Was eine Hollywood-Produktion über Führung verrät Dreh deinen eigenen Film!

Von Michaela Bürger
Von Michaela Bürger
Filmszene aus "Man lernt nie aus!": Anne Hathaway mit Robert de Niro als technikferner Senior-Praktikant Ben

Filmszene aus "Man lernt nie aus!": Anne Hathaway mit Robert de Niro als technikferner Senior-Praktikant Ben

Foto: imago/Cinema Publishers Collection

"Man lernt nie aus!" ist der Titel eines amerikanischen Spielfilms des Jahres 2015 mit Anne Hathaway und Robert De Niro. Kurz umrissen geht es darum, dass Jules Ostin, Gründerin eines E-Commerce-Modeunternehmens, den 70-jährigen Witwer Ben Whittaker als Praktikanten einstellt.

Michaela Bürger

Michaela Bürger ist Inhaberin der gleichnamigen Unternehmensberatung  und Expertin für Visions-, Strategie-, Struktur- und Führungsfragen in einer digitalen Welt. Mit ihrem Team unterstützt sie sowohl Konzerne wie auch inhabergeführte Mittelständler. Zudem ist sie als Rednerin und Autorin tätig.

Ben muss sich in seiner Rolle mit modernen Arbeitsmethoden und Technologien auseinandersetzen, aber aufgrund seiner Art bekommt er schnell einen guten Draht zu den jungen Kolleginnen und Kollegen - und jede Menge Hilfe. Der Plot will es zudem, dass Ben in dem Gebäude, das heute ein offenes, quirliges Loft-Büro ist, 40 Jahre gearbeitet hat, als dort noch Zeitungen und Telefonbücher produziert wurden.

Auf Wunsch der Investoren will Jules einen CEO für ihr Unternehmen gewinnen. Nach einigen Fehlschlägen trifft sie, mit Ben als Reisebegleiter, einen weiteren Kandidaten, mit dem sie schließlich einig wird. Aber Ben hält sie davon ab, weil seine erfahrene und empathische Sicht auf Jules' Firma und Leben ihn zu einem anderen Schluss kommen lässt - und Jules den Rat schließlich beherzigt.

Die Frage nach der optimalen Führungskraft lässt sich nicht digital beantworten

In drei Monaten vom Praktikanten zum Unternehmensberater und wertvollen Freund - typisch Hollywood, könnte man meinen. Und doch steckt in diesem Filmplot eine Menge Managementweisheit. Die Frage, wie eine Führungskraft, ein CEO, eine Präsidentin, ein Oberarzt, eine Hochschulprofessorin oder eine Büromanagerin in der Zukunft - die bekanntlich morgen beginnt - "aussehen" soll, lässt sich nicht digital beantworten. Es ist mehr ein Mosaik aus vielen kleinen Steinen, die sich aus Raum und Zeit, aus Ratio und Emotio und aus einer ganz besonderen Einstellung zur Steuerung und Führung von Geschäften und Personen zusammensetzt.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft, die Gegenwart zu verstehen: Das 19. Jahrhundert war geprägt durch Zerstörung und Aufbau, das 20. Jahrhundert durch Bewahren und Maximieren. Hinzu kommt die Entwicklung der Technik, die das Leben erleichtert, die es aber auch zu beherrschen gilt. Dadurch verändern sich die Rahmenbedingungen unseres Lebens, unsere Bedürfnisse und unser Umgang mit diesen ebenso wie unsere Routinen und Gewohnheiten.

Vor 40 Jahren waren die freie Presse und die Zeitung Errungenschaften - und Ben hatte in einer Firma gearbeitet, deren Leistung darin bestand, mehrere gut gefaltete Blatt Papier mit aktuellen Inhalten auf den Frühstückstisch zu bringen. Für Jules sind es ein iPhone, eine App und eine stabile WLAN-Verbindung, die massenhaft Informationen zur Verfügung stellen und es ihr ermöglichen, diese selbst zu selektieren und zu lesen, wo immer sie ist und wann immer sie möchte. Gern auch mit 1,5-facher Geschwindigkeit als Podcast, ohne jemals eine Zeitung in die Hand zu nehmen.

