Dienstag, 17. September 2019

Deutschlands wichtigste Soziologin über Karriere, Frauenrollen, Arbeitsmodelle "Schnappen Sie nicht nach den Karotten, die man Ihnen vor die Nase hält"

Jutta Allmendinger (62), Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung

2. Teil: "In den letzten 25 Jahren sind die Zuschreibungen gegenüber Müttern gleich geblieben"

Frustrierend. Hat sich denn so wenig getan in den vergangenen Jahrzehnten?

Als ich 1994 meinen Sohn bekam, wollte ich den Studierenden den Gefallen tun, ihr Semester fast ununterbrochen bei mir abschließen zu können. Mir ging es glänzend, leichte Geburt, gesundes Kind, meine Mutter war mit dem Kleinen vor Ort. Also hielt ich meine Vorlesungen weiter, Methoden- und Statistik im Haupt- und Nebenfach, tausend Leute im Audimax der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. Gerade die jungen Frauen waren not amused. Ich galt als die Rabenmutter schlechthin und bekam viele deftige Briefe. Aus Harvard war ich ganz anderes gewohnt. Dort war es selbstverständlich, dass die Säuglinge mit an die Uni durften. Wir sehen also: In den letzten 25 Jahren sind die Zuschreibungen gegenüber Müttern gleich geblieben. Wir alle müssen und können dies ändern.

Wie?

Indem es beispielsweise in Unternehmen zur Chefsache wird und Teil eines klaren Führungsverständnisses, Werte setzen, vorleben und deren Umsetzung unterstützen. Wenn das entschlossen geschieht, ändern sich Selbstverständlichkeiten. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), welches ich leiten darf, reden wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern darüber, was wir erwarten, welche Dauer der Unterbrechung wir ermöglichen können und welche eben nicht. Ein halbes Jahr tut der Karriereentwicklung keinen Abbruch, anderthalb Jahre dagegen schaffen wir nicht. Ganz wichtig ist: Mütter und Väter müssen ihren Vorstellungen treu bleiben. Bevor das Kind kommt, nehmen sich die meisten Paare vor: "Das machen wir zusammen, überhaupt keine Frage." Sobald das Kind dann geboren ist, stellt sich die Situation plötzlich ganz anders dar.

Was passiert dann?

Die Männer sind meist etwas älter, haben auch deshalb ein höheres Einkommen, und die Rechnung ist dann ganz einfach: Allein aus finanziellen Gründen ist es besser, wenn die Frauen erst einmal zu Hause bleiben. Das Ehegattensplitting tut das Seine dazu. Dann ergeben sich klare Zuständigkeiten und bei Frauen oft auch eine Art Entfremdung von der Erwerbsarbeit. Man kuschelt sich gewissermaßen zu Hause ein. Wir sehen in vielen Interviews mit Frauen, dass die sich plötzlich Dinge nicht mehr zutrauen, die ein Jahr zuvor noch absolut selbstverständlich waren. Die Taktung ihres Lebens ist nun an die Kinder gebunden.

Viele KI-Experten glauben: Vollbeschäftigung wird es auf lange Sicht ohnehin nicht mehr geben. Kann man nicht auch guten Gewissens zu Hause bleiben, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen?

Klar kann man zu Hause bleiben, aber man sollte sich klar sein, was das mittel- und langfristig bedeutet. Man sollte das Leben auch ein bisschen von hinten her denken. Was will ich erreicht haben? Die Kinder sind schnell eigenständig, was passiert dann mit mir? Hinzu kommt: die Erwerbstätigkeit gibt Frauen nicht nur finanziell ein Stück eigenes Leben. Sie bringt neue Bekanntschaften, man kann sich selbst entfalten, man fordert sich. Die Vermächtnisstudie von WZB, infas und ZEIT zeigt das sehr deutlich. Man ist gerade nicht vorbereitet auf ein Leben, in dem Erwerbstätigkeit keine Rolle mehr spielt. Wir müssen daher alles tun, um gute Arbeit für alle zu schaffen. Ein Grundeinkommen, welches die Erwerbstätigkeit ersetzen soll, kann diese Partizipation nicht leisten.

Sie haben mal gesagt, der Heiratsmarkt bezahle die Frauen besser als der Arbeitsmarkt.

Bis 2016 war das auch so: Die Witwenrente war trotz großer Abstriche deutlich höher als die eigenen Erwerbsrenten von Frauen. Eine Frau, die in sozusagen in einen guten Mann investiert und darauf achtet, dass sie nicht geschieden wird, ist immer noch besser altersversichert als eine, die gearbeitet hat. Das hat mit den niedrigen Löhnen zu tun, mit dem Gender Pay Gap und frauentypischen Beschäftigungen. 2016 lag die eigene Arbeitsrente dann erstmals um 21 Euro höher als die abgeleitete Rente. Im Moment gibt es ein kleines Revival der Abhängigkeit vom Ehemann. Wenn bei der Grundrente eine Bedürftigkeitsüberprüfung vorgenommen werden soll, wird wieder auf das Einkommen der Ehemänner geschaut. Altersrenten sind aber individuelle Ansprüche und nicht haushaltsbezogen. Für mich wäre das ein klarer Rückschlag für die Gleichstellung von Mann und Frau.

Was sind die wichtigsten Stellschrauben, an denen wir als Gesellschaft drehen sollten?

Wir sollten bei Führungspositionen nicht mehr auf Vollzeit plus Überstunden setzen. Geteilte Führung funktioniert, ist effizient und kann auch besser für die Beschäftigten sein. Die Löhne in Männer- und Frauenbranchen müssen angeglichen werden. Das Ehegattensplittung muss weg. Bezahlte und unbezahlte Arbeit von Männer und Frauen sollten sich entsprechen. Daher sollten wir auch die Vätermonate beim Elterngeld mindestens verdoppeln.

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