Methoden für Job und Alltag Wie Sie bessere Entscheidungen treffen

Von Jochen Mai
Grün? Gelb? Oder doch lieber Mauve? Tagtäglich müssen wir Entscheidungen treffen - und manchmal auch welche, die weit gewichtiger sind als die der Farbwahl

Grün? Gelb? Oder doch lieber Mauve? Tagtäglich müssen wir Entscheidungen treffen - und manchmal auch welche, die weit gewichtiger sind als die der Farbwahl

Foto: Frank and Helena via Getty Images

Wie kann man gute Entscheidungen treffen? Es gibt zahlreiche Techniken, Methoden und Verfahren, um bessere Entscheidungen zu treffen, schwierige Wahlprozesse zugänglicher zu machen oder die beste Alternative zu finden. Wer eine für sich passende Methode finden will, muss daher vorab schon wieder eine Entscheidung treffen - selten passt der Begriff "paradox" so schön wie hier.

Die allgemeine, perfekte, unumstößliche Entscheidungstechnik, die in jeder Situation funktioniert und dazu noch einfach umzusetzen ist - sie existiert nicht.

Jeder Mensch hat andere Vorstellungen und Anforderungen. Das spiegelt sich auch in den verschiedenen Methoden wieder. Mit einer vorgefertigten Lösung, in die nur noch die fehlenden Variablen eingesetzt werden, ist es also nicht getan. Zwar existieren Entscheidungstechniken, die auf diese Weise aufgebaut sind, doch bedeutet das nicht automatisch, dass diese auch für Ihr aktuelles Dilemma die passende Antwort liefern. Jede Vorgehensweise hat ihre individuellen Vorteile, aber eben auch Haken und Stolpersteine.

Kurzum: Sie kommen nicht umhin, die wichtigsten (aber teils widersprüchlichen) Entscheidungstechniken kennenzulernen und anschließend eine Wahl zu treffen, welche davon zu der jeweils anstehenden Frage passt. Zweifellos werden sich dabei auch ein paar persönliche Lieblinge herauskristallisieren, andere dienen Ihnen vielleicht nur als Quelle der Inspiration und Sie entwickeln daraus ganz eigene Methoden. Das sind meist die besten.

Fangen wir also an mit einem besonders simplen Klassiker:

Die Pro-Contra-Liste

Ein Klassiker: Die Pro-Contra-Liste hilft, das Denken zu ordnen

Ein Klassiker: Die Pro-Contra-Liste hilft, das Denken zu ordnen

Foto: manager magazin online

Jeder kennt die Pro-Contra-Liste. Der Vollständigkeit halber soll sie an dieser Stelle trotzdem ihren wohlverdienten Platz bekommen, denn auch wenn sie altbekannt ist - sie funktioniert. Und sie ist denkbar einfach: Man nehme ein Blatt Papier, ziehe in der Mitte von oben nach unten einen Strich und schreibe links oben "Pro", rechts "Contra" darauf. Anschließend notieren Sie alles und begründen kurz, was für beziehungsweise gegen die Entscheidung spricht. So lassen sich die Optionen anhand der gefundenen Pro- und Contra-Argumente einfacher vergleichen. Schon die reine Anzahl der Punkte kann hierbei ein Indiz sein, wie Sie sich entscheiden sollten. Eine Gewichtung ist meist dennoch sinnvoll: Möglicherweise gibt es ein Contra-Argument, das so schwerwiegend ist, dass es auch durch mehrere kleinere Pluspunkte nicht aufgewogen werden kann.

So verspricht ein neuer Job eventuell eine kleine Gehaltserhöhung und mehr Verantwortung, allerdings wäre dafür ein Umzug in ein anderes Bundesland notwendig, wodurch Sie Ihr soziales Umfeld aufgegeben müssten und auch der Partner einen neuen Job bräuchte. Der aber ist örtlich festgelegt ...

Zahlenmäßig sind die Vorteile überlegen, aber die Gewichtung zeigt, dass eine Entscheidung für dieses Jobangebot kaum infrage kommt. Die meisten dürften im Alltag bei dieser Methode auch ohne Papier auskommen und die jeweiligen Vor- und Nachteile im Geiste abwägen. Unterschätzen sollten Sie die Notizen aber trotzdem nicht. Die Pro-Contra-Liste dient vor allem dazu, sich die verschiedenen Argumente bewusst zu machen, sie zu visualisieren und damit buchstäblich vor Augen zu führen. Oft hat das einen viel stärkeren psychologischen Effekt als das Einschätzen im Kopf.

