Die überforderte und überschätzte Generation Y Gute Nacht, Millennials!

Von Jakob Osman
Die Generation Y ist verloren. Sie ist überfordert, gierig und überschätzt sich selbst. Es ist Zeit, dass wir umdenken und endlich von den Älteren lernen. Dies ist ein offener Brief an alle Millennials, Gen Y, End-Zwanziger bis Mitt-Dreißiger. An all die Leute, die sich für ihr durchschnittliches Studium und ihre sechs Monate USA-Praktikum feiern.
Foto: Willie B. Thomas / Getty Images

Liebe Millennials,

was ist nur mit euch los? Eigentlich müsste es heißen: Was ist nur mit uns los? Aber zu euch möchte ich, selbst 1987 geboren, mich auf keinen Fall zählen. Nicht, weil ich besser bin, sondern weil in mir genug Feuer brennt, um gerade so an eurem Wertesystem vorbei zu schlittern.

Ihr seid zwischen 1980 und 1990 geboren. Ihr seid jung, bestens ausgebildet und meistens sehr überzeugt von euren Fähigkeiten. Ihr habt studiert, die Welt bereist und den ersten Job in München, Hamburg oder Berlin angenommen. Es durfte auf keinen Fall eine kleinere Stadt sein - das wäre eine Art von Niederlage.

Eure Vita ist schon dann eckig, wenn ihr euer Studenten-Sabbatical in Südamerika verbracht habt. Das Studium war ja auch so hart und anspruchsvoll.

Ihr wisst, dass ihr viel könnt. Beweisen müsst ihr es aber nicht, denn wer euch nicht mit offenen Händen empfängt ist gegen euch und sowieso ignorant. Die Generationen vor euch? Alles Langweiler, Systemangepasste und Leistungsverweigerer. Nur ihr wisst, wie die Welt funktioniert.

Warum ihr seid wie ihr seid

Zugegeben, das war etwas sehr spitz. Dennoch hat man es mit euch meist nicht leicht. Ich erinnere mich noch daran, wie Mitte der 2000er der Hype um die Generation Y aufkam. Auf einmal musste jedes Büro kostenlose Getränke, Kickertische und Bio-Obst anbieten. Glücklich wart ihr damit zwar immer noch nicht, aber das würde schon irgendwann kommen.

Jakob Osman
Foto: Anja Nier/Agentur Junges Herz

Jakob Osman, geboren 1987, ist Experte für Employer Branding. Seine Agentur Junges Herz  berät Kunden aus allen Branchen im Bereich Personal- und Ausbildungsmarketing.

Perfektioniert wurde alles aber erst durch den Hype um die Start-up-Szene. Wer heutzutage noch länger als zwei Jahre bei einem Arbeitgeber bleibt, ist entweder unfähig oder dumm. Bloß keine Bindung eingehen - immer schön flexibel bleiben.

Doch warum ist das eigentlich so? Warum seid ihr so? Gehen wir zurück in eure Kindheit: Eure Eltern, die euch sicherlich über alles lieben, haben alles für euch gemacht. Leider ging diese Liebe etwas zu weit. Erinnert ihr euch noch an den Schulsport? Da hat auf einmal jeder eine Medaille bekommen.

Du bist Letzter mit ungefähr vier Minuten Rückstand auf der 100-Meter-Strecke? Hier, deine Medaille. Du hast nicht im Fußballteam deiner Klasse gespielt? Ach, jeder bekommt eine Urkunde.

Erinnert ihr euch an den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium? Auf einmal waren eure Eltern so aktiv. Sie haben mit euren Lehrern gesprochen, wenn ihr eine Vier geschrieben habt. Dass ihr nicht gelernt hattet, war egal - eure Eltern regelten das.

Das Prinzip Klagen und Meckern

Und erinnert ihr euch an den Übergang vom Abi zum Studium? Ach, den Übergang gab es gar nicht? Richtig, ihr habt erst einmal Work and Travel gemacht. Natürlich nicht in Australien. Ihr wart in Kambodscha, Litauen oder auf den Osterinseln.

Was habt ihr in all den Jahren gelernt? Dass Mut, Fleiß und Arbeit sich lohnen? Wohl kaum. Ihr habt gelernt, dass ihr nur genug schreien, klagen und fordern müsst. Dann klappt das schon. Das, was dann passiert, dafür könnt ihr nichts. Es spielte euch aber so sehr in die Karten, dass ihr es als eure Leistung verbucht: Der Personalmangel schlägt bei vielen Firmen knallhart zu. Ihr seid auf einmal überall gefragt, obwohl ihr bisher absolut nichts Produktives beigetragen habt.

