugung zurück, dass man mit dem richtigen Training (fast) alles erreichen kann. Seinen Text über falschen Umgang mit Kosten finden Sie hier- und hier den über die Kunst des richtigen Verhandelns mit Dönerkönigen und Autohändlern. Außerdem: Wie soziales Faulenzen ganze Teams lahmlegen kann.

Ein Problem mit Psychologiestudenten ist, dass alle aus der Schule sehr gute Noten gewohnt sind. Sie erinnern sich, Streber und so. Als wäre es eine süße Droge, scheint dann niemand bereit, im Studium von dem Anspruch nach Höchstleistung abweichen zu wollen. Das ist ärgerlich, denn die Professoren können ja schwerlich allen eine Eins geben. Genau das ist aber die Erwartungshaltung. Nicht nur bei uns Psychologen. Meine Jura- und Medizin-Freunde waren mindestens genauso ambitioniert, immer zu den besten 10 Prozent zu zählen.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass die 90 anderen Prozent schlechter sein müssen. Man kann jedoch einfach berechnen, dass die Hälfte aller Studenten schlechter als der Durchschnitt sein muss. Sonst gäbe es den Durchschnitt ja nicht.

Genau auf diese Problemlage wollte einer unserer Professoren uns gleich zu Beginn der Unilaufbahn mit einer kleinen Frage hinweisen. Kurz bevor die ersten Klausuren anstanden, fragte er die versammelte Mannschaft im Hörsaal, welche Leistung man von sich selbst im Vergleich zu den anderen im Raum erwarten würde. Entschieden werden sollte anonym. Alle sollten auf einem kleinen Zettel eine von drei Optionen notieren: unterdurchschnittlich, durchschnittlich oder überdurchschnittlich. Den Zettel sollten wir zur Klausur mitbringen.

Gesagt, getan. Ein paar Wochen später standen die Ergebnisse fest. Zu Beginn seiner Vorlesung zeichnete der Professor die Verteilung der Noten als vier Balken an die Tafel. Nebeneinander erinnerten die Balken an drei Hochhäuser mit minimal unterschiedlich vielen Stockwerken und einem kleinen Gartenhaus daneben. Hochhaus Nummer eins war der Einser-Notenbereich. Sagen wir mal 50 Stockwerke. Hochhaus Nummer zwei war der Zweier-Bereich mit vielleicht zwei Stockwerken mehr. Hochhaus Nummer drei war der Dreier-Bereich, wieder mit 50 Stockwerken.

Zwei Drittel zählen sich selbst zum besten Viertel

Daneben das Gartenhaus für die paar wenigen mit einer ausreichenden Leistung. Die Auswertung der kleinen Zettel mit unseren Leistungserwartungen zeichnete aber ein ganz anderes Bild.

Hochhaus Nummer drei und das Gartenhaus waren weg. Dafür waren die Hochhäuser Nummer eins und zwei jetzt fast doppelt so hoch.

Die Hälfte hatte für sich eine durchschnittliche Leistung erwartet, die andere Hälfte sogar eine überdurchschnittliche. Von einer unterdurchschnittlichen Leistung war keiner ausgegangen. "Willkommen in der fabelhaften Welt der Psychologie", fasste der Professor dieses Ergebnis süffisant zusammen und begann seine Vorlesung über die "Vermessenheitsverzerrung", also den uneingeschränkten und oft ungerechtfertigten Glauben an die eigenen Fähigkeiten.

Die Forschung ist sich einig: Wir Menschen überschätzen unsere Fähigkeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen. Klassiker auf dem Gebiet sind Umfragen, in denen sich die überwältigende Mehrheit der Befragten für überdurchschnittlich gute Autofahrer hält.

Andere Forschungsergebnisse zeigen, dass männliche und weibliche Studenten ihre Intelligenz überschätzen und männliche auch noch ihre Attraktivität. Und mehr als 90 Prozent der in einer Studie befragten Dozenten halten sich für besser als den Durchschnitt, und mehr als zwei Drittel zählen sich sogar zu den besten 25 Prozent.

Testen wir die Vermessenheitsverzerrung einmal mit Ihnen. Mit wie viel Kilometern in der Stunde fliegt die internationale Raumstation ISS durchs All? Wie viele Tonnen wog die Titanic? Und wie viele Stellen hat die größte bekannte Primzahl? Ich möchte keine einzelnen Zahlen von Ihnen wissen, sondern einen Bereich. Eine Zahl unten und eine Zahl oben. Wählen Sie die Grenzen des Bereichs weit genug, sodass die gesuchte Zahl mit großer Sicherheit, sagen wir zu 90 Prozent, irgendwo dazwischen liegt. Damit Sie nicht unbewusst schummeln, machen wir hier einen Seitenumbruch.