Der einzige Nachteil: Je mehr Alternativen zur Verfügung stehen, desto komplexer werden die Listen und desto schwieriger wird die Auswahl. Meist hilft dann nur noch eine Art Streichkonzert, indem Sie aus den Listen all jene Pro- und Contra-Argumente streichen, die sich gegenseitig neutralisieren, und sehen, was übrig bleibt. Oder Sie wählen gleich eine ganz andere Technik. Etwa ...

Die Benjamin-Franklin-Liste

Schokolade toppt alles: Beispiel für eine (nicht ganz ernst gemeinte) Benjamin-Franklin-Liste

Schokolade toppt alles: Beispiel für eine (nicht ganz ernst gemeinte) Benjamin-Franklin-Liste

Foto: manager magazin online

Der Gründervater der USA, nach dem diese Technik benannt ist, machte sich bereits im 18. Jahrhundert seine Gedanken zu Wahlhemmungen und tüftelte an einem Weg, diese zu überwinden. Seine Lösung ist sichtbar durch die Pro-Contra-Liste inspiriert, widmet sich aber nicht der Gegenüberstellung von Vor- und Nachteilen, sondern vergleicht allein die Pro-Argumente verschiedener Alternativen.

Hierzu wird ein Blatt entsprechend der Anzahl an Alternativen in Spalten eingeteilt und diese mit den Vorteilen - und nur mit diesen - der jeweiligen Option gefüllt. Schnell entwickelt sich daraus ein umfangreiches Bild aller Pluspunkte. Diese werden anschließend benotet, um jedem Element in der Liste einen Wert zuzuweisen. Zuletzt werden die Noten der einzelnen Spalten addiert und durch die Zahl der Argumente geteilt. Und schon steht die Gesamtnote für die beste Alternative fest.

Franklins Ansatz zeichnet sich durch seine Einfachheit aus, allerdings gibt es ein großes Manko: Es werden keine Nachteile betrachtet. Dadurch besteht die Gefahr einer eindimensionalen, rosaroten Abbildung, bei der möglicherweise entscheidende Konsequenzen der Wahl keine Beachtung finden.

Die Benjamin-Franklin-Liste empfiehlt sich aus diesem Grund eher zur ersten Orientierung, um die Zahl der möglichen Optionen im Vorfeld zu verringern und so die folgende Entscheidung zu erleichtern.

Der Entscheidungsbaum

Für klare Denker: Ein Entscheidungsbaum hilft durch Duelle zwischen den Optionen

Für klare Denker: Ein Entscheidungsbaum hilft durch Duelle zwischen den Optionen

Foto: manager magazin online

Entscheidungstechniken kommen nicht nur in Form von Listen daher, sondern gerne auch als Grafik, die den Entscheidungsprozess veranschaulichen. Eine mögliche Darstellungsweise ist der sogenannte Entscheidungsbaum, der manchem vielleicht aus Sportturnieren bekannt ist, wo dieselbe Methode genutzt wird, um K.o.-Runden zu visualisieren.

Beim Entscheidungsbaum stellen Sie jeweils zwei Alternativen einander gegenüber, wägen ab - und jene Option, die gewinnt, kommt eine Runde weiter. Das Ganze wird so lange wiederholt, bis sich die beste Wahl durchgesetzt hat.

Der Entscheidungsbaum hilft, indem er eine komplexe Anzahl an Alternativen in kleine Wahl-Duelle herunterbricht und das Abwägen zu einer Art spielerischem Wettkampf macht. Auch hier gibt es aber eine Crux: Der Entscheidungsbaum funktioniert nur, solange eindeutige Präferenzen existieren und gleichzeitig eine Vielzahl an Optionen zur Wahl stehen. Er bietet keine Hilfe, wenn es sich von Beginn an nur um eine "Ja oder Nein"- beziehungsweise "A oder B"-Entscheidung handelt. Auch stößt diese Technik an ihre Grenzen, wenn man sich nicht festlegen kann, welche Möglichkeit besser zu den eigenen Erwartungen passt.

Das letzte Problem lässt sich allerdings lösen, indem der Entscheidungsbaum beziehungsweise die einzelnen Optionen-Duelle mit anderen Methoden (zum Beispiel der Pro-Contra-Liste) kombiniert werden.

