Sonntag, 21. Juli 2019

Wille allein reicht nicht Wie Emotionen Manager reicher machen

Dieter Zetsche
Damir Sagolj/ REUTERS
Dieter Zetsche

"Emotionen haben im Management nichts verloren!", empörte sich der Manager eines international agierenden Pharmakonzerns einmal in einem meiner Seminare. "Emotionen sind was fürs Kino. Was im Business zählt, ist das rein Rationale, das Nüchterne, die Vernunft." Aussagen wie diese sind unter Führungskräften keine Seltenheit. Aber stimmen sie auch wirklich? Oder spricht hier jemand, der zu seinen eigenen Emotionen ein eher gespaltenes Verhältnis hat?

Günther Höhfeld
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    Janine Guldener
    Günther Höhfeld ist Psychologe, Theologe, Management-coach und Autor. Seit er 1999 selbst eine lebensbedrohliche Tumorerkrankung überwunden hat, berät und begleitet er Führungskräfte und Organisationen nach kritischen Ereignissen. Sein Buch "Der Cardio-Coach. Wie Führungskräfte an Herzerkrankungen wachsen" ist 2016 im Campus-Verlag erschienen.

Emotion und Gefühl werden fälschlicherweise oft gleichgesetzt. Der Begriff Emotion stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "Bewegung, Erregung". Emotionen bringen den Menschen in Bewegung und können ihn erregen. Psychologisch gesehen ist eine Emotion eine körperliche Reaktion auf Reize und Zustände im Gehirn. Sie läuft unbewusst ab. Das Gefühl dagegen ist der sichtbare, von uns wahrnehmbare Teil davon. Das Gefühl ist sozusagen die Spitze eines Eisbergs, der aus Emotionen besteht. Was uns als Gefühl begegnet, verweist uns auf die ihm zugrunde liegende Emotion.

Zu den Grundemotionen zählen Freude, Furcht, Wut, Trauer, Abscheu, Erwartung, Billigung und Überraschung. Sie sind allen Menschen gemein. Unsere Emotionen ahnen wir durch unsere Gefühle. Gefühle machen uns unsere Emotionen bewusst.

Emotionen sind nützlich

Emotionen und Business schließen einander nicht aus, im Gegenteil: Emotionen prägen die Wirtschaft von morgen. Sie gehören zum Management wie der Motor zum Auto. Rein rationales Denken war gestern. Die Ära der Emotionen ist angebrochen. Als wichtigste Treiber für menschliches Handeln dominieren Emotionen nicht nur die bislang stark rationalisierte Wirtschaft, sondern auch unsere Gesellschaft. Daher wird es für Erfolg und Misserfolg entscheidend sein, wie Manager mit ihren Emotionen umgehen.

Sicher ist: Das Unterdrücken von emotionalen Botschaften führt dazu, dass Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieren. Wer ein Bewusstsein für seine eigenen Emotionen entwickelt hat, führt besser. Und lebt gesünder. Sicher ist auch: Menschen, die regelmäßig viele verschiedene Emotionen durchleben, sind offenbar gesünder als Menschen mit einem weniger abwechslungsreichen Gefühlsleben. Sie zeigen weniger Anzeichen für eine Depression, weisen niedrigere Entzündungswerte auf und müssen seltener zum Arzt. Forscher sprechen von emotionaler Diversität oder "emodiversity".

Zwar ist noch umstritten, wie sich emotionale Diversität erfassen lässt, doch weisen immer mehr Studien darauf hin, dass all unsere Emotionen ihre guten Seiten haben. Das gilt auch für eher unangenehme Gemütszustände wie Traurigkeit, Wut oder Furcht. Ihr Nutzen liegt darin, dass sie uns helfen, schwierige Situationen zu meistern, unsere Aufmerksamkeit und unser Gedächtnis zu schärfen und uns unserer berechtigten, aber brachliegenden Bedürfnisse bewusst zu werden.

Wir brauchen ein Gefühlsmanagement

Nehmen Sie Gefühle ernst, um wieder leichter zur Vernunft zu kommen. Machen Sie sich bewusst, dass Gefühle zum Leben dazugehören. Unsere Grundemotionen sind verinnerlichte Reaktionen auf häufig auftretende Situationen im Laufe unseres Lebens. Das Gefühl weist auf eine Abweichung vom Üblichen hin und hilft dabei, diese Veränderung zu bewältigen. Besonders in unsicheren instabilen Zeiten begegnet mir oft der Satz: "Ich habe das Gefühl, dass...". Aussagen wie diese können darauf hindeuten, dass Menschen dabei sind, etwas zu verstehen, was sie noch nicht verstanden haben. Oder dass sie noch keine Lösung gefunden haben und dabei sind, sich zu entscheiden. Gefühl und Verstand sind sozusagen noch im Dialog miteinander. Das Gefühl wäre dann, wie der Nobelpreisträger Daniel Kahneman treffend formulierte, der "Vorläufer des schnellen Denkens". Damit meint er jenes schnelle improvisierte Entscheiden, das wir tagtäglich Tausende Male praktizieren. Vernunft und Gefühl, so Kahneman, brauchen einander, um stimmig und zieldienlich zu entscheiden.

Wie man emotional führt

Zeigen Sie Mitgefühl und kultivieren Sie einen empathischen Führungsstil. Er ist die Grundlage sinnstiftender Beziehungen. Dabei ist Empathie nicht dasselbe wie Mitgefühl, sondern vielmehr die Voraussetzung dafür. Empathie können Sie trainieren, was als Resultat in ein tiefes und berührendes Gefühl münden kann - eben Mit-Gefühl. Setzen Sie Empathie und Mitgefühl bewusst als Führungsinstrument ein. Eine empathische Haltung macht Sie aufmerksam und achtsam für die Probleme und Schwierigkeiten Ihrer Mitarbeiter.

Wenn Ihr Mitarbeiter oder Kollege merkt, dass Sie ihm gegenüber empathisch sind, bekommt er das Gefühl, dass sein wahres Inneres, sein Herz, wahrgenommen wird und dass er für Sie als Ihr Gegenüber wahrhaft existiert. Eine empathische Beziehung zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter kann für beide das Gefühl einer tiefen Verbundenheit erzeugen, denn Mitarbeiter fühlen sich wahrhaftig gesehen, gehört, gefühlt und wahrgenommen. Empathie trägt zu einem gesunden Arbeitsklima bei und fördert sowohl das Wohlbefinden Ihrer Mitarbeiter als auch Ihr eigenes - jenseits aller Fachdisziplinen und Hierarchieunterschiede.

Übrigens: Der Pharmamanager, der im Geschäftsleben nur das Rationale zulassen wollte, musste am Ende unseres Coachings über sich selbst schmunzeln. Mit seiner Empörung hatte er sich selbst überführt. Sie war der beste Beweis dafür, dass Emotionen im Business sehr wohl ihren Platz haben - und haben müssen.

Günther Höhfeld ist Psychologe, Theologe, Coach-Ausbilder, Experte für Resilienz und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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