Dienstag, 17. September 2019

Deutschlands wichtigste Soziologin über Karriere, Frauenrollen, Arbeitsmodelle "Schnappen Sie nicht nach den Karotten, die man Ihnen vor die Nase hält"

Jutta Allmendinger (62), Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung

3. Teil: "Ich habe null Verständnis dafür, dass Dax-Unternehmen eine Frauen-Zielquote von Null angeben"

Das ist wohl noch ein weiter Weg.

Schon. Aber wir sehen Biotope, in denen sich schon viel bewegt hat. Ich war vor einigen Tagen bei einer Augenärztin im Prenzlauer Berg in Berlin. Mit mir saßen ausschließlich Väter mit kleinen Kindern im Wartezimmer. Ganz selbstverständlich. Dies aber lässt sich nicht verallgemeinern. Noch haben wir zu wenige Führungskräfte, die dezidiert auf diese Art von Gleichstellung pochen, und wir haben einen Gesetzgeber, der noch zu gestaltungsträge ist. Ein Beispiel: Die Quotierungen von Aufsichtsräten waren erfolgreich. Doch das setzt sich nicht in einer höheren Repräsentanz von Frauen im Vorstand um, da nur wenige Frauen im Personalausschuss der Aufsichtsräte sitzen. Die Politik akzeptiert, dass Dax-Unternehmen eine Zielquote von Null angeben. Dafür habe ich null Verständnis.

Als welche Art von Rollenmodell sehen Sie sich selbst?

Ich habe eine Familie und zeige diese auch. Mein Sohn kam früher oft im Büro vorbei. Als er klein war, bekam er dafür sogar Taschengeld. Ich fand es wichtig zu zeigen: Ich bin Chefin und Mutter. Ich achte darauf, dass in meinem Institut Mütter und Väter die Freiheiten haben, die sie brauchen. Wir freuen uns sehr über jedes Kind und über jeden Ruf an eine Universität, die junge Mütter und Väter erhalten.

Hat sich Ihre Vorstellung davon, was in diesem Bereich funktioniert, über die Jahre geändert? Was haben Sie gelernt?

Leider tut sich zu wenig. Über Stereotypisierungen haben wir ja schon gesprochen. Vor dreißig Jahren wie auch heute denken junge Frauen, sie schaffen das alles selbst. Eine Quotierung lehnen sie ab. Aber erst wann man älter ist und gesehen hat, wie das System funktioniert, ändert sich diese Einstellung. Bei mir war das genauso. Als ich studiert habe, hätte ich nie gedacht, dass ich Hilfe brauchen würde. Ich habe nicht verstanden, was eine Quotierung soll. Und dann wurde ich in ein hochrangiges Gremium nach dem anderen berufen. Plötzlich wurde mir klar: Die brauchten halt eine Frau. Immer war es dann so, dass die ersten zwei Sitzungen für mich nicht sehr angenehm waren, ich fühlte mich nicht willkommen und wurde auch in den Pausen nicht integriert. Ich musste mich durchsetzen und beweisen. Bei Männern habe ich dagegen immer einen Vertrauensvorschuss gesehen. So bin ich zu einer Quotenbefürworterin geworden.

Was würden Sie jungen Frauen raten?

Wenn sie eine junge Mutter sind, so schnappen Sie bitte nicht nach den Karotten, die Ihnen vor die Nase gehalten werden. Das höhere Haushaltseinkommen, wenn die Väter weiterarbeiten, die Anerkennung von Mann, Eltern und Freunden, wenn Sie beim Kind bleiben. Bleiben Sie bei sich selbst und ihren Vorstellungen eines guten Lebens. Leiden Sie nicht und sagen höflich und bestimmt ihren Vorgesetzten, wenn sie sich benachteiligt fühlen. Zeigen Sie in ihren Teams, was sie können. Seien Sie mutig.

Warum gehen immer noch so wenige Frauen in mathematisch-naturwissenschaftliche und technische Berufe?

Viele werden leider Opfer ihrer eigenen Brillanz. Jüngst zeigte eine groß angelegte Untersuchung: Schülerinnen haben oft in Mathematik oder Physik eine Zwei, aber in Deutsch, Gesellschaftswissenschaften und in Sprachen eine Eins. Dann machen sie das, was sie am besten können. Viele Männer haben auch Zweien in Naturwissenschaften, aber in anderen Fächern schlechtere Noten - und dann machen sie auch das, was sie am besten können.

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