Die Entscheidungs-Mindmap

Entscheidungs-Mindmap: Mit farbigen Markierungen und Pro- und Contra-Beschriftungen wird das Ganze noch eingängiger

Entscheidungs-Mindmap: Mit farbigen Markierungen und Pro- und Contra-Beschriftungen wird das Ganze noch eingängiger

Foto: manager magazin online

Ein weiteres grafisches Hilfsmittel sind Mindmaps. Sie werden auch in der Schule, an der Universität und im Beruf eingesetzt, um komplexe Zusammenhänge eines Themas zu strukturieren und darzustellen. Die Entscheidungs-Mindmap greift dieses Prinzip auf und wendet es auf eine komplizierte Wahl an, wobei die Vorgehensweise beinahe identisch bleibt. Den Anfang bildet die Entscheidung, die getroffen werden soll. Diese wird zentral auf ein - falls nötig größeres - Blatt Papier geschrieben und mit einer Farbe gekennzeichnet.

Von dieser werden nun die Hauptäste des Baums eingezeichnet, wobei jeder eine Alternative darstellt, die an den entsprechenden Ast geschrieben wird. Jeder dieser Äste erhält anschließend weitere Verzweigungen. Diese werden - wie Sie vermutlich ahnen - als Pro und Contra beschriftet. Zum Schluss folgt die Bewertung der einzelnen Pfade und Äste und ihrer entsprechend positiven und negativen Argumente. Voilà - fertig ist die Entscheidungs-Mindmap.

Sie können zur Bewertung der einzelnen Äste zusätzlich Symbole oder Farben verwenden. Ebenso können Sie jene Äste dicker malen, die zu einer positiven Entscheidung führen. Letztlich geht es dabei aber nicht um Ästhetik, sondern vor allem um das Visualisieren und Verdeutlichen der Entscheidungsstrukturen.

Der größte Vorteil der Entscheidungs-Mindmap ist ihre Übersichtlichkeit bei komplexen Wahlen. Zugegeben, das Ergebnis hängt dann auch ein wenig vom künstlerischen Geschick des Zeichners ab. Wer aber nicht gerade zwei linke Hände hat, dürfte eine respektable Gedankenkarte erzielen, die schnell alle Möglichkeiten mit Vor- und Nachteilen aufzeigt. Was eine Mindmap allerdings nicht schafft, ist, die einzelnen Entscheidungsstränge zu gewichten. Sie können zwar durch die unterschiedliche Aststärke Ihre Bewertung noch einmal differenzieren. Doch entspricht das Ergebnis eher einer gefühlten Gewichtung als einer scharf abgegrenzten Unterscheidung, wie sie etwa bei Methoden mit einer Punktewertung vorherrscht.

Das macht die Mindmap zu einer Art vorgelagerter Entscheidungshilfe, um die daraus hervorgehenden siegreichen Optionen noch einmal einer genaueren Bewertung zu unterziehen. Zum Beispiel mithilfe der sogenannten Entscheidungsmatrix.

Die Entscheidungsmatrix

Rechenexempel: Wie gut schlagen sich Job 1, 2 und 3 auf einer Skala von 1 bis 10 in den verschiedenen Bereichen?

Rechenexempel: Wie gut schlagen sich Job 1, 2 und 3 auf einer Skala von 1 bis 10 in den verschiedenen Bereichen?

Foto: manager magazin online

Eine Entscheidungsmatrix erfordert kein höheres mathematisches Verständnis. Nichtsdestotrotz ist sie tief in den rationalen Entscheidungstechniken verankert und zeichnet sich durch ein analytisches Vorgehen aus, was dem ein oder anderen mathematisch Begabten in die Karten spielt - manchem aber auch missfallen kann, der sich lieber an seinem Bauchgefühl orientieren möchte.

Für eine Entscheidungsmatrix werden zunächst alle zur Wahl stehenden Alternativen gesammelt und in Spalten eingetragen. Im zweiten Schritt muss ein wenig tiefer gegraben werden, um möglichst alle Kriterien herauszufiltern, die bei der Entscheidung von Bedeutung sind und mit diesen die Zeilen der Matrix zu beschriften. Welche das genau sind, hängt von der individuellen Situation ab. Nicht nur monetäre Kriterien sind dabei möglich, sondern auch abstraktere Stichpunkte wie der Spaß, der mit einer Option verbunden ist.

Die Bewertungen der einzelnen Faktoren werden nun entweder auf einer Skala von 1 bis 10 oder als Schulnoten eingetragen. Zum Schluss addieren Sie entweder alle Punkte zu einer Gesamtzahl oder ermitteln die Durchschnittsnote.

