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Top Ten: Was Arbeitnehmern in Deutschland im Job am wichtigsten ist

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Arbeitsleben und Gefühle Wie geht Kollegialität?

Kollegen gehören ebenso zu unserem Berufsalltag wie die Arbeit selbst. Sie stehen uns zur Seite, machen uns Freude und manchmal auch das Leben zur Hölle. Was ist das Wesen von Kollegialität? Und wieso ist sie so wichtig?
Von Greta Lührs

Das Beste an der Schule waren meine Klassenkameradinnen. Tage, die sich unendlich lang dahinzogen, mit einer Doppelstunde Mathe am Nachmittag, wurden durch sie erträglich. Dadurch, dass wir uns Briefchen schrieben, tuschelten oder in der Pause heimlich vom Schulgelände türmten, um uns eine Zigarette zu teilen. Gemeinsam regten wir uns über ungerechte Lehrer auf, ließen die anderen abschreiben, weinten zusammen auf dem Klo und trösteten uns gegenseitig. Frei von Missgunst, Intrigen und Lästereien waren wir dabei nicht - wir waren schließlich Teenager! - Aber: Wir fühlten uns als Solidargemeinschaft, als Freundinnen, die immer zusammenhielten.

Im Arbeitsleben ist so eine leidenschaftliche Eingeschworenheit unter Kollegen selten - vermutlich auch zu Recht, schließlich kann Gruppendenken, vor allem dann, wenn es fanatisch wird, Übles anrichten. Gerade wenn man neu in ein Unternehmen kommt, ist Professionalität gefragt. Man findet als Neuling etablierte Strukturen vor, denen man sich erst einmal fügen muss - dazu gehören auch die Mitarbeiter.

Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wie "der Laden" so tickt, und findet entweder seine Rolle in dem Ganzen oder macht sich wieder auf den Weg. Schnell bemerkt man - der Schulsituation nicht unähnlich -, dass Kollegen eine Menge ausmachen. Sie können den Arbeitstag versüßen, manchmal den Job erst richtig gut sein lassen oder einem das Leben zur Hölle machen. Mobbing ist die extremste Form nicht vorhandener Kollegialität, die Menschen mitunter tiefe Traumata zufügt. Auch diese Grausamkeit kennt man bereits aus der Schule. Sucht man im Internet nach Einträgen über "Kollegen", findet man viele Tipps, wie man mit schwierigen Bürogenossen umgehen sollte.

Dass man mit einigen Kollegen nicht gut zurechtkommt, scheint also verbreitet zu sein. Dabei verbringt man mit Kollegen teilweise mehr Zeit als mit der Familie oder Freunden, sie kennen einen unter Stress, unausgeschlafen und frustriert, ebenso wie ausgelassen tanzend auf der Weihnachtsfeier oder plaudernd über Privates beim Mittagessen. Trotzdem unterscheidet man klar zwischen Freunden und Kollegen und spürt intuitiv, wann man von einer Sphäre in die andere wechselt.

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Was macht dieses besondere Kollegenverhältnis aus? Und welche Rolle spielt Kollegialität unter Kollegen? Zwischen Kollegen gilt, nüchtern betrachtet, das, was der Soziologe Niklas Luhmann "Gesetz des Wiedersehens" nannte. Luhmann meinte damit zwar vor allem die Beziehung zwischen Chef und Mitarbeiter, doch auf Kollegen scheint dies ebenfalls zuzutreffen. Anders als Freunde sucht man sie sich in der Regel nicht aus, und man muss mit denen zurechtkommen, die da sind.

Es nützt daher nichts, wutentbrannt die Tür hinter sich zuzuschlagen, früher oder später wird man wieder miteinander zu tun haben, und dann wird es einem womöglich leidtun, die Beherrschung verloren zu haben. Das bedeutet, dass Kollegen in erster Linie an einer Beziehung interessiert sind, die es möglich macht, miteinander zu arbeiten - alles andere ist zweitrangig.

