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Homosexuelle Manager: Schweigen, Schmähen, Scheitern

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Homosexualität Warum unter deutschen Top-Managern kein Hitzlsperger in Sicht ist

Thomas Hitzlspergers Coming-out als Schwuler bricht einen Bann für deutsche Profifußballer. Von einem prominenten homosexuellen Top-Manager steht ein solches Bekenntnis noch aus. Selbst in Dax-Konzernen, die auf Weltoffenheit angewiesen sind, entscheiden sich homosexuelle Führungskräfte in der Regel lieber für ein Doppelleben.

Hamburg - Lob und Anerkennung erntet Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger für sein Coming-out, auch von prominenten Kollegen. Der stets beschworene Bann, als Fußballprofi dürfe man sich nicht zum Schwulsein bekennen, scheint sich aufzulösen. War die Sorge vor der öffentlichen Reaktion unberechtigt? In Politik und Showbusiness gibt es doch längst reichlich Beispiele erfolgreicher Schwuler und Lesben.

Die Führungsetagen der Unternehmen dagegen erscheinen noch als Bastion des alten Männlichkeitsideals. "In der Wirtschaft ist Homosexualität oft noch ein großes Tabu, ähnlich wie im Profisport", sagt Bernd Schachtsiek. Der Unternehmer ist Vorsitzender des Völklinger Kreises, der als Bundesverband schwuler Führungskräfte neben dem lesbischen Netzwerk Wirtschaftsweiber die Interessen homosexueller Manager vertritt.

"Es gibt natürlich auch schwule Dax-Vorstände", sagt Schachtsiek. Seit dem ehemaligen Manager des inzwischen von Bayer  übernommenen Pharmakonzerns Schering Ulrich Köstlin vor zehn Jahren hat aber keiner mehr seine sexuelle Identität öffentlich gemacht. "Ich kenne einige, die sich ausdrücklich nicht outen wollen."

Dabei gilt längst als allgemein akzeptiert, dass die Unternehmen mit größerer Vielfalt nur gewinnen können. Viele schmücken sich mit Programmen zum "Diversity Management", einige wie IBM , SAP  oder Deutsche Post fördern betriebliche Homosexuellen-Netzwerke.

Mehr Angst vor wirtschaftlichen Folgen als vor dem Echo der Kollegen

Laut einer McKinsey-Studie sind vielfältige Belegschaften besonders innovativ; ähnlich argumentiert der US-Ökonom Richard Florida, dessen "Gay Index" belegen soll, dass die Wirtschaftskraft in Städten mit hohem Schwulenanteil wegen der Attraktivität für die "Creative Class" besonders groß sei.

Dazu kommt: Die Organisation eines Doppellebens frisst Zeit - und damit möglicherweise auch Arbeitseinsatz. Der Psychologe und Berater Dominic Frohn ermittelte in einer Studie, dass 15 Prozent der homosexuellen Beschäftigten einen Partner vom anderen Geschlecht vortäuschen. Schachtsiek berichtet von einem ehemaligen Dax-Vorstand, der über sein gesamtes Berufsleben fern des Arbeitsortes gewohnt habe, damit sich die beiden Leben verwischen. Er selbst war verheiratet und hat ein Kind. "Wir haben es auch noch mit einer Generation zu tun, die aufgewachsen ist, als Homosexualität noch strafbar war. Da spielt Unbehagen eine Rolle."

Die Auswahl von Führungskräften folge dem Idealbild eines verheirateten Mannes mit zwei Kindern, dessen Ehefrau ihm zu Hause den Rücken freihalte - auch, weil viele sich lieber mit Menschen umgeben, die genauso sind wie sie. Dass ein homosexueller Manager, da in der Regel kinderlos, mehr Zeit und Engagement für die Firma aufbringen kann, wird dann ausgeblendet. Wegen dieser Auslese meint Schachtsiek, in den Führungsetagen sei der Homosexuellenanteil geringer als die für die Gesamtbevölkerung geschätzten rund 10 Prozent.

Angst vor Mobbing, was auf unteren Rängen der Belegschaft durchaus noch eine große Rolle spielt, hält er bei Topmanagern ebenso wie bei Sportprofis für oft vorgeschoben. In ihrem Berufsumfeld oder eben im Verein gingen die meisten offen mit ihrer sexuellen Identität um. "Das Problem liegt eher in der Angst vor Unruhe in der Öffentlichkeit und den wirtschaftlichen Folgen eines möglichen Imageschadens", sagt Schachtsiek. Für Manager komme hinzu, dass sie generell nicht mit ihrem Privatleben in der Presse erscheinen wollen. "Die Gesellschaft ist aber weiter, als viele denken."

Deshalb appelliert der Völklinger Bund auch an die Sponsoren von Sportvereinen, mit einem klaren Bekenntnis auf das Coming-out von Thomas Hitzlsperger zu antworten. Nur wenn die Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen weg sei, könnten auch aktive Sportprofis dem Beispiel folgen.

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