Damit hat die Entscheidungsmatrix zwei große Vorteile: Sie liefert durch einen simplen Rechenprozess einen klaren Favoriten und macht es gleichzeitig leicht, die Faktoren untereinander zu vergleichen und zu gewichten. Die simple Handhabung und einfache Durchführung der Entscheidungsmatrix macht ihren besonderen Reiz aus. Allerdings verführt das Procedere auch zur Willkür, und es kann zu Fehlern kommen, wenn etwa ein wichtiges Kriterium vergessen wurde. Wer hier aber sorgfältig und durchdacht vorgeht und die eingetragenen Werte begründen kann, dürfte kaum etwas falsch machen.

Die Consider-all-Facts-Methode

Komplexe Entscheidung: Der Hauskauf hat weitreichende Konsequenzen für Finanzen und Leben

Komplexe Entscheidung: Der Hauskauf hat weitreichende Konsequenzen für Finanzen und Leben

Foto: DPA

Der britische Kognitionswissenschaftler und Schriftsteller Edward de Bono schlägt mit seiner Consider-all-Facts-Methode in eine ähnliche Kerbe wie die Entscheidungsmatrix.

Wie der Name erahnen lässt, beginnt die Entscheidungsfindung auch bei dieser Methode mit einer Liste aller relevanten Faktoren - und zwar wirklich aller! Ausnahmslos. Die Größe der daraus resultierenden Liste hängt von der Komplexität und Tragweite der Entscheidung ab. Die kann aber mitunter lang, sehr lang werden.

Ein Beispiel: In die Überlegung, welches Haus gekauft werden soll, fließen viele Facetten mit ein: Preis der Immobilie, Möglichkeiten zur Finanzierung, Größe, Lage, Anbindung, Aufteilung der Zimmer, Art der Heizung, letzte Sanierung, direkte Nachbarn, Freizeitmöglichkeiten in der Umgebung, Entfernung zum Arbeitsplatz und zur Schule für die Kinder … De Bonos Kerngedanke war: Je mehr Faktoren und Informationen zu jeder Möglichkeit vorliegen, desto klarer und eindeutiger wird das Bild. Natürlich hat auch der Wissenschaftler erkannt, dass es wichtige und unwichtige Faktoren gibt, die in der Liste durch ihre Reihenfolge dargestellt werden können: Wichtiges kommt zuerst, Zweitrangiges und kleinere Punkte finden sich am Ende der Consider-all-Facts-Methode wieder. Am Rand jeder Seite sollten Sie zudem Platz für Ihre Anmerkungen und Bewertungen lassen.

Doch wie lässt sich aus einer solch riesigen Liste überhaupt noch eine vernünftige Entscheidung ableiten? Ganz einfach, indem man jede Alternative anhand der gesammelten Faktoren überprüft und vergleicht (und dies am Rand notiert). Welche Punkte werden erfüllt? Welche Kriterien bleiben offen und wie wichtig sind diese? Wo liegen die Vor- und Nachteile der einzelnen Alternativen?

Mit so einer Liste kann auch im obigen Beispiel des Häuserkaufs mit vielen Variablen eine Entscheidung getroffen werden. Dieser Auswahlprozess zeigt jedoch die gleiche Problematik, an der auch die Entscheidungsmatrix krankt: Nur eine wirklich vollständige Liste aller relevanten Faktoren kann ein korrektes Bild ergeben.

Die Consider-the-Best-Methode

Welches Smartphone ist das richtige für mich? Die Consider-the-Best-Methode kann ein Anfang sein, das herauszufinden

Welches Smartphone ist das richtige für mich? Die Consider-the-Best-Methode kann ein Anfang sein, das herauszufinden

Foto: Angelika Warmuth/ picture alliance / dpa

Das Gegenteil zur Consider-all-Facts-Methode und wegen ihrer Simplizität manchmal besser geeignet, ist die Consider-the-Best-Methode. Kurz und bündig: Hierbei wird der Fokus lediglich auf den wichtigsten Entscheidungsfaktor gelegt. Welcher das ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Bei Kaufentscheidungen wird häufig der Preis angeführt, was aber nicht immer die beste Wahl darstellt, wenn gleichzeitig die Qualität nicht stimmt.

Schon an diesem simplen Beispiel wird dann auch der Nachteil der Methode klar. Nehmen wir an, Sie wollen sich ein neues Smartphone kaufen. Welche Kriterien spielen dabei eine Rolle? Der Preis? Eine eventuelle Vertragsbindung? Da fängt es schon an komplex zu werden: Wie lange ist die Laufzeit? Wie gut ist das Netz? Vor allem in Ihrer Region? Oder gar auf Reisen? Und so weiter. Sie merken: Die Consider-the-Best-Methode kommt hier schnell an ihre Grenzen, geht sie doch von einer starken Vereinfachung der Realität aus. Oftmals wird so auch frühzeitig ein Faktor über alle anderen gestellt. Am Ende treffen wir unsere Entscheidung dann vielleicht auf einer vollkommen falschen Grundlage.

