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Frauen und Führung: Babypause als Karrierekiller

Foto: Grafik: The Boston Consulting Group

BCG-Studie Wie Frauen die Wirtschaft ankurbelten - wenn man sie ließe

197 Milliarden Euro zusätzlicher Wertschöpfung, eine um ein Drittel verkleinerte Arbeitskräftelücke - die deutsche Wirtschaft könnte immens profitieren, würde sie Frauen effektiver fördern. Das belegt eine Studie der Boston Consulting Group, die manager magazin exklusiv vorliegt.

Schon heute sind Frauen erfolgreich in die Herrenclubs der Businesswelt vorgedrungen - im aktuellen Heft feiert manager magazin die "50 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft" (seit 18. Dezember am Kiosk). Frauen arbeiten in Dax-Vorständen, sind als Aufsichtsrätinnen gefragt, gründen florierende Unternehmen und besetzen hochrangige Posten in bedeutenden wirtschaftsnahen Institutionen - und doch bleiben weibliche Karrieren in den Zirkeln der Konzernwelt bislang eine Seltenheit.

Immer noch kommen zu viele Frauenkarrieren im Mittelmanagement ins Stocken. Wie sich das ändern ließe, hat ein Beraterteam der Boston Consulting Group unter Leitung von Partnerin Rocio Lorenzo analysiert. Die positive Botschaft: "Unternehmen könnten ihre weiblichen Talente öfter an die Spitze führen - wenn sie konsequent an einer frauenfreundlichen Kultur arbeiten", so Lorenzo.

Eine gezielte Mobilisierung der Frauen würde das Wirtschaftswachstum entscheidend ankurbeln, zeigt das von BCG errechnete Szenario: Auf bis zu 197 Milliarden Euro oder acht Prozent zusätzlicher Bruttowertschöpfung schätzen die Berater den Effekt. Ein Drittel der in naher Zukunft zu erwartenden Arbeitskräftelücke könnte so geschlossen werden.

Frauen ohne Kinder schaffen es dreimal häufiger nach oben

Die Analyse belegt, dass - obwohl Jahr für Jahr immer mehr Frauen Hochschulabschlüsse erwerben - die Präsenz der Frauen in Leitungsjobs in den vergangenen 20 Jahren nahezu stagniert. Lag der Anteil der weiblichen Entscheider in Spitzenämtern der Privatwirtschaft 2006 bei eins zu Hundert, ist er 2014 auf gerade mal fünf Prozent angewachsen. Zum Vergleich: Im öffentlichen Dienst halten Frauen 18 Prozent der Toppositionen.

Zum einen vergeben die Unternehmen nach zahlreichen Verschlankungsrunden weniger Führungsjobs - zum anderen setzen sich im Karrieregerangel die Männer überproportional stark durch, und zwar selbst in traditionell als weiblich geltenden Branchen wie der Gesundheitswirtschaft.

Ein wesentlicher Grund: Mit ihrer ausgeprägten Neigung zur Teilzeit werfen sich die Frauen selbst aus dem Rennen. Ausgerechnet in der karriererelevantesten Phase - zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr - reduziert fast jede zweite Frau mit guter bis sehr guter Ausbildung ihre Tätigkeit zugunsten der Familie drastisch - und verharrt dann den Rest ihres Berufslebens in der Schmalspur-Berufstätigkeit. Einmal Babypause, immer Babypause. Frauen ohne Kinder schaffen es in Deutschland denn auch dreimal häufiger in Führungspositionen als Mütter.

Das zweite große Hindernis für den Aufstieg der Frauen ist laut BCG der mangelnde Wille vieler Unternehmen, ihre Kultur zu verändern. Das Paradoxe: In Befragungen bezeichnen fast 60 Prozent der Entscheider männlich geprägte Normen, Werte und Netzwerke in ihrer Firma als entscheidende Hürde für die Frauen. Doch nicht mal halb so viele Unternehmen, die an Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils arbeiten, wollen das schwierige Thema Kulturwandel konkret in Angriff nehmen.

Gleichstellung der Frauen bleibt ein Stiefkind der Unternehmenspraxis

Ohnehin bleibt die Gleichstellung der Frauen - neudeutsch Gender Diversity - ein Stiefkind der Unternehmenspraxis. Jede dritte Firma stellt die Frauenförderung öffentlich weiterhin als "weiches Thema" dar, ohne Bezug zur Geschäftsentwicklung. Und "nicht einmal jedes fünfte Dax-Unternehmen baut visible Gender-Ziele in die Unternehmensstrategie ein", so Lorenzo. Dabei läge genau hier der entscheidende Hebel: "Es reicht nicht, die Mannschaft zu sensibilisieren und Arbeitszeitmodelle zu flexibilisieren. Die Unternehmen müssen ihren Leuten klarmachen, dass Gender Diversity einen Wertschöpfungsbeitrag leistet. Dazu gehört, Ziele festzulegen und Fortschritte kontinuierlich zu messen."

Immerhin: Etliche deutsche Unternehmen befinden sich mit vielversprechenden Aktivitäten auf dem richtigen Weg. Continental  bringt erfahrene weibliche Führungskräfte unter dem Motto "Meet the Manager" gezielt mit Nachwuchskräften zusammen; Metro  und Daimler  garantieren Alleinerziehenden Krippenplätze; IBM  steuert alle Diversity-Aktivitäten über "Women Leadership Councils"; die Otto Group hat ein regelrechtes Diversity-Controlling eingeführt, bis runter zur letzten Managementebene.

Als internationales Beispiel gelungener Diversity kann Facebook  gelten. "Erst mit Sheryl Sandbergs Eintritt ins Topmanagement entwickelte Facebook seine heutige Marktdominanz", erläutert Rocio Lorenzo. "Ihr Hands-on-Managementstil vervollständigt Zuckerbergs Erfindergeist."

Eine nachhaltige Aktivierung der Frauen hätte wesentliche ökonomische Effekte, meint BCG. Die Beratung identifiziert vier Hebel, die zusammengenommen die deutsche Bruttowertschöpfung um 197 Milliarden Euro steigern und die Arbeitskräftelücke um bis zu ein Drittel verkleinern könnten:

  • Steigerung der weiblichen Erwerbstätigenquote von 69,1 auf 75,1 Prozent, die (Wieder-)Einsteigerinnen arbeiten 20 Wochenstunden
  • Anhebung der Wochenarbeitszeit bereits in Teilzeit arbeitender Frauen von derzeit 19 Stunden auf 25 Stunden - soviel arbeiten die Schwedinnen, vom Arbeitsumfang her die Top-Performerinnen in der EU
  • Verschiebung von 165.000 Frauen in produktivere Branchen
  • Vergabe von höherwertigen Jobs an 500.000 Frauen, die für ihre derzeitigen Positionen überqualifiziert sind

90.000 Frauen in Führungspositionen zusätzlich wären nötig, um hier zu Lande die Quote weiblicher Führungskräfte wenigstens auf EU-Durchschnitt zu hieven. Allein diese Zahl zeigt: In Sachen Frauenförderung bleibt in Deutschland noch viel zu tun.