Karriere Frauen verpassen die digitale Revolution

Jede Menge Karrierechancen gehen an Frauen vorbei, weil sie noch nicht in der digitalen Welt angekommen sind. Das hat viel mit Männern zu tun. Dabei waren viele der ersten Computer-Pioniere weiblich. Frauen sollten sich das digitale Feld zurückzuerobern.
Von Heiner Thorborg
"Lean in": Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg rief in ihrem Buch die Frauen zu mehr Aufmüpfigkeit auf

"Lean in": Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg rief in ihrem Buch die Frauen zu mehr Aufmüpfigkeit auf

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Heiner Thorborg
Foto: Manuel Fischer

Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Frauen sind in der digitalen Welt unterrepräsentiert, besonders unter den Anführern der technischen Revolution. Das ist schlecht für alle Beteiligten. Für die Unternehmen, weil divers geführte Unternehmen erfolgreicher sind, und für die Technologienutzer, weil viele Produkte besser wären, wenn auch Frauen mit auf Design und Funktionalitäten achten würden.

Am schlechtesten ist es jedoch für die Frauen selber: Viele Karrierechancen gehen an ihnen vorbei, weil sie noch nicht in der digitalen Welt angekommen sind. Hightech wird eine Männer-Domäne bleiben, wenn die Frauen sich nicht aufraffen und sie erobern.

Die übliche Reaktion auf eine solche Feststellung sind Entschuldigungen und Ausreden.

"Vielleicht sind Frauen in der dritten Welt nicht an Technologiejobs interessiert, aber doch nicht bei uns!"
Tatsächlich haben laut dem Mobilfunkanbieter VimpelCom 1,7 Milliarden Frauen in Entwicklungsländern nicht einmal ein Mobiltelefon. Das bedeutet aber nicht, dass wir im Westen so viel weiter wären: In vielen technologielastigen Unternehmen arbeiten deutlich weniger Frauen als Männer. Noch deutlicher wird der Abstand, wenn es um Positionen geht, die tatsächlich mit Technik zu tun haben und nicht mit Personal-, Finanz- oder PR-Themen. Apple  hat in der Branche mit 20 Prozent den höchsten Frauenanteil in Technologie-Jobs, aber bereits bei Twitter  ist nur jeder Zehnte Techie eine Frau. Mit anderen Worten: Auch im Westen fehlt ein Frauenanteil von zwischen 30 und 40 Prozent bis zur Geschlechterparität in den Zukunftsjobs der digitalen Welt.

"Frauen machen halt lieber etwas Anderes als Technik."
Laut World Economic Forum leben wir jedoch in Zeiten, in denen 95 Prozent der Jobs eine digitale Komponente haben. Tendenz steigend. Dennoch sind nur 30 Prozent der sieben Millionen Mitarbeiter weiblich, die in Europas digitalem Sektor arbeiten. Würden sich mehr Frauen dazu durchringen, in diesem Feld ihr Glück zu suchen, könnte dies laut Europäischer Kommission das Bruttosozialprodukt der EU um rund neun Milliarden Euro im Jahr steigern.

"Alles eine Frage der Zeit, die Mädels sind überall auf dem Vormarsch, auch in den Hightech-Branchen."
Ach, wäre es nicht wundervoll, wenn das stimmen würde! Studentinnen holen in vielen Bereichen tatsächlich auf, aber in den Ingenieurwissenschaften ist ihr Anteil nach wie vor niedrig. Laut Catalyst, der US-Frauenorganisation, sind in Frankreich 25,6 Prozent der angehenden Ingenieure an der Uni weiblich, in Großbritannien sind es 22,4 Prozent, in Deutschland 19,3 Prozent und in der Schweiz 14,7 Prozent. Viele Frauen studieren also nach wie vor die falschen Fächer, um in den Zukunftsindustrien Karriere zu machen.

