Sonntag, 17. November 2019

Deutschlands wichtigste Soziologin über Karriere, Frauenrollen, Arbeitsmodelle "Schnappen Sie nicht nach den Karotten, die man Ihnen vor die Nase hält"

Jutta Allmendinger (62), Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung

Jutta Allmendinger, Deutschlands wichtigste Soziologin, verlässt den Elfenbeinturm der Wissenschaft immer wieder gerne: Im vergangenen Sommer fuhr die Aufsichtsrätin der Berliner Stadtreinigung eine Schicht mit der Müllabfuhr mit, um zu erkunden, warum in dieser Sparte des Unternehmens eigentlich keine Frauen tätig sind. Wie eine gute berufliche Planung und ein zufriedenes Leben für beide Geschlechter zusammenhängen, erläuterte sie im Interview am Rande der NWX19, einer New-Work-Konferenz von Xing, in der Hamburger Elbphilharmonie.

manager-magazin.de: "Irgendwas fällt immer hinten runter", sagte Melanie Kreis, Finanzchefin bei DHL, jüngst über die Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Stimmen Sie zu?

Jutta Allmendinger: Unter den heutigen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen auf alle Fälle. Karriere kann man in Deutschland eigentlich nur in ununterbrochener Vollzeit mit Überstunden machen, schon Vollzeit alleine reicht nicht. Wir gehen unhinterfragt davon aus, dass geteilte Führung nicht funktioniert. Wenn Männer wie Frauen diesen Erwartungen folgen, und niemand in der Familie mehr die Möglichkeit hat, entspannt Zeit mit Kindern und Eltern und Freunden zu verbringen, sich kulturell anregen zu lassen, mal ein Buch zu lesen oder in Ruhe zum Arzt zu gehen, fällt nicht nur irgendwas hinten runter, sondern ganz schön viel. Später, im Ruhestand, lässt sich vieles davon nicht einfach nachholen, denn Freundschaften zum Beispiel müssen gepflegt werden.

Haben Sie denn Ihre Karriere in Teilzeit gemacht?

Nein, Teilzeit habe ich nie gearbeitet. Wohl aber verfolge ich eine Art "Hau-Ruck-Modell". Schon mein Doktorvater bat inniglich darum, ich möge das Achterbahnfahren aufhören. Damals bekam er kurz hintereinander viele Kapitel meiner Dissertation, dann aber lange Zeit nichts mehr. Auch heute ziehe ich acht Monate richtig durch, drei bis vier Monate bin ich dann aber gar nicht in Berlin, lebe Abstand, organisiere mich selbst und lasse mich wenig von außen steuern. Dann bin ich eine Art Trüffelschwein, lese quer und mache, was ich will. Natürlich ist mir das Schreiben sehr wichtig, und ich freue mich, dass ich immer wieder dazu Zeit finde. Mein Job erlaubt mir das, in der Wirtschaft oder in der Politik wäre das nicht möglich.

Eine gängige Erwartungshaltung ist: Frauen sollen so arbeiten, als ob sie keine Kinder hätten, und so erziehen, als ob sie nicht arbeiten würden.

Das Interessante ist doch, dass man das von Männern nicht erwartet. Männer sollen so arbeiten, als ob sie keine Kinder hätten und so erziehen, dass die Arbeit immer Vorrang hat. Es sind genau diese unterschiedlichen Erwartungen, die mich ärgern, denn sie schaden Frauen sehr. Frauen sollen sich einseitig an das Männerleben anpassen und dies gleichzeitig die Kinder nicht merken lassen. Wir brauchen gleiche Erwartungen an Männer und Frauen, dringend und schleunigst.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Unsere Studien zeigen: Frauen, die zwei Monate Babypause machen, werden im Vergleich zu Frauen, die zehn Monate nehmen, stark stigmatisiert. Wer eine kurze Pause in die Vita schreibt, wird seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, weil diese Frauen als unangenehm, unsympathisch, zickig und überambitioniert wahrgenommen werden. Und wer zehn Monate unterbricht, muss sich fragen lassen, ob sie wirklich karriereorientiert sei.

Bei den Männern spielt die Dauer der Pause keine Rolle?

Richtig. Da war es vollkommen egal, ob sie zwei oder zehn Monate Elternzeit in der Vita stehen hatten. Sie werden nicht als "Rabenväter" abgetan, und bei einer längeren Pause wird nicht gleich die Kompetenz in Frage gestellt.

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