Das neue Führungsleitbild hat mit Antennen zu tun, aber nicht mit Technik

Und doch haben die beiden sich etwas zu sagen und können voneinander profitieren. Somit hat das Führungsbild der Zukunft nicht unbedingt etwas mit Alter und Technik zu tun, sondern mit feinen Antennen, die es zu bedienen gilt und die die maßgeblichen Frequenzen empfangen können müssen.

Nehmen wir Führungspersönlichkeiten aus der aktuellen Politik, wie Trump, Putin und Erdogan oder Parteien wie die AfD in Deutschland. Sie alle werden von Menschen gewählt und unterstützt, die sich nicht mehr in einer Industriegesellschaft, sondern in einer Informationsgesellschaft bewegen. Welche Eignung sehen diese Menschen in autoritären politischen Persönlichkeiten, welche Hoffnungen setzen sie in deren Wirken und welche Veränderungen erhoffen sich die Wähler von einer rechtspopulistischen Partei?

Eine mögliche Erklärung ist, dass ein Großteil der Menschen ihr Leben nach zwei Prinzipien definiert: Hedonismus und Selbstoptimierung. Viele Menschen sind immer weniger dazu bereit, Abstriche an ihrem eigenen Leben zu machen, sondern wollen stattdessen so viel wie möglich in dieses Leben "hineinpacken": Die berufliche Karriere, die perfekte Balance zwischen allen Lebensbereichen, eine schlanke Figur mit agilem, sportlichem Erscheinungsbild ebenso wie Genuss und ein ausgefülltes Sozialleben, in dem man Freunde trifft, gut isst, trinkt und ausgiebig feiert. Das "Ausspannen" am Meer gelingt gleichermaßen mühelos wie das Überschreiten täglicher Limits, um sich individuell hervorzuheben und sich immer wieder zu beweisen, dass das Leben - das ach so kurze Leben - intensiv gelebt werden kann.

Zu einer solchen Lebenseinstellung passen politische Persönlichkeiten, die versprechen "unser Land" - und damit auch die einzelnen Individuen - wieder groß zu machen. Wir erobern den Westen und mehren unseren Reichtum, wir machen unser eigenes Ding - ganz alleine. Wir entfernen all die Störer und "Sozialschmarotzer", damit es Dir wieder besser geht. Königliche, göttliche Kreaturen, die uns das Heil versprechen. Und weil sie genau die Punkte adressieren, die die Menschen noch weiter optimieren wollen, werden sie gewählt.

Nur eine Führungskraft, die selbst steuert, kann Akzente setzen

Zudem haben das Fehlverhalten und der Machtmissbrauch von Vertretern vieler Religionsgemeinschaften dazu geführt, dass sich die Erosion des Glaubens in westlichen Gesellschaften beschleunigt. Die Bindekraft von Religionen schwindet, was das eigene Selbst zum obersten Wert und zur letzten Instanz macht. Wir müssen uns selbst den Himmel auf Erden bescheren, denn wer weiß, was danach kommt.

Ausgehend von dieser gesellschaftlichen Annahme, ist es eine große Aufgabe - sofern man sich nicht selbst dem Hedonismus und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeinwohl zuneigt - Menschen zu führen und in ihrer Entwicklung zu begleiten, die sich vorrangig selbst optimieren möchten. Die lieber unlauteren Versprechen glauben, als daran zu arbeiten, dass noch viele Generationen den Planten Erde bevölkern können und wissen, dass die eigene Identität nur ein Staubkorn in der Atmosphäre ist.

Das führt zu der Erkenntnis, dass Menschen eine sehr hohe Verantwortungsfähigkeit sich selbst gegenüber haben müssen, um der Versuchung zu widerstehen, die Verantwortung an eine übergeordnete Instanz, einen "Hero" abzugeben. Im besten Fall sind sie in der Lage, diese Verantwortung gern und vollumfänglich, mit allen Rechten und Pflichten in einer Gemeinschaft anzunehmen und auch vor sich selbst Rechenschaft über deren Erfüllung abzulegen.

