Kündigung "Aus persönlichen Gründen"

Wenn Top-Manager mit der Sprachreglung "aus persönlichen Gründen" ein Unternehmen verlassen, machen sie sich unnötig angreifbar. Eine Steilvorlage für ihre Widersacher. Auffällig oft begehen weibliche Führungskräfte diesen Fehler.
Von Dirk Große-Leege
Gradliniger Abtritt von Ex-Karstadt-Chefin Sjöstedt : "Ich kann meinen Erfolgs-Weg nicht durchziehen, weil es an Unterstützung mangelt. Deswegen gehe ich!"

Gradliniger Abtritt von Ex-Karstadt-Chefin Sjöstedt : "Ich kann meinen Erfolgs-Weg nicht durchziehen, weil es an Unterstützung mangelt. Deswegen gehe ich!"

Foto: Karstadt/ dpa

Wenn Top-Manager aus einem Unternehmen ausscheiden, dann werden dafür häufig "persönliche Gründe" genannt. Genau diese Formulierung aber wird als Flucht der Protagonisten gedeutet und als Freibrief für ihre Darstellung als "nicht durchsetzungsfähig", "deplatziert" und "zu wenig kompetent" missbraucht. Insbesondere bei Frauen, über deren Eignung für die Spitzenjobs in der Industrie derzeit heftig und kontrovers diskutiert wird, bedienen solche Gedanken ein dankbares Klischee.

Neun von 19 Frauen, die in den letzten Jahren in Dax-Vorstände eingezogen sind, sind schon wieder raus - häufig "aus persönlichen Gründen". Diese Sprachreglung wirkt auf den ersten Blick vor allem loyal, denn mit ihr nimmt die betroffene Managerin die Verantwortung für die Trennung auf sich. Ein feiner Zug, der sich im Hinblick auf die weitere Karriere der Manager oft überhaupt nicht auszahlt, im Gegenteil.

Denn dieser Versuch des geräuschlosen Abtritts erweist sich für die Scheidenden nicht selten als schlechter Deal. Er macht das Nachtreten leicht. Bisweilen können die Betroffenen die Überlegungen über die "wahren" Gründe ihres auf diese Weise verkündeten Abgangs nur Stunden später in den Medien lesen. So musste Angela Titzrath unter Berufung auf Unternehmensinsider über sich lesen, einige Divisionen des Post-Konzerns hätten sich ihr nicht unterordnen wollen, sie sei schlicht nicht akzeptiert worden. Bei Marion Schick heißt es, sie habe sich bei der Telekom schwer getan und auf die falschen Themen gesetzt. Regine Stachelhaus sei als E.On-Vorstand überfordert gewesen.

Ihre Unternehmen, denen sich Top-Manager bis zum letzten Tag loyal verbunden fühlen, nutzen falsch verstandene Fairness allzu oft zu eigenen Gunsten aus, um strategische Altlasten zu bereinigen und den Verlust der Führungskraft in ihrer Bedeutung für das Unternehmen zu relativieren. Die Quellen der schlechten Nachrede bleiben in der Regel unbekannt, den Schaden der misslungenen Kommunikation hat der oder die Gegangene. Ein nachträgliches Aufarbeiten oder die Versuche einer Objektivierung bleiben wirkungslos.

Wo also liegt die Lösung? Manager oder Managerinnen, die ein Unternehmen verlassen - ob in der Meinungsverschiedenheit, im handfesten Streit oder tatsächlich aus privaten Gründen - dürfen sich von CEOs, Aufsichtsräten oder vermeintlich wohlwollenden Kommunikationschefs nicht überreden lassen, "aus persönlichen Gründen" zu gehen. Erst recht, wenn sie damit versuchen wollen, mögliche inhaltliche Dispute mit dem Unternehmen zu verschweigen, begehen sie einen Kardinalfehler.

"Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin"

"Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin" - Psychologin Ute Ehrhard hat mit ihrem Bestseller einst Frauen dazu aufgerufen, sich nicht länger auf faule Kompromisse einer männlich dominierten Arbeitswelt einzulassen. Vieles hat sich seitdem verändert. In punkto Kommunikation allerdings hat diese zugespitzte Losung immer noch Relevanz, sogar bei den wenigen Frauen, die es bereits an die Spitze geschafft haben.

Warum Frauen bei Ihrem Ausscheiden eher selten mit offenem Visier unterwegs sind, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Beobachtung zeigt, dass sie im potenziell harten Demissions-Spiel oft zögerlich sind, die Ellbogen zurückziehen und einen konzilianten Weg einschlagen, der sie eher den eigenen Schaden in Kauf nehmen lässt, als die Belastung eines möglichen, von der Öffentlichkeit wahrgenommenen Streits. Werden ihnen ihre guten Charaktereigenschaften, die stärker auf Kooperation, Vertrauen und Konsens aufbauen, hier zum Verhängnis?

Betrachtet man nur die Abgänge der jüngsten Vergangenheit, so stellt man fest: Männliche Manager sind tendenziell eher bereit, die einer Trennung meist zugrunde liegenden Differenzen härter anzupacken und dem Unternehmen eine kommunikative Lastenverteilung abzuringen. "Unterschiedliche Auffassungen" - zum Beispiel über die strategische Ausrichtung - ist dabei ein beliebter Terminus: Sich über die Zukunft des Unternehmens gestritten zu haben, belegt nicht nur, dass der Scheidende Rückgrat und eine klare Vorstellung davon hatte, wie die Zukunft des Unternehmens aussehen könne, sie schafft vor allem auch eine Patt-Situation; die Schuldfrage bleibt für den externen Betrachter ungeklärt.

Auf diese selbstbewusste Weise schied jüngst zum Beispiel Osram-Vorstand Peter Laier aus. Es gab "unterschiedliche Auffassungen über Führung und Ausrichtung der Geschäfte". Mit fast identischem Wortlaut ging im Frühjahr auch Lidl-Chef Karl-Heinz Holland (wegen "unterschiedlicher, nicht überbrückbarer Auffassungen betreffend der künftigen strategischen Grundausrichtung"). Zwar erfuhr die Öffentlichkeit vom Krach zwischen Holland und dem Konzern, die Reputation des langjährigen Chefs belastete das aber nicht. Im Gegenteil. Medien fragten, wie sich die Trennung bei solch einer persönlichen Erfolgsbilanz überhaupt erklären ließe.

Wie erfrischend es ist, wenn auch Managerinnen klare Kante zeigen, belegt das Beispiel Eva-Lotta Sjöstedt. Ihren schnellen Rückzug aus dem Karstadt-Konzern kommunizierte sie klar, prägnant und unsentimental. Die unmissverständliche Botschaft: "Ich kann meinen Erfolgs-Weg nicht durchziehen, weil es an Unterstützung mangelt. Deswegen gehe ich!" Das erzeugt Reibung. Sjöstedt hat sich damit sicher nicht nur Freunde gemacht. Aber sie geht nicht als lame duck sondern sie tritt als taffe, geradlinige Macherin ab. Keine Erfolgsstory, aber sicher auch kein schlechtes Bild von einer Frau, die vermutlich noch einiges vorhat im Leben.

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