Sonntag, 22. September 2019

Replik auf Heiner Thorborg Warum die neue Arbeitswelt Coaches braucht

Coaches sollten die Selbstreflexion ihrer Klienten fördern und sie dabei unterstützen, sich über den eigenen Weg klar zu werden
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Coaches sollten die Selbstreflexion ihrer Klienten fördern und sie dabei unterstützen, sich über den eigenen Weg klar zu werden

Coaching ist in unserer im Umbruch befindlichen Arbeitswelt ein effektives Tool, um mit den teilweise neuen, teilweise auch gestiegenen Anforderungen umzugehen. Wenn feste Hierarchien und klare Ansagen von agilen Strukturen und einer hohen Eigenverantwortung abgelöst werden, ist dies Fluch und Segen zugleich: Auf der einen Seite gib es so viele Möglichkeiten wie niemals zuvor, sich weiterzuentwickeln und Karriere zu machen . Andererseits führt gerade diese Freiheit oft zu einer großen Unsicherheit. Und genau hier kommt der Mehrwert von Coaches zum Tragen: Sie helfen ihren Klienten dabei, eine Situation aus der Metaperspektive zu betrachten, fördern die Selbstreflexion und unterstützen so den Prozess des Klarwerdens über den eigenen Weg.

Alexander Brungs
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    Dr. Alexander Brungs arbeitet seit 2010 als Coach und ist seit drei Jahren Vorstand im Deutschen Coaching Verband (DCV). Er war an mehreren internationalen Forschungsprojekten beteiligt und unterrichtete als Dozent im Fach Philosophie an verschiedenen Universitäten in Deutschland und der Schweiz.

Heiner Thorborg hat also in seiner Meinungsmache "Der Gang zum Menschenverbesserer" vollkommen zu Recht festgestellt: Coaching boomt. Befremdlich ist allerdings, dass er diese Erkenntnis zum Anlass nimmt, sich über den Berufsstand im Ganzen zu ereifern. Wir Coaches nehmen für uns das gleiche in Anspruch, was auch Herr Thorborg für seinen Berufsstand reklamiert: Wir sind seriöse Dienstleister in einer zunehmend komplexen und volatilen Arbeitswelt. Personalberater helfen Unternehmen und Beschäftigten zusammenzufinden, Coaches unterstützen sie dabei, die Zusammenarbeit erfolgreich zu gestalten.

Die Kritik von Herrn Thorborg kann ich daher nicht wirklich nachvollziehen. Sie verdient eine Replik - und zwar Punkt für Punkt:

Klienten suchen oft keinen guten Coach, sondern einen neuen Job

Tatsache ist, dass ein Coachingprozess mit klarem Auftrag und klarem Ziel begonnen wird. Auf dieses Ziel arbeiten die Beteiligten gemeinsam hin. Dabei kann sich im Einzelfall durchaus herausstellen, dass ein neuer Job für den Klienten oder die Klientin sinnvoll wäre. Dies ist aber keineswegs die Regel und auch nicht die Intention der Zusammenarbeit. Ganz wichtig dabei: Sollte dieser Fall eintreten, sorgt der Coach für Transparenz zwischen dem Klienten und dem Unternehmen als Auftraggeber, dessen vertraglich geregelte Interessen selbstverständlich nicht verletzt werden.

Unternehmen geben vor, disruptive Intrapreneure zu suchen, erwarten aber in Wahrheit angepasste Manager. Coaches leben von diesem Konflikt

Diesen Konflikt mag es geben - aber es sind nicht die Coaches, die ihn verursachen, im Gegenteil: Sie arbeiten an seiner Auflösung. Allerdings nicht, indem sie aus ehemaligen Freigeistern opportunistische Ja-Sager machen (kein seriöser Coach würde jemals die Persönlichkeit seiner Klienten verändern wollen), sondern indem sie die Klienten bestärken, selbstbewusst und selbstbestimmt eigene Wege zu gehen, dabei umsichtig und konstruktiv mit den Kollegen zusammenzuarbeiten und so positiv auf die Unternehmenskultur zu wirken.