"Es gibt einfach zu wenig Rollenvorbilder von Frauen in Technik-Jobs."
Alle reden von Mark Zuckerberg oder Elon Musk. Das ändert aber nichts daran, dass eines der ersten Softwareunternehmen der Welt von einer Frau gegründet wurde: 1958, drei Dekaden vor Zuckerbergs Geburt, gründete Elsie Shutt die CompInc in den USA. 1951 startete Dina St Johnston ihre Vaughan Programming Services in Großbritannien, 1962 folgte ihr die deutschstämmige Stephanie Shirley mit der F. International Group. Viele der ersten Computer-Pioniere waren weiblich, hatten auf Seiten der Alliierten doch vor allem Mathematikerinnen im Zweiten Weltkrieg an der Berechnung von Flugbahnen gearbeitet. Diese Damen wurden übrigens gemeinhin "Computers" genannt. 1967 publizierte das Frauenmagazin "Cosmopolitan" den Artikel: "Die Computer Girls" mit der These "Jetzt haben wir die großen Rechner und ein ganz neues Arbeitsfeld für Frauen: Programmieren."

Ein Spielfeld für echte Kerle

Seither ist einiges schiefgegangen. Laut World Economic Forum (WEF) wechselt jede zweite Frau, die in einer technologie-intensiven Branche angefangen hat, in ein anderes Feld. Unter den Männern tut das nicht mal jeder Dritte. In den USA sind nur 11 Prozent der arbeitenden Ingenieure weiblich: Von den Frauen mit einem Abschluss in Ingenieurwissenschaften verlassen 38 Prozent ihren Beritt oder haben gar nie als Ingenieurin gearbeitet.

Einer der Gründe für den Rückzug der Frauen ist, dass in den 1980er Jahren die damals neuen Personal Computer vor allem als Werkzeug für Männer und Jungs beworben wurden. Aus dem Arbeitsfeld für Frauen wurde so plötzlich ein Spielfeld für echte Kerle. Kamen in den großen US-Kinoproduktionen Hacker und Computerexperten vor, wurden ausschließlich Männer gezeigt. Das Klima änderte sich - waren 1984 noch 37 Prozent der Programmierer weiblich, so waren es 2011 noch 12 Prozent.

Entsprechend männlich ist heute die Kultur in vielen Hightech-Unternehmen. Bei Uber zum Beispiel musste unlängst Direktor David Bonderman zurücktreten, weil er auf den Vorschlag, mehr Frauen in den Verwaltungsrat zu setzen, die Ansicht äußerte, das werde nur zu mehr Geschwätz führen. Nach den Enthüllungen einer ehemaligen Software-Entwicklerin, die von sexueller Belästigung, Sexismus und Mobbing in dem schwer männerlastigen Unternehmen berichtete, hatte es zuvor schon Entlassungen gehagelt.

Frauen, erobert das digitale Feld zurück!

Aber reichen ein paar dumme Kinofilme wirklich, um tausende von Frauen abzuschrecken? Frauen fahren heute die Rallye Paris-Dakar, steuern Flugzeuge, fliegen ins All, operieren am offenen Herzen. Und eine Handvoll frauenfeindliche Dinosaurier in den Hightech-Konzernen bringen es angeblich fertig, die Damen aus dem Zukunftsfeld schlechthin zu vertreiben?

Es fällt mir schwer, das zu glauben. Sheryl Sandberg von Facebook (Kurswerte anzeigen) ging mit ihrem Buch "Lean in" noch gar nicht weit genug. Sich reinzuknien reicht nicht, es ist an der Zeit, aufzustehen und mit dem Fuß aufzustampfen. Es gilt, Durchsetzungswillen und Machtbewusstsein zu entwickeln und sich das digitale Feld zurückzuerobern, das ja - siehe oben - schon einmal weiblich besetzt war.

Derzeit suchen viele Technologie-Unternehmen händeringend nach weiblichen Chefs, besonders in den europäischen Ländern, wo Frauenquoten viele Unternehmen dazu zwingen, sich ernsthafter als früher mit der Frage nach weiblichen Führungskräften auseinander zu setzen. Die Chancen für weibliche Ingenieure sind daher derzeit besser denn je und viele Betriebe arbeiten entsprechend hart daran, Kultur und Vergütungssysteme fairer und frauenfreundlicher aufzustellen.

Das alles ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich vor allem auch die Frauen selber bewegen müssen oder Hightech wird ein männliches Feld bleiben. Zukunft entsteht zunächst in den Köpfen - Frauen müssen sich daher zuerst von den oben aufgelisteten Fehlwahrnehmungen verabschieden. In jeder Revolution bilden sich neue Führungseliten, so auch in der digitalen. Es liegt vor allem an den Frauen. selber, sich auf zu schwingen und die sich jetzt bietenden Chancen auch zu ergreifen.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.