Nur eine Führungskraft, die sich überwiegend selbst steuern kann und nicht von anderen gesteuert wird, kann Akzente setzen und eine Autorität entwickeln, die dazu beiträgt, Dinge gemeinsam zu gestalten. Dazu benötige es einen Treiber, der auf ein Ziel gerichtet ist, das allgemeindienlich und individuell hilfreich ist, aber eben nicht umgekehrt.

Den Mut haben, an sich selbst zu zweifeln

Ben hatte sich in seinem Leben als Rentner nicht mehr wohlgefühlt und nicht gewartet, bis er im Altenheim das Animationsprogramm konsumieren und kritisieren konnte, sondern sich mit 70 Jahren auf einen Job beworben, bei dem ihm die Frage gestellt wurde: "Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?"

Jules hat Verantwortung für die Umsetzung ihrer Geschäftsidee übernommen. Sie hat nicht nur gedacht, sondern die Dinge selber gemacht. Sie hat sich in ihrem Umfeld Respekt erworben und Begleiter und Mitarbeiter für sich gewonnen. Sie war in der Lage, sich nicht zur "Königin" zu machen, sondern auch zum rechten Zeitpunkt einen klaren Blick auf ihre Schwächen und Herausforderungen zu richten. Sie hat die Qualität einer tiefen menschlichen Beziehung erkannt und diese zugelassen, weil sie wusste, dass diese sie in ihrer Entwicklung weiterbringen würde und sie somit auch für ihre junge, innovative Firma fortan die besten Voraussetzungen für den nachhaltigen Erfolg schaffen könnte.

Ben und Jules sind Vorbilder für ihr Umfeld, weil sie eben nicht genau so operieren, wie es üblich ist, sondern andere, neue Wege gehen. Sie probieren sich aus und haben den Mut, an sich selbst zu zweifeln. Trotzdem strahlen sie die Stärke aus, die nötig ist, damit andere ihren Ideen folgen und den Weg begeistert und engagiert mitgehen.

Die Einschätzungskompetenz ist das Differenzierungsmerkmal der Zukunft

Natürlich ist auch die Führungskraft der Zukunft an Nutzen- und Gewinnmaximierung interessiert - aber eben nicht mehr um jeden Preis. Kurzfristige Erfolge oder "Quick Wins" für situative Heldengeschichten sollten talentierte, flexible und international ausgebildete Mitarbeiter heute nicht mehr an ein Unternehmen binden, nur weil dann eine Person glänzen kann. Es geht um den gemeinsamen, integrativen Gestaltungsanspruch und das Einbringen aller Humanpotentiale für den Unternehmenserfolg.

Schnelligkeit im Handeln und Entscheiden sowie Einfühlungs- und Einschätzungskompetenz von Menschen und Situationen werden künftig die wesentlichen Differenzierungsmerkmale sein. Kapital, Boden und Produkte sind wichtig, aber nicht mehr entscheidend. Die einzelnen Menschen mit all ihren Prägungen, Fertigkeiten, Fähigkeiten, Erfahrungen und ihrem Wissen sind der Wert der Zukunft.

Nur wer alle Potentiale, Talente, Treiber und Ambitionen der Arbeits- und Führungskräfte erkennt, versteht und nutzt, wird im globalen Wettbewerb führend sein. Das gilt für alle Branchen der Wirtschaft, aber auch für Politik, Wissenschaft und den gemeinnützigen und sozialen Bereich.

Wir sollten unser Streben nach Individualität und Optimierung für die gemeinsame Weiterentwicklung einsetzen, um mit diesem Wirkungsradius auch für uns selbst Autonomie, Kompetenz und tiefe menschliche Beziehungen zu erhalten, die für ein gelungenes ökonomisches und humanistisches Leben stehen. Wenn also Menschen andere Menschen und Organisationen in die Zukunft führen wollen, müssen sie bereit sein, Gewohntes zu überdenken und sich unter fremden Rahmenbedingungen ausprobieren.

Nur so gelingt Weiterentwicklung und persönliche Innovation. Wie man das macht? Erinnern Sie sich an Ben.

Michaela Bürger ist Beraterin für Führungskräfteentwicklung und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt ihr Kommentar nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.