Jeder Feuerschamane darf sich Coach nennen

Tatsächlich ist "Coach" in Deutschland kein geschützter Begriff. Doch es gibt verlässliche Gütekriterien für Coaches, wie etwa das Zertifikat des Deutschen Coaching Verbandes e.V. (DCV). Zudem dürfen wir Managern und Führungskräften durchaus zutrauen, das Laufen über glühende Kohlen nicht mit einem seriösen Coaching zu verwechseln.

Management-Coaches haben keine Management-Erfahrung

Das trifft in vielen Fällen in der Tat zu - und es ist auch überhaupt nicht notwendig. Coaches sind nicht dazu da, den Job ihrer Klienten zu übernehmen oder ihnen Management-Skills beizubringen. Coaches unterstützen sie in Bereichen wie Persönlichkeitsentwicklung, Mitarbeiterführung und Kommunikation. Dazu ist ein gewisses Maß an Felderfahrung sicher hilfreich, doch braucht es dafür vor allem Coaching-Kompetenzen, aber kein Managementwissen - darüber sollten die Manager von Haus aus verfügen.

Die positive Wirkung von Coaching ist nicht bewiesen

Das stimmt so nicht. Tatsächlich gibt es viele valide Studien aus der empirischen Forschung, die dieses Vorurteil widerlegen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Jüngst hat Carsten Schermuly, Professor an der SRH Hochschule Berlin und wissenschaftlicher Beirat des DCV, für sein Buch "Erfolgreiches Business-Coaching. Positive Wirkungen, unerwünschte Nebenwirkungen und vermeidbare Abbrüche" mehrere Metastudien analysiert. Demnach sind die positiven Auswirkungen von Coaching, vor allem die Förderung von Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit, gut belegt.

Coaches sehen Arbeitnehmer als Opfer und sich selbst als Weltverbesserer

Dies ist eine für seriöse Coaches völlig undenkbare Sichtweise. Tatsächlich arbeiten wir als kompetente Dienstleister auf Augenhöhe mit unseren Klienten an klar umrissenen Fragestellungen. Nicht mehr und nicht weniger. Erfolg bedeutet für uns, das definierte Ziel des Coachingprozesses zu erreichen und in diesem Sinne gemeinsam einen guten Weg gebahnt zu haben, die jeweilige Herausforderung zu meistern. Damit verbessern wir hoffentlich die berufliche Zufriedenheit des Klienten und den Erfolg seines Unternehmens, retten aber nicht gleich die ganze Welt - und das ist auch völlig okay so.

Coaches müssen einem hohen Qualitätsanspruch standhalten

Auch wenn Herrn Thorborgs Sicht auf die Coachingbranche in vielen Punkten ein Zerrbild zeichnet, das mit der Realität nicht viel zu tun hat: In einer Hinsicht bin ich ganz seiner Meinung: Coaches müssen hohen Qualitätskriterien genügen.

Dieser Punkt ist außerordentlich wichtig, daher würde ich diesen Text gern auch als Aufruf zu einer Qualitätsoffensive für Coaches verstanden wissen. Unsere Tätigkeit ist zu wichtig und verantwortungsvoll, als dass wir sie Scharlatanen überlassen sollten, die es in unserem Berufstand wie in allen anderen zweifellos gibt. Aus diesem Grund hat der DCV ein Zertifikat entwickelt, das die hohe Qualität seines Inhabers gewährleistet. Andere Verbände, mit denen wir uns im Roundtable der Coachingverbände (RTC) zusammengeschlossen haben, haben dies ebenfalls getan, so dass Coachinginteressierte heute über starke Gütekriterien verfügen, die sie unbedingt nutzen sollten - und sei es nur, um ungerechtfertigten Vorwürfen entgegenzutreten.

Dr. Alexander Brungs arbeitet seit 2010 als Coach, ist seit drei Jahren Vorstand im Deutschen Coaching Verband (DCV) und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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