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Manager im Rentenalter: Steinwascher, Lafley, Mehdorn

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Manager im Rentenalter "Erfahrung ist janusgesichtig"

Wer gehört wann zum alten Eisen? 70 Jahres sind die neuen 60 Jahre, sagt die Professorin und Alternsforscherin Ursula Staudinger im Interview mit manager magazin online. Und erklärt, warum viel Erfahrung auch gefährlich werden kann.

mm: Frau Professor Staudinger, Unternehmen wollen ihre älteren Mitarbeiter länger halten, unter Headhuntern ist die alte 50-Jahre-Schallmauer für Suchen im Top-Bereich passé. Ist die Personalnot so groß oder sind die Alten heute gar nicht mehr so alt?

Staudinger: Beides, in gewissem Sinn. Auf der einen Seite beginnen viele Unternehmen jetzt tatsächlich die Auswirkungen des demografischen Wandels zu spüren. Noch nicht unbedingt die großen Konzerne, aber gerade Mittelständlern fällt es nicht mehr so leicht, genügend Fach- und Führungskräfte zu rekrutieren. Da besinnt man sich natürlich auf die, die schon an Bord sind und wissen, wie das Geschäft läuft. Auf der anderen Seite müssen wir in der Tat unser Bild vom "Alter" revidieren - und haben das zum Teil auch schon getan.

mm: Wie sieht das neue Bild aus?

Staudinger: Es ist zunächst einmal jünger. Unser Körper ist so eingerichtet, dass wir uns "verbrauchen". Durch verbesserte Lebensbedingungen, weniger schädliche Umwelteinflüsse, gesündere Ernährung, bessere Bildung und medizinische Versorgung sowie weniger gefährliche Arbeitsumwelten hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Verbrauchs- zugunsten der Regenerationsrate verändert - im Schnitt steigt die Lebenserwartung seither jedes Jahr um drei Monate an. Dadurch haben sich einige kalendarische Grenzen verschoben. Konkret heißt das: Jemand, der heute 60 ist, ist physisch und mental so fit und leistungsfähig wie ein 50-Jähriger vor zwanzig Jahren.

mm: Dass ältere Menschen langsamer im Kopf sind, gilt nicht mehr?

Staudinger: Sicher nimmt mit den Jahren auch die Schnelligkeit ab, mit der neue Informationen verarbeitet werden können. Aber das passiert, wie gesagt, später und in abgeschwächter Form. Weil die Zahl der gesunden Lebensjahre wächst, sind derlei einseitig negative Altersstereotype überholt. Übrigens auch so manches positiv besetzte Klischee.

mm: Sie spielen auf die große Erfahrung an, die von Personalmanagern immer gern als "unverzichtbar" betont wird, wenn es um die Weiterbeschäftigung älterer Fach- und Führungskräfte geht. Was ist verkehrt daran, sich das Know-How der Erfahrenen zu sichern?

Staudinger: Gar nichts. Aber den permanenten, unreflektierten Lobgesang auf die Erfahrung Älterer halte ich für gefährlich.

mm: Warum denn?

Staudinger: Erfahrung ist janusgesichtig. Ab einem bestimmten Punkt haben gerade Fach- und Führungskräfte soviel Erfahrung, dass sie, aufgrund der Automatisierung, ihren Job mit relativ gesehen geringerer Anstrengung perfekt erledigen können. Danach schlägt der Effekt aber um: Je erfahrener ich in einem Bereich bin, desto weniger bin ich noch in der Lage, neue Details wahrzunehmen und angemessen zu reagieren. Das hat Konsequenzen für die Fähigkeit zur Veränderung. Die Forschung nennt das den "Negativ-Transfer" von Erfahrung oder Expertise.

Routinen aufzubrechen hält fit

mm: Es entsteht Betriebsblindheit, getragen vom klassischen "Das haben wir immer schon so gemacht"-Typ.

Staudinger: Richtig. Erfahrung ist ein Mantra, das alle immer vorbeten. Dabei kann ihr unreflektierter Einsatz gerade bei Führungskräften fatale Folgen haben, etwa verschlafene Innovationen, falsche Markteinschätzungen oder auch schlechte Personalentscheidungen. Weil Manager, die ihre Aufgabe schon länger machen und damit auch älter sind, zwar wertvolle Erfahrungen haben, aber Gefahr laufen, die Aufnahmefähigkeit für Neues zu verlieren.

mm: Wie lässt sich dies verhindern, um das Know-How der Älteren optimal zu nutzen?

Staudinger: Um diese "Verkrustung von Erfahrung" zu verhindern, sollten Routinen möglichst oft aufgebrochen werden. Es geht darum, das was ich schon gut kann und lange mache, durch "diskrepante" Tätigkeiten aufzulockern, durch Dinge also, die ich neu dazu lernen muss.

mm: Welche Möglichkeiten haben die Unternehmen hier?

Staudinger: Sicher hängt es immer von der Komplexität der Tätigkeit ab, aber einen anspruchsvollen Job länger als zehn bis fünfzehn Jahre zu machen, ist nicht ratsam - es sei denn, der Job als solcher ändert sich. Bei einfacheren Tätigkeiten ist der Zeitraum entsprechend kürzer. Unternehmen sollten daher ihre Mitarbeiter, auch ältere, öfter versetzen oder ihre Aufgabenbereiche verändern. Auch ein soziales Sabbatical ist eine Möglichkeit - um neue Eindrücke zu sammeln und mit neuem Blick zur Arbeit zurückzukehren. Diese Wechselkultur stellt natürlich hohe Ansprüche an die Personalentwicklung und ihre Mitarbeiter. Hier bedarf es der Weiterbildung und des höheren Investments, um von der Personaladministration hin zur langfristig orientierten Personalentwicklung zu kommen.

mm: Was können Manager älteren Semesters selbst tun, die nicht auf die HR-Revolution warten wollen?

Staudinger: Vor allem sollten sie proaktiv sein. Also signalisieren: "Ich warte hier nicht bloß auf die Rente, ich will noch was auf die Beine stellen." Zum Beispiel noch eine Sprache lernen oder einen neuen Abschluss machen: Wer mit Anfang 50 anfängt, ist Mitte 50 fertig - und kann immer noch gut zehn Jahre arbeiten. Wichtig ist die innere Einstellung: Weg von "Ich lassen mein Arbeitsleben jetzt langsam ausklingen" hin zu "Vor mir liegt eine weitere spannende Berufsphase".

mm: Als Wissenschaftlerin haben Sie gut reden.

Staudinger: Das stimmt, die Abwechslung geht uns selten aus. Aber die Bedeutung der Variation gilt für alle, für die Managerin ebenso wie für den Arbeiter und selbstverständlich auch für Wissenschaftler. Ich selbst stecke gerade mitten in einem solchen Umbruch. Nach zehn Jahren als Dekanin des Center on Lifelong Learning an der Bremer Jacobs University bin ich nach Amerika gewechselt. An der Columbia University in New York baue ich gerade das Columbia Aging Center auf, wo ich meine Forschungen zur Plastizität des Alternsprozesses fortsetzen werde. Es ist ein Neustart, mit allem, was dazugehört: Neuer Job, neuer Wohnort, neuer Bekanntenkreis.

mm: Klingt radikal - und nach viel Arbeit.

Staudinger: Das ist es auch. Es ist anstrengend und mühsam - aber es lohnt sich. So bleibt der Kopf länger fit und die Persönlichkeit entwickelt sich weiter. Man entdeckt auch mit 50 noch neue Seiten an sich selbst.

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