Gänzlich ignorieren sollte man diese Technik trotz der recht deutlichen Schwäche aber nicht. Sie eignet sich zum Beispiel gut für kleinere Alltagsentscheidungen oder dazu, sich bewusst zu machen, was bei einer Wahl die gewichtigste Rolle spielt.

Die Scheibchen-Methode

Die Salami-Taktik muss nicht immer die schlechteste sein. Manche Probleme sind zu groß und zu vielschichtig, um Entscheidungen bezogen aufs große Ganze treffen zu können - da hilft nur Aufteilen.

Die Salami-Taktik muss nicht immer die schlechteste sein. Manche Probleme sind zu groß und zu vielschichtig, um Entscheidungen bezogen aufs große Ganze treffen zu können - da hilft nur Aufteilen.

Foto: NIKOLA SOLIC/ REUTERS

Im Hinterkopf ist bei einer Wahl immer das große Ganze. Gerade bei wichtigen Entscheidungen versuchen wir, den Überblick zu behalten und so die bestmögliche Option herauszufiltern. Genau diese Vorgehensweise kann aber ungeheuer abschreckend wirken. Wir sehen eben wirklich nur noch das große Ganze - einen riesigen Berg und eine monströse Wahl, die uns eher panisch macht und in die Flucht schlägt.

Die Scheibchen-Methode könnte hier die Lösung sein: Bei dieser Technik wird das zu lösende Problem in mehrere kleine Stücke aufgeteilt, um die eigentliche Entscheidung zu vereinfachen und zu erleichtern. Statt einer fundamentalen Entscheidung treffen Sie jetzt viele kleine, die sich womöglich auch mal als falsch erweisen können. Das große gemeinsame Ziel wird davon aber nicht wesentlich beeinflusst - es betrifft eben nur ein Scheibchen davon. Die Scheibchen-Methode ist damit prädestiniert für schwerwiegende Entscheidungen und beschleunigt oft den damit verbundenen Auswahlprozess.

Die Wahl eines geeigneten Berufsweges lässt sich beispielsweise fast bis ins Unendliche ziehen. Die Alternativen sind endlos und es spielen eine Menge Faktoren mit hinein. Statt zu fragen: "Was soll ich bloß beruflich machen?", können Scheibchen gebildet werden: "Will ich studieren?", "Will ich mit Menschen zu tun haben?", "Möchte ich später im Büro arbeiten?" oder "Fühle ich mich im direkten Kontakt mit Kunden wohl?" Mit jeder beantworteten Scheibe schält sich ein zunehmend klareres und weniger einschüchterndes Gesamtbild heraus.

Leider gibt es auch bei dieser Methode nicht nur Positives: So fehlt in erster Linie die Gewichtung und Bewertung der einzelnen Abschnitte, wie man sie etwa bei einer Pro-Contra-Liste oder den anderen schon erwähnten Techniken finden kann. Jedes Problem lässt sich zwar sinnvoll zerlegen und vereinfachen, eine wirkliche Orientierung bleibt die Scheibchen-Methode aber schuldig. Auch lassen sich so mehrere Alternativen nicht untereinander vergleichen. Im Projektmanagement wird aus der Technik sogar ein Trick, der Ihnen im Hinblick auf Aufgaben oder Zielsetzungen vielleicht als "Salamitaktik" bekannt ist.

Ihre Berechtigung unter den Entscheidungstechniken erlangt die Scheibchen-Methode allein dadurch, dass sie hilft, Wahlhemmungen zu überwinden und weil sie sich mit anderen Techniken sinnvoll kombinieren lässt.

Der Standpunktwechsel

So sieht es doch hübsch ordentlich aus. Aber bis dahin ist es meist ein weiter Weg mit viel Trennungsschmerz.

So sieht es doch hübsch ordentlich aus. Aber bis dahin ist es meist ein weiter Weg mit viel Trennungsschmerz.