Zu dem sozialen Bedürfnis, in einem angenehmen Betriebsklima zu arbeiten, kommt das wirtschaftliche Interesse am Erfolg der gemeinsamen Arbeit. Versteht man sich gut, hält man sich wahrscheinlich weniger mit Streitereien auf, es gibt weniger Missverständnisse, und man kommt auch lieber zur Arbeit. Wie stark man sich mit den Unternehmenszielen identifiziert, kann also dazu beitragen, wie viel Energie man in ein gutes Verhältnis zu den Kollegen zu stecken bereit ist. Wem seine Arbeit relativ egal ist, der wird sich vielleicht schon damit zufriedengeben, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen, während der motivierte Mitarbeiter auch die kollegialen Beziehungen möglichst ideal gestalten möchte.

Führungskräftefreie Räume sind wichtig

Doch der gemeinsame Arbeitgeber ist nur eine mögliche Überschneidung. Zwei Ärztinnen, die einander von Tagungen kennen, können sich ebenfalls als Kolleginnen betrachten, obwohl sie in ganz verschiedenen Institutionen arbeiten. Entscheidend ist, dass sie eine Schnittstelle haben und in etwa auf gleicher Hierarchiestufe stehen. "Der Chef", schreibt Luhmann, "ist bestenfalls ein halber Kollege." Denn als Chef hat er an bestimmten informellen Gepflogenheiten und Kommunikationsformen keinen Anteil, die für die Kollegenschaft essenziell sind.

Der Tratsch in der Kaffeeküche, die WhatsApp-Gruppe der Belegschaft, das Feierabendbier - manche Sphären sind führungskräftefreie Räume, in denen sich die Mitarbeiter untereinander vernetzen, unterstützen und - ja, auch mal auskotzen. Wer von einer "normalen" Stelle in eine Führungsposition aufsteigt, verliert darum unter Umständen ein wichtiges soziales Gefüge. Werden die Hierarchien flacher, wie es der künftigen Arbeitswelt momentan vorausgesagt wird, könnte dieser Mechanismus abgeschwächt werden. Der Chef wird dann immer weniger Chef und immer mehr Kollege.

Kollegialität zeichnet sich unter anderem durch den Gedanken aus, dass man in einem Boot sitzt, und das ist nicht der Fall, wenn die Macht klar von oben nach unten verteilt ist. Auch mit Vorgesetzten arbeitet man zusammen, doch es ist ein Unterschied, ob man über die Macht verfügt, jemanden zu sanktionieren, oder ob man gleichgestellt ist. Im Zweifel weiß man, dass der Kollege gekündigt werden könnte, ebenso wie man selbst. Mit Kollegen teilt man einen Status.

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Der amerikanische Soziologe Richard Sennett prägte in den 70er-Jahren anhand seiner Studien über Bostoner Arbeiter den Begriff des "informellen sozialen Dreiecks". Damit beschreibt er drei Verhaltensweisen, die die Zusammenarbeit der Fabrikarbeiter ausmachten: Sie erwiesen denjenigen Autoritäten Respekt, die ihn verdienten, sie deckten sich gegenseitig bei privaten Problemen (wie einem Kater) und sprangen füreinander ein, wenn einer seine Arbeit nicht ausführen konnte.

Sennett findet diese Art der Solidarität zwischen Kollegen wichtig und warnt vor einer Arbeitskultur, in der flexible Strukturen, vereinzeltes Arbeiten und schnelle Wechsel in der Belegschaft echte soziale Beziehungen unmöglich machen.

Von einem guten Kollegen erwartet man, dass er für einen Partei ergreift, dass er einem hilft, keine wichtigen Informationen vorenthält, keine Kollegen beim Chef anschwärzt oder schlechtmacht. Das "Kollegenschwein" hingegen nimmt keine Rücksicht auf seine Mitstreiter, sein eigenes Fortkommen hat stets oberste Priorität. Gerade dort, wo es um steile Karrierewege geht und die begehrten Positionen knapp sind, scheint es nur rational zu sein, Kollegen vor allem als Rivalen zu betrachten.

