Mittwoch, 22. Mai 2019

Laufen Firmen besser ohne Chef? Kopfball - was CEOs vom Mourinho-Drama lernen können

Jose Mourinho: Der Chefcoach von Manchester United musste gehen - gegnerische Fans riefen: "We want you to stay!"

"Mein Chef ist ein Blinddarm. Oft gereizt, völlig nutzlos und bestenfalls störend für den normalen Verlauf der Dinge." Oder: "Einfach mal den Chef fragen, was er beruflich so macht. Das Gesicht: Unbezahlbar!" Solche und ähnliche Sprüche sterben nicht aus. Dahinter steckt die weit verbreitete Überzeugung, dass die meisten Läden besser liefen, wenn nur der Boss nicht wäre.

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Ist was dran an dieser Sicht? Es kommt auf den Chef an. In jeder Hinsicht - und wer daran zweifelt, sollte sich mal mit Manchester United beschäftigen. Unter Trainer José Mourinho wollte den Spielern nicht viel gelingen, obwohl sie zu den bestbezahlten der Welt zählen und der Portugiese als Magier des Fußballs gilt. So mies war der Auftritt der Elf beim schlechtesten Saisonstart des Vereins in der britischen Liga, dass die gegnerischen Fans im Stadion skandierten: "Mourinho, we want you to stay!"

Kurz vor Weihnachten schließlich gab es Konsequenzen, seither trägt das Zepter in Manchester der Norweger Ole Gunnar Solskjær. Der nun brauchte keine drei Wochen, um eine historische Marke zu erreichen: Noch nie hat ein Trainer in der britischen Premier League die ersten sechs Spiele nach seiner Berufung gewonnen. Derselbe Club, dieselben Spieler - nur der Chef ist ein anderer und schon läuft es.

Der Chef wird ausgetauscht - und schon läuft es wieder

Darin steckt mehr als nur eine Botschaft für die Unternehmenswelt. Erstens: So wie es im Club auf den Trainer ankommt, prägt auch ein CEO sein Unternehmen. Zweitens: Egal, ob Verein oder Konzern, mit dem Austausch einer Fehlbesetzung zu warten, ist selten eine gute Idee. Drittens: Wer, wie Mourinho, sich selber als "the special one" bezeichnet, muss sich nicht wundern, wenn am Ende zum Ärger der Spott noch dazukommt. Ego-eskalierte Angeber werden nicht geliebt, sondern nur geduldet.

Nun ließe sich einwenden, dass die Fixierung auf den Boss vielleicht in einem überschaubaren Betrieb wie ManU gelten mag, wo nur etwas über 900 Menschen arbeiten, nicht aber in großen Konzernen mit hunderttausend Mitarbeitern oder mehr, wo die Spitze für die meisten doch recht entrückt ist. Auch das ist Unsinn, denn ManU ist keinesfalls ein Kleinbetrieb. Laut Forbes generierte der Verein in der Saison 2016/17 den höchsten Umsatz unter allen Fußballclubs.

Zudem gilt: Gute Führung ist ansteckender als die Grippe. Ein herausragender Chef versammelt um sich herum möglichst exzellente Leute, die wiederum nur mit den besten Mitarbeitern arbeiten wollen, die dann ihrerseits nach Talenten fahnden ... und so weiter.

Ein CEO hat den gleichen Job wie ein Trainer

Zweitklassige Führungskräfte jedoch dulden nur drittklassige in ihrer Nähe und die wiederum fühlen sich am sichersten, wenn ihnen möglichst keiner das Wasser reichen kann. Im Guten wie im Schlechten funkt das eine Botschaft durchs Unternehmen. Und zwar so schnell wie sich eine Welle über eine ganze Wasserfläche hin verbreitet.

Ein Unternehmenslenker hat den gleichen Job wie ein Trainer: Es gilt, die Mannschaft aufzubauen. So wie ein Fußball-Coach die Härte mitbringen muss, Spieler auszuwechseln, muss auch ein Vorstandschef hart sein und einem Aufsichtsrat entgegentreten, wenn dieser schwache Leute installieren will, die nicht ins Team passen.

Wer jedoch wie Mourinho die Topleute im Kader wie im Management öffentlich demütigt, muss sich nicht wundern, wenn selbst starke Kräfte (Paul Pogba! Jesse Lingard! Marcus Rashford!) lustlos herumdümpeln, keine Risiken eingehen und sich auf das eigene Wohlbefinden konzentrieren anstatt aufs Teamwohl.

Der neue Chefs hat den Profis den Spaß an der Arbeit zurückgegeben

Keine Frage, Manchester United hat jede Menge Probleme, die auch der zunächst nur als Interim engagierte Solskjær nicht lösen wird: Seit der Übernahme durch die Glazers in 2005 gilt dort der kommerzielle Erfolg mehr als der sportliche. Das ist dem Club nicht gut bekommen, und es mag sein, dass diese Strukturen langfristig auch Solskjærs Energie verschleißen werden. Einstweilen jedoch hat es der neue Chef geschafft, den Jungs den Spaß an der Arbeit und die Lebensfreude zurückzugeben und nun attackieren sie wieder wie früher.

Mit diesem auf Attacke konzentrierten Stil ist Solskjær ironischerweise zuvor als Trainer bei Cardiff gescheitert. Darin liegt wohl die wichtigste Botschaft dieses Kopfballs: Das bei vielen erfolgsverwöhnten Männern verbreitete Selbstbild - "Fahren Sie mich irgendwo hin, ich werde überall gebraucht!" - ist eine Illusion. Selbst eine an sich gute Führungskraft passt nicht notwendigerweise in jeden x-beliebigen Betrieb. Gute Aufsichtsräte und gute Clubmanager wissen das.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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