Foto: imago

Gerade in emotional festgefahrenen Situationen kann ein Perspektivwechsel Klarheit schaffen: Angenommen, Sie müssen mal wieder ausmisten, weil Keller und Schränke längst überquellen. Beim Aussortieren fallen Ihnen dann aber zu jedem Stück Erinnerungen ein. Oder so was wie: "Eigentlich könnte ich das noch gebrauchen. Das ist doch viel zu schade zum Wegschmeißen!" Und weil das Herz hier und da noch dranhängt, ist zwar nach der Aktion der Tag rum, der Keller aber nicht leerer. Je mehr Emotionen ins Spiel kommen, desto stärker wirken die Kräfte der Verblendung, der Verschleierung und des Selbstbetrugs.

Wer sich dann darauf besinnt, dass er oder sie eigentlich Platz schaffen wollte (zum Beispiel für neuen Tand oder um den Keller endlich auszubauen), der vollzieht nichts anderes als einen Perspektivwechsel. Leider ist diese Methode leichter aufgeschrieben als umgesetzt. Um eine Entscheidung mit anderen Augen zu betrachten, muss man sich auf den Vorgang wirklich einlassen. Viele wollen das nicht und verharren lieber in Routinen und selbstgezimmerten Räumen aus Vorurteilen und Klischees.

Gegen die enge Zelle aus mentalem Zement hilft nicht viel. Manchmal nutzt es, die voreingenommene Haltung aufzubrechen, indem man sich frei macht von der Angst vor Konsequenzen. Oder aber Sie stellen sich eine nur dem Anschein nach einfache Frage: Was würde ich einem Freund raten, der vor derselben Entscheidung steht? Auch diese Frage erzwingt einen Perspektivwechsel und nutzt noch einen anderen psychologischen Effekt: Bei anderen sehen wir die Dinge meist viel klarer als bei uns selbst.

Voraussetzung für diese Methode bleibt die Ehrlichkeit vor sich selbst. Dann lüftet der Standpunktwechsel meist den Nebel, der sich über die eigenen Wünsche, Ziele und Prioritäten gelegt hat.

Die Best-Case-/Worst-Case-Analyse

Beim Lottospielen wissen wir, dass die Chancen auf sechs Richtige mit Zusatzzahlen bei 1 zu 139.838.160 stehen. Im Alltag kommt es aber nicht auf statistische Genauigkeit an, sondern vor allem auf gesunden Menschenverstand.

Beim Lottospielen wissen wir, dass die Chancen auf sechs Richtige mit Zusatzzahlen bei 1 zu 139.838.160 stehen. Im Alltag kommt es aber nicht auf statistische Genauigkeit an, sondern vor allem auf gesunden Menschenverstand.

Foto: DPA

Wer eine Entscheidung zu treffen hat, steht sinnbildlich vor der Gabelung eines Weges. Der Fokus richtet sich dabei zunächst auf die offensichtlichen Abzweigungen in Form von verschiedenen Alternativen. Die nächste gedankliche Phase bleibt aber oft unbeachtet: Jede der Optionen kann sich auf verschiedene Arten entwickeln - positiv wie negativ.

An diesem Punkt knüpft die Best-Case-/Worst-Case-Analyse an, mit der sich zwei verschiedene Szenarien anhand der möglichen Verläufe vergleichen lassen. Für jede Alternative wird gedanklich ein Best-Case-Szenario und ein Worst-Case-Szenario erstellt. Der Nutzen der Methode liegt dabei in der bewussten Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen jeder Alternative beziehungsweise dem Betrachten der möglichen Konsequenzen - und zwar in beide Richtungen.

Die Worst-Case-Szenarien spielen dabei in erster Linie mit Wahrscheinlichkeiten und einem potenziell denkbaren Desaster. Das hat aber nichts mit Schwarzmalerei zu tun, sondern soll vor allem als Ausschlusskriterium genutzt werden: Stößt man bei der Analyse auf ein Szenario, dessen schlechtester Ausgang recht wahrscheinlich einer persönlichen Katastrophe gleichkommt, wird diese Alternative sofort aussortiert. Umgekehrt: Ist die Annahme mehr als unwahrscheinlich und selbst im schlimmsten Fall gar nicht mal so arg, offenbart sich sofort ein gangbarer Weg.

Ein Beispiel hierfür wäre eine Investition, bei der im Worst-Case das gesamte eingesetzte Kapital futsch ist. Wie beim Lottospielen. Gut, wer nur Minimalbeträge setzt, dürfte den Totalverlust verschmerzen können. In dem Fall ist der schlimmste Ausgang tatsächlich gar nicht mal so schlimm.

