Sonntag, 18. August 2019

Traumata als Treibstoff Wie Schicksalsschläge Manager stärker machen

Und plötzlich ist alles anders: Katastrophen bieten auch die Chance zum Neuanfang
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Und plötzlich ist alles anders: Katastrophen bieten auch die Chance zum Neuanfang

"Was mich nicht umbringt, macht mich stärker", schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche. Aber stimmt das tatsächlich? Oder reden so nur diejenigen, die nach einem Schicksalsschlag einfach Glück hatten und schnell wieder auf die Beine kamen? Kann ein psychisches Trauma etwas Gutes in sich bergen? Gar eine verwandelnde Kraft entfalten?

Günther Höhfeld
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    Janine Guldener
    Günther Höhfeld ist Psychologe, Theologe, Management-coach und Autor. Seit er 1999 selbst eine lebensbedrohliche Tumorerkrankung überwunden hat, berät und begleitet er Führungskräfte und Organisationen nach kritischen Ereignissen. Sein Buch "Der Cardio-Coach. Wie Führungskräfte an Herzerkrankungen wachsen" ist 2016 im Campus-Verlag erschienen.

Wenn das Leben plötzlich aus der Bahn gerät, fühlen sich viele Menschen, als sei ein Teil von ihnen zerbrochen. So erging es auch Frank P., Manager eines internationalen Automobilkonzerns, der notorisch getrieben war von dem Drang, immer mehr in immer kürzerer Zeit erreichen zu müssen. Seiner Karriere opferte er alles. Überlastungszustände waren die Regel, körperliche Warnsignale überhörte er. Bis er eines Tages auf einer Automesse zusammenbricht. Herzinfarkt mit Herzstillstand.

Nach Reanimation, Notoperation und Reha rappelt Herr P. sich wieder auf, beißt die Zähne zusammen - und macht weiter wie bisher. The show must go on! Denn beim kleinsten Fehler, so glaubt er, ist er weg vom Fenster. Schwäche gilt im Konzern als Makel. Seine Strategie geht lange auf. Bis zum zweiten Infarkt. Dieses Mal allerdings bleiben dramatische Folgeschäden und dauerhafte Leistungseinbußen.

Die Extremsituationen nehmen zu

Tiefschläge wie dieser sind bei Managern keine Seltenheit. In der modernen Welt ist alles in Bewegung: Märkte, Menschen, Meinungen, Geschäftskulturen. Die in diesem "Change" verborgenen Chancen sind groß. Aber sie sind auch herausfordernd. In einer volatilen, komplexen, unsicheren und widersprüchlichen Welt (VUCA) nehmen die Ausnahme- und Extremsituationen zu. Kritische Ereignisse rauschen unerwartet, ungefiltert und ungebremst in den Führungsalltag. Und viele davon sind keine Lappalien, sondern handfeste Paradigmenwechsel, die ans Eingemachte gehen.

Es kann ein externes Ereignis sein, das Manager aus der Bahn wirft, eine Insolvenz, eine Entführung oder Geiselnahme, auch der Selbstmord eines Geschäftspartners. Oder ein einschneidendes Ereignis im eigenen Leben: die Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung, Herzinfarkt, Depression, Angst oder Panikstörung. Derart kritische Erlebnisse können nicht ungeschehen gemacht werden. Sie machen unweigerlich die Unwiederholbarkeit und die Unumkehrbarkeit der eigenen Zeit und des eigenen Lebens bewusst. Betroffene werden aus ihrer vertrauten Alltagswelt herausgerissen und mit einer komplett neuen Anpassungs- und Integrationsaufgabe konfrontiert.

Katastrophen sind Neuanfänge

In meiner beruflichen Praxis sind mir alle denkbaren Bewältigungsstrategien schon begegnet, mit denen Manager versuchen, mit solchen einschneidenden Erlebnissen fertig zu werden: Sich verkriechen. Beschönigen. Den Befreiungsschlag wagen und dabei einen Imageverlust riskieren. Die überwiegende Mehrheit bekundet, dass die Flucht nach vorn, sagen, was Sache ist, sie enorm erleichtert habe. Und sie widersprechen nicht der Behauptung, dass es gerade ihr Schicksalsschlag war, der sie dazu gebracht hat, die Karten auf den Tisch zu legen.

Für viele ist er ein Fanfarenstoß, die bisherigen Festlegungen ihres Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns zu überprüfen. Grundsätzlich gibt es meist drei Wege, mit dem Erlebten umzugehen: weitermachen wie bisher, daran zerbrechen oder an der Erfahrung wachsen. Die meisten entscheiden sich zum Glück für die dritte Möglichkeit.

Ja, es ist möglich, als Führungskraft an einem traumatischen Erlebnis zu wachsen. Denn Menschen haben von Natur aus ein Grundbedürfnis sowohl nach Bindung, als auch nach Autonomie. Sie brauchen Selbstakzeptanz und tragfähige, vertrauensvolle Beziehungen. Und sie brauchen Möglichkeiten, sich zu entwickeln und am Schicksalsschlag persönlich zu reifen. Jede persönliche Katastrophe kann einen Neuanfang in sich bergen. Jedes Trauma kann der Treibstoff für emotionales Wachstum sein. Und zwar in fünffacher Hinsicht.

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