Überschätzung ist ein essenzieller Bestandteil von Erfolg

Jetzt also die Lösungen. Die Astronauten auf der ISS rasen mit 27.700 Kilometern in der Stunde durch den Kosmos. Die Titanic brachte stolze 52.310 Tonnen auf die Waage und die Internet Community Gimps hat kürzlich, nach drei Jahren Suche, die neue größte Primzahl mit 22,3 Millionen Stellen bekannt gegeben. Und? Lagen alle drei Werte in den von Ihnen vorgeschlagenen Bereichen?

Bei den meisten Menschen tun sie das nicht. Warum nicht? Schließlich gab es keinerlei Restriktionen. Für die Titanic zum Beispiel wäre ein Bereich von einem Pfund bis 22,3 Millionen Tonnen vollkommen zulässig gewesen. Mit diesem Bereich wäre die Chance, richtig zu liegen, extrem hoch gewesen.

Doch so ticken wir nicht. Im Glauben an ihre Allwissenheit zäumen die meisten das Pferd von hinten auf. Wir versuchen uns der Angelegenheit mit gefährlichem Halbwissen und irgendwelchen Vergleichswerten so zu nähern, dass wir am Ende eine ungefähre Schätzung für das tatsächliche Gewicht der Titanic haben. Dabei überbewerten wir unsere Fähigkeiten, unser Wissen, unser Denkvermögen.

Warum ist die Vermessenheitsverzerrung ein so stabiler Befund? Man könnte doch meinen, dass sie im Laufe der Zeit evolutionär aussterben müsste. Aber das ist scheinbar nicht der Fall. In einer kürzlich in Nature veröffentlichten Studie präsentieren die Forscher Dominic Johnson und James Fowler eine einfache Antwort auf diese Frage: Überschätzung ist in ganz vielen Bereichen essenzieller Bestandteil von Erfolg.

Ob Leistungen im Job, mentale Gesundheit, Sport oder unternehmerisches Geschick - nicht das Selbstvertrauen macht uns stark, sondern das Über-Selbstvertrauen. Die feste Überzeugung, besser zu sein, als man tatsächlich ist, ist Ansporn für unsere Ambitionen, unser Durchhaltevermögen, unsere Arbeitsmoral.

Das erhöht am Ende die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein. Dem gegenüber steht das Risiko der vollkommenen Selbstüberschätzung, einer ungesund hohen Erwartungshaltung und gefährlich überheblicher Entscheidungen.

Wer nicht glaubt, gewinnen zu können, hat schon verloren

Diesen scheinbaren Widerspruch konnten Johnson und Fowler auflösen. Die Vermessenheitsverzerrung kann die perfekte Strategie sein. Auf die Situation kommt es an. Gesund ist Selbstüberschätzung in genau drei Situationen. Erstens im Wettbewerb. Glaube versetzt Berge. Wer nicht daran glaubt, gewinnen zu können, hat schon verloren.

Zweitens, wenn Unklarheit herrscht. Ob Löwe eins Anspruch auf den gefundenen Gnu-Kadaver erhebt, hängt davon ab, wie gut er seine Chancen im Kampf gegen Löwe zwei einschätzt, der bereits das halbe Hinterbein verschlungen hat. Wenn Löwe zwei noch jung ist, ist die Sache klar. Der Jüngere wird vermutlich schnell die Flucht ergreifen.

Im wahren Leben sind die Umstände aber oft weniger eindeutig. Je größer die Unsicherheit, was die Fähigkeiten eines Opponenten betrifft, desto besser fährt es sich mit der Vermessenheitsverzerrung, also dem ungebrochenen Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Drittens - und das ist am wichtigsten - ist die Vermessenheitsverzerrung dann die richtige Taktik, wenn die negativen Folgen eines Scheiterns und die positiven Folgen eines Erfolgs nicht gleich schwer ins Gewicht fallen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind seit Monaten Single. Jetzt gehen Sie mit Ihren besten Freunden zum Feiern in einen Club. Bereits beim Betreten des Ladens erblicken Sie eine wunderschöne Frau (oder einen Mann, je nachdem, was Sie suchen) in der Schlange vor der Garderobe. Sprechen Sie sie an? Genau jetzt ist ein gesundes Übermaß an Selbstvertrauen richtig.

Denn Sie haben nichts zu verlieren. Wenn Sie einen Korb bekommen, lachen Ihre Freunde Sie vielleicht aus. Aber kein Problem. Mit Ihrem aufgeblähten Ego stehen Sie darüber und sprechen gleich die Nächste an. Vielleicht klappt es aber schon beim ersten Anlauf. Der positive Effekt eines Erfolgs ist hier viel größer als der negative Effekt eines Misserfolgs. Und Selbstvertrauen schadet dabei sicher nicht!

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