Etwas anderes aber passiert, wenn wir etwa an der Börse mit unserer Altersabsicherung spekulieren. Kann klappen, muss aber nicht. Wer dann nicht bereit ist, das entsprechende Risiko einzugehen - selbst wenn auf der anderen Seite die Chance auf einen großen Gewinn besteht -, sollte einen anderen Weg einschlagen. Natürlich lässt sich nicht für jedes Szenario eine exakte Wahrscheinlichkeit errechnen. Beim Lottospielen wissen wir zumindest, dass die Chancen auf sechs Richtige mit Zusatzzahlen bei 1 zu 139.838.160 stehen. Im Alltag kommt es aber nicht auf statistische Genauigkeit an, sondern vor allem auf gesunden Menschenverstand. Der reicht oft völlig.

Die Wahrheit, in Form der tatsächlichen Entwicklung, liegt sowieso in 99 Prozent der Fälle irgendwo zwischen den beiden Extremvarianten. Wer sich aber bewusst macht, worauf er sich im schlimmsten oder besten Fall einlässt, bezieht in seine Wahl einen weiteren Faktor mit ein, der die Entscheidung maßgeblich beeinflussen kann.

Die Entscheidungsfragen

Qual der Wahl: Die richtigen Entscheidungsfragen können helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen

Qual der Wahl: Die richtigen Entscheidungsfragen können helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen

Foto: Jan-Philipp Strobel/ dpa

Nicht immer müssen es ausgeklügelte Methoden sein, um eine Entscheidungshilfe zu liefern. Zugegeben, einige davon sind nützlich, um Wahlhemmungen zu überwinden oder sich über mögliche Folgen klar zu werden. Es geht aber auch einfacher und weniger grafisch - mit sogenannten Entscheidungsfragen, die festgefahrenen Gedanken wieder Mobilität einhauchen und ein Hybrid aus allen Methoden darstellen:

Bin ich ehrlich zu mir selbst? Die objektiv betrachtet beste Entscheidung ist leider nicht immer gleichzeitig auch einfach oder beliebt. Vielleicht stellt man fest, dass man sich in eine Sackgasse entwickelt hat, aus der es nur durch den Rückwärtsgang wieder hinausgeht. Eine solche Erkenntnis kann ärgerlich sein, weil man sich ein anderes Ergebnis erhofft hat. Die Wahrheit kann bekanntlich wehtun - ist bei der Entscheidungsfindung aber zwingend notwendig, um nicht in kurzer Zeit wieder am selben Punkt zu landen.

Habe ich ausreichend Alternativen geprüft? Es ist leicht, sich in die erstbeste Möglichkeit zu verlieben und alles andere als falsch abzutun. Kann funktionieren, geht aber in vielen Fällen nach hinten los. Oft entstehen Fehlurteile gerade deshalb, weil nicht genügend Alternativen in Betracht gezogen wurden - und sei es nur die Option, nicht zu wählen. Mit dieser Frage zwingen Sie sich zur Unbequemlichkeit und dazu, über den Tellerrand hinauszublicken.

Bin ich mir über die Konsequenzen im Klaren? Wahlhemmungen gehen nicht selten auf die Angst vor den möglichen Folgen zurück. Wir drücken uns dann vor der Entscheidung. Doch sind diese Horrorszenarien überhaupt begründet? Dahinter versteckt sich nicht die Aufforderung zum Tragen einer rosaroten Brille. Vielmehr ist es ein Aufruf zu einer realistischen Einschätzung, um weder unbegründete Ängste zu schüren, noch einen möglichen Fehler zu maskieren und zu vertuschen.

Was sagt der Bauch? Was sagt der Kopf? Will die Entscheidung einfach nicht fallen, kann es helfen, sich nicht nur auf ein einzelnes Körperteil zu verlassen. Der Bauch findet vielleicht ein Argument, das der Kopf noch nicht ans Tageslicht befördern konnte - oder umgekehrt. Wir wären schlecht beraten, uns nur als Kopf- oder Bauchmensch zu sehen und uns so selbst die Chance auf eine bessere Entscheidung zu nehmen. Nutzen Sie also Ihr Sensorium - nicht "entweder oder", sondern "sowohl als auch".

Die Zeitreise-Methode

Filmstar: Der von den Universal Studios umgebauter DeLorean war eines der Highlights des Films "Zurück in die Zukunft - in dem Auto zeigte ein Display Herkunfts- und Zielzeit an

Filmstar: Der von den Universal Studios umgebauter DeLorean war eines der Highlights des Films "Zurück in die Zukunft - in dem Auto zeigte ein Display Herkunfts- und Zielzeit an

Foto: Fredrik von Erichsen/ picture alliance / dpa

Wer hat sich beim Schauen des Films "Zurück in die Zukunft" nicht vorgestellt, welche Möglichkeiten und Vorteile eine solche Zeitreise böte? Nicht nur die Lottozahlen oder Ergebnisse der nächsten Weltmeisterschaft, sondern auch die Auswirkungen der eigenen Entscheidungen ließen sich prima kontrollieren und gegebenenfalls korrigieren.