Kapitalismus und Wettbewerb, so findet auch Sennett, machen tendenziell unkollegialer. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass es nicht nur "Karrieregeilheit" ist, die Menschen antreibt, sich für die eigenen Belange einzusetzen. Auch prekäre Beschäftigungsverhältnisse und wirtschaftliche Unsicherheit können die Ursache dafür sein, weshalb man meint, sich am meisten um sich selbst kümmern zu müssen - und weniger um seine Mitstreiter.

Auch Kollegen können emotional ausbeuten

Jenseits aller Jubelrufe für ein kollegiales Miteinander hat die eingeschworene Kollegengemeinschaft aber auch ihre Schattenseiten. Wie lange springe ich für einen Kollegen ein und gefährde dadurch vielleicht meine eigene Position, und wann ist es an der Zeit, eine Grenze zu setzen? Wann wird das Ausnutzen der Kollegialität anderer selbst unkollegial? Menschliche Beziehungen sind potenziell immer auch Orte der emotionalen Ausbeutung, Kollegenverhältnisse sind davon nicht ausgenommen. Starke Bindungen unter Kollegen führen zudem auch immer wieder zu Ungeheuerlichkeiten wie etwa dem Diesel- Skandal, von dem in der Belegschaft bei VW niemand gewusst haben will, oder der Schweigespirale um die sexuellen Übergriffe des amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein.

Aus dem Silicon Valley dringen inzwischen immer häufiger Berichte über einen exklusiven Club der (männlichen) Machthaber der Tech-Industrie, in deren Umfeld Geld und Einfluss hin und her geschoben würden und Sexpartys mit reichlich Drogen zu den Gepflogenheiten gehörten. Auch solche Systeme werden nicht zuletzt durch Kollegialität und Loyalität aufrechterhalten. Die Kehrseite der Kollegialität ist eine Wir-gegen-den- Rest-der-Welt-Mentalität, die Richard Sennett auch Tribalismus nennt, also "Stammestum".

Charakteristisch dafür ist, diejenigen vorzuziehen, die zur eigenen Gruppe gehören, und abzuwerten, wer kein "Stammesmitglied" ist. Damit einher geht im Extremfall die Abschottung gegenüber allem, was von außen kommt. Innovationen und Veränderungen werden dann nahezu unmöglich.

Offensichtlich bewegt sich Kollegialität, ähnlich wie Solidarität, auf dem Grat zwischen jenem Gruppengefühl, das Begeisterung wecken und Halt geben kann, und der Verantwortung des Einzelnen, auch innerhalb eines Systems sein Gewissen zu behalten und das Denken nicht einzustellen.

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Wenn Kollegialität nicht als blinde Loyalität oder als fanatisches Ausgrenzungsprinzip missverstanden wird, kann man sie als Tugend begreifen, die auf vielen Ebenen positiv wirkt. Normalerweise lernen Menschen sich über Sympathien kennen, doch Kollegen müssen sich nicht einmal mögen, um ein kollegiales Verhältnis aufzubauen. Kollegen können ganz anders sein als man selbst, älter oder jünger, einen anderen sozialen oder kulturellen Hintergrund haben.

Man muss sich mit ihnen auseinandersetzen und arrangieren. Und das tut oft gut, denn mit Leuten, die so sind wie man selbst, verbringt man ja schon seine Freizeit. Kollegenschaft hat also das Potenzial, den Blick zu weiten. Dafür muss niemand übertriebene Zuneigung vortäuschen, es reicht, wenn man sich ehrlich um eine respektvolle Ebene des Miteinanders bemüht.

