Dienstag, 23. Juli 2019

Top-Frauen und ihre Erfolgsgeschichten Die Selbstständigkeitsfalle

Elke Holst ist die Avantgardistin der Genderforschung am DIW und Mitglied von Deutschlands "einflussreichsten Ökonomen"

Zwölf Top-Frauen, ein Dutzend Geschichten: Zwölf erfolgreiche Managerinnen zeichnen für manager magazin online ihren Weg nach oben nach - und berichten, worauf es ankommt. Heute: Elke Holst.

Auf Veranstaltungen treffe ich zunehmend hochqualifizierte, engagierte Frauen, die ihre Anstellung aufgegeben und sich selbstständig gemacht haben. Auf meine erstaunte Frage, warum denn das, erhalte ich trotz der unterschiedlichen Karrieren und Biografien immer häufiger dieselbe Antwort: Die Frauen haben in ihrem Unternehmen keine Chance mehr für sich gesehen, karrieremäßig voranzukommen und/oder sich inhaltlich entfalten zu können.

Dazu kommt, auch dieser Seufzer klingt immer gleich: Die Frauen auf dem Absprung haben das Machtgehabe ihrer männlichen Kollegen, wo es statt um Inhalte um Dominanz geht, einfach satt. In der Monokultur Mann fehlt die Luft zum Atmen für die weiblichen Topkräfte. Wer wollte sich über den Frust dieser Frauen erheben und Protest einlegen gegen ihr Verhalten? Und doch:

Mich entsetzt dieser Trend. Denn hier gehen den Unternehmen hervorragend qualifizierte Talente verloren. Ein Aderlass, den sich heutzutage niemand mehr leisten kann. Dazu kommt: Der frei gewordene Stuhl wird nicht zwangsläufig wieder mit einer Frau besetzt. Parallel zu dieser Entwicklung hallt es gleichzeitig aus den Chefetagen: "Wir suchen händeringend nach Führungsfrauen, es gibt aber leider keine", wahlweise, "die Frauen wollen nicht, die springen nicht".

Bekommen umstehende Frauen solche Gespräche mit, wird mein Entsetzen mit leidenschaftlichen Plädoyers beschworen. Ich müsse doch Verständnis aufbringen für diese Frauen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen als den Sprung in die Selbstständigkeit, und dann fügen sie hinzu: "Es war auch bei mir nicht mehr zum Aushalten."

Personalvorstände und die Wissenschaft müssen hier Fragen stellen. Wie kann es dazu kommen, dass eine zunehmende Zahl der angeblich von Unternehmen so verzweifelt gesuchten weiblichen Talente das Weite sucht, was stimmt hier nicht? Setzt sich hier etwa auf weniger prominenten Positionen fort, was sich genauso an der Spitze der großen Unternehmen abspielt; dass nämlich der Frauenanteil in den Vorständen, ohnehin auf äußerst geringem Niveau, sogar immer mal wieder rückläufig ist, weil die wenigen Frauen geradezu in Blitzgeschwindigkeit wieder ausscheiden?

Als Wissenschaftlerin bin ich interessiert an den Ursachen der Abgänge von Frauen aus Führungspositionen. Christiane Funken, Leiterin des Fachgebiets Medien- und Geschlechtersoziologie an der TU Berlin, hat die Generation 50plus unter den weiblichen Führungskräften unter die Lupe genommen und kommt zu dem Ergebnis, dass viele Frauen auf dem Höhepunkt ihrer bis dahin beachtlichen Karriere aussteigen, weil: "Ihr berufliches Engagement und ihre Investitionen in Aus- und Weiterbildung, die häufig auch mit hohen Folgekosten für den privaten Lebenszusammenhang verbunden waren, stehen in keinem positiven Verhältnis zur beruflichen Anerkennung und Lebensqualität".

Ein solches No Return on Investment der erfahrenen Führungsfrauen wirkt gerade nicht motivierend auf jüngere Frauen, den Weg in Richtung einer Führungsposition einzuschlagen. Gleiche Chancen in den returns of investments und damit auch der materiellen und immateriellen Anerkennung gleichwertiger beruflicher Leistung, ist die Voraussetzung für das Verfolgen einer Karriere.

Herrschen dagegen Perspektivlosigkeit, Frust oder mangelnde Anerkennung kommt es in der Folge nicht selten zu gesundheitlichen Gefährdungen. Kein Wunder, dass Betroffene Auswege außerhalb des Unternehmens suchen. Doch was sind ihre Perspektiven? Der Wechsel in ein anderes Unternehmen? Jene Frauen, denen ich in zunehmender Zahl auf Veranstaltungen begegne, sehen ihre Perspektive in der Selbständigkeit und verbinden damit die Hoffnung, so die gläserne Decke und nervenzerreißende Widerstände zu überwinden.

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