Auf einmal stehen da diese Kickertische, der vegane Joghurtshake am Morgen ist kostenlos und das Bio-Obst wurde durch kostenlose Yoga-Kurse ergänzt. Ihr habt eure perfekte Wohlfühl-Oase. Glücklich seid ihr trotzdem immer noch nicht. Was zur Hölle fehlt denn nur?

Denn in der realen Arbeitswelt merkt ihr, dass Meckern und Klagen eben kein Erfolg hat. Ihr merkt, dass eure Chefs auf einmal Leistung erwarten. Dachtet ihr ernsthaft, sie geben euch all das, weil ihr euch dann weiter beschweren könnt? Dachtet ihr, dass es weiterlaufen wird wie in der Schule oder im Studium?

Die Sache mit dem Marathon

Das Problem mit dem Glück ist, dass es eben nicht um kurzfristige Erfolge geht. Es geht nicht darum, dass ihr jetzt diesen kleinen Sieg errungen habt. Glück ist ein Marathon. Erfolg im Job ist ein Marathon. Sogar erfüllende Liebe ist ein Marathon. Netflix, Tinder und WhatsApp suggerieren euch aber, dass ihr nur weiterwischen müsst. Dann wird schon etwas dabei sein, was euch glücklich macht.

Ihr wollt "wirken" und ihr wollt "etwas verändern." Was wisst ihr oft selber nicht. Das scheint auch erst einmal egal zu sein. Es geht euch aber immer um "sinnstiftende Arbeit" oder "aktive Mitgestaltung".

Der Gedankengang ist toll. Ich glaube euch das auch. Ihr habt den Anspruch, wirklich etwas zu bewegen. Doch ihr verzweifelt, wenn nach drei Monaten Trainee-Stelle in einem Dax-Unternehmen kein kompletter Kulturwandel einsetzt. Schließlich seid ihr doch da!

Ihr werdet nicht glücklich und erfolgreich, weil in Büros überall laktosefreie Milch zu eurem Chai-Latte angeboten wird. Ihr müsst nun wirklich kämpfen. Denn wenn ihr erfolgreich sein wollt - wie auch immer ihr das definiert -, dann müsst ihr dranbleiben und auch mal Niederlagen wegstecken können. Wenn ihr etwas verändern wollt, müsst ihr den Marathon laufen können. Vom ersten Schritt über die hässlichen Blasen bis zur Erschöpfung nach den ersten Kilometern.

Doch das passt euch nicht, denn es erfordert Mühe und Rückschläge. Das habt ihr in den ersten zwanzig Jahren eures Lebens aber nicht kennengelernt. Eure Eltern haben euch immer gesagt, dass ihr alles werden könnt. Sie haben euch gesagt, dass ihr alles erreichen könnt. Eure Apps signalisieren euch, dass ihr mit einer lässigen Handbewegung alles ändern könnt - Filme, Musik, Beziehungen, Freunde.

Doch statt den Marathon anzunehmen, wechselt ihr lieber alle zwei Jahre den Job, weil die aktuelle Position eine "Einbahnstraße" ist und euer Chef euch nicht genug würdigt. Ihr wechselt den Partner, weil es "kompliziert wird" und ihr gebt keine verbindlichen Zusagen mehr an eure Freunde. Es könnte ja immer etwas Besseres kommen.

Fangt an zu kämpfen!

Liebe Millennials, bitte versteht mich nicht falsch. Ihr seid unsere Zukunft. Doch um diese Zukunft mache ich mir Sorgen. Nicht, weil ihr zu dumm seid. Die meisten von euch sind tatsächlich wunderbar kluge und liebenswerte Menschen. Ich mache mir Sorgen, weil ihr das Kämpfen nie gelernt habt. Ihr geht den Weg des geringsten Widerstandes und verhöhnt die Personen, die es anders machen.

Ihr belächelt die ältere Generation für deren Karrierewillen und verschenkt euch damit eine großartige Chance zu lernen. Natürlich war die Arbeitswelt vor 30 Jahren anders. Kein reflektierter 50-Jähriger würde euch etwas anderes sagen. Doch das Grundprinzip von Glück, Erfolg und Erfüllung hat sich nicht groß geändert.

Es erfordert Mut, Kampf und ganz besonders Geduld. Geduld auch mit uns und unseren Schwächen. Geduld aber auch mit den Chefs und Vorständen, die diese Arbeitswelt mit uns gestalten können. Geduld auch mit den Menschen, die das nicht so sehen wollen und die irgendwann keine Rolle mehr spielen werden. Es erfordert, dass ihr die gesamte Strecke geht - auch wenn die Füße irgendwann brennen.

In dem Sinne: Gute Nacht, Millennials. Morgen versuchen wir es erneut. Morgen kämpfen wir. Ich bin dabei.

Jakob Osman ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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