Obwohl Kollegen keine Freunde sind, können sie dazu werden - oder sogar zu mehr. Dass es aber auch bei einer nüchternen Arbeitsbeziehung bleiben kann, hat etwas Befreiendes. Strebt man nach Kollegialität, kommt man dennoch nicht umhin, sich in Empathie und Nachsicht zu üben - denn jeder macht mal etwas falsch, und nirgendwo funktioniert Zusammenarbeit komplett reibungslos. Außerdem macht es einen noch nicht kollegial, nicht zu mobben.

Professionalität schützt vor Verletzungen

Wie jede Beziehung lebt auch die Kollegenschaft davon, dass man sie pflegt, freundlich ist, etwas füreinander tut. Ist das Betriebsklima entsprechend offen und kollegial, kann man auch mal unterschiedlicher Meinung sein, ohne dass gleich persönliche Befindlichkeiten in den Vordergrund geraten. Professionalität schützt einen selbst und die Kollegen vor Verletzungen.

Allerdings passiert es nicht selten, dass sich die privaten und beruflichen Ebenen vermischen, dass etwa Kollegen Liebesbeziehungen eingehen oder nur ein paar Kollegen untereinander befreundet sind und sich daraufhin Grüppchen bilden. In solchen Fällen ist im Namen der Kollegialität soziales Fingerspitzengefühl gefragt, damit keine harten Fronten entstehen.

Dabei ist es, wie die Philosophin Monika Betzler weiß, nicht verwunderlich, wenn man sich mit Kollegen gut versteht, schließlich teilt man mit ihnen eine Erfahrungswelt, die Freunden oder der Familie nicht im gleichen Maße zugänglich ist. Wer selbst Texte schreibt, wird es besser nachvollziehen können, wie es ist, an einem Tag einfach nichts aufs Papier bringen zu können, als jemand, der Verkäufer oder Zahnarzt ist.

Richard Sennett bedauert in seinen Arbeiten den Verlust von Kollegialität durch die Vereinzelung der Arbeitswelt, und tatsächlich haben Freelancer oft keine "richtigen" Kollegen. Ihnen bleibt einerseits der Stress erspart, den anstrengende Kollegen verursachen können, doch fehlt ihnen andererseits das soziale Gefüge der Kollegenschaft. "Zusammenarbeit muss man üben. Arbeitet man ausschließlich allein, verlernt man, sich auf andere einzustellen", erzählte mir eine Kollegin, die längere Zeit frei gearbeitet hat und zur gleichen Zeit aufs Land gezogen war. Irgendwann wurde ihr das zu eigenbrötlerisch und auch zu einsam.

Das Problem kennen Angestellte, die viel im Home-Office arbeiten. Zwar hat es, beispielsweise gerade für Eltern, viele Vorteile, auch von zu Hause aus arbeiten zu können, doch wirkt sich der fehlende Kontakt zur Belegschaft langfristig auf die Arbeit und das Betriebsklima aus.

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Auch durch häufige Arbeitsplatzwechsel ist echte Kollegenschaft heute bedroht, denn es wird dadurch schwieriger, sich richtig auf jemanden einzustellen. Dass es heute immer mehr Branchen- Plattformen, Events zum Netzwerken oder Stammtische gibt, mag das Resultat einer Sehnsucht nach Kollegialität - auch unter Selbstständigen - sein.

Der Philosoph Michael G. Festl von der Universität St. Gallen untersuchte anhand von Interviews Entfremdungserscheinungen am Arbeitsplatz und kommt zu dem Schluss, dass viele Arbeitnehmer die soziale Entfremdung und das Verschwinden solidarischer Beziehungen bedauern.

Ist es also am Ende eher nebensächlich, was man arbeitet, und viel entscheidender, mit wem? Nein, denn auch gute Kollegen können einen schlechten Job nur oberflächlich kaschieren. Ja, denn wenn die Arbeitswelt sich so stark wandelt, wie momentan angenommen, könnten irgendwann Roboter unsere Kollegen sein. Und ob es sich mit denen gut plaudern lässt und sie einem nach der verpatzten Präsentation auf der Toilette die Tränen abwischen, ist nicht sicher.