Die Technologie, die Doc Brown und Marty McFly im Film durch die Zeit reisen lässt, wird wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen. Als Entscheidungstechnik aber können Sie das Prinzip glücklicherweise schon heute durch die sogenannte Zeitreise-Methode umsetzen. Ähnlich wie beim Standpunktwechsel geht es auch hier darum, Distanz zum aktuellen Entscheidungsdilemma aufzubauen. So kann die Situation in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden.

Suzy Welch, die Frau des Ex-General-Electric-Bosses Jack Welch, hat vor einigen Jahren dazu das sogenannte 10-10-10-Modell entwickelt, bei dem Sie sich lediglich drei Fragen stellen müssen:

Welche Auswirkungen hat meine Wahl in 10 Tagen? Welche Auswirkungen hat sie in 10 Monaten? Welche Auswirkungen hat sie in 10 Jahren?

Klingt trivial. Ist es auch. Jedoch hilft ein solcher Auswahlprozess, den Blick in Richtung Zukunft und auf die langfristigen Auswirkungen der Wahl zu fokussieren. Wer etwa einen neuen Job sucht, sollte das 10-10-10-Modell beziehungsweise die Zeitreise-Methode ruhig einmal durchspielen und sich fragen, ob ihn die Stelle wirklich dorthin bringt, wo er oder sie in zehn Jahren hin möchte.

Um von der Zeitreise-Methode zu profitieren, bedarf es allerdings zweier Bedingungen: ehrliche Selbstreflexion und eine möglichst realistische Einschätzung der Zukunft.

Fazit: Wann eignet sich welche Entscheidungstechnik?

Hoch oder runter, Ja oder Nein: Sie müssen entscheiden. Am besten entscheiden Sie aber zuerst, wie Sie dabei vorgehen wollen.

Hoch oder runter, Ja oder Nein: Sie müssen entscheiden. Am besten entscheiden Sie aber zuerst, wie Sie dabei vorgehen wollen.

Foto: imago

Nun kennen Sie eine ganze Reihe von verschiedenen Techniken, Methoden und Kniffen, die alle auf die eine oder andere Art geeignet sind, eine Entscheidung zu treffen, diese zu festigen oder wenigstens die Alternativen einzugrenzen und so durch das Ausschlussverfahren zu einer Lösung zu kommen.

Der Haken daran: Sie kennen jetzt viele Alternativen und müssen sich - genau - mal wieder entscheiden. Was also tun? Teilen Sie Ihre Entscheidung zunächst in drei grundlegende Kategorien ein:

Kurz- oder langfristig? Einige Techniken sind auf Entscheidungen ausgelegt, die sich nachhaltig auf das Leben auswirken. Unter anderen Umständen sind diese jedoch nutzlos.

Viele oder wenige Informationen? Eine Vielzahl (aber nicht zu viele) an Informationen kann helfen, eine fundierte Entscheidung zu treffen - sie ist Basis einiger Entscheidungstechniken. Wer (zu) wenige Informationen besitzt, muss entweder noch etwas recherchieren oder wählt lieber eine andere Methode.

Rational oder emotional? Bei manchen Entscheidungen setzt der Verstand einfach aus, bei anderen dominiert er zu sehr. Es kann daher sinnvoll sein, die Methode so auszuwählen, dass unser jeweils unterlegenes Sensorium wieder mehr zu Wort kommt.

Anhand dieser drei Kriterien lässt sich jede Entscheidungssituation genau einordnen und mit einer passenden Technik kombinieren. So wäre beispielsweise die Wahl eines Studiengangs eine rationale Entscheidung vor einem langfristigen Horizont, für die es (mit ein wenig Aufwand) viele Informationen gibt. Anbieten würde sich dafür zum Beispiel ein Entscheidungsbaum oder eine Benjamin-Franklin-Liste, um die große Auswahl zu begrenzen und danach die Zeitreise-Methode, um die Auswahl zu validieren.

Aber keine Bange: Es gibt auch hierbei wieder kein "richtig" oder "falsch". Je mehr Sie damit experimentieren, desto eher werden Sie Ihre Lieblingsmethoden erkennen und immer sicherer anwenden.

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