Fotostrecke

Mehr Erfolg: 12 Tipps, wie Sie den Placebo-Effekt für Ihr Unternehmen nutzen können

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Warum die Rede von der Selbstbestimmung in die Irre führt Die Entscheidung liegt bei Dir! - Was nun?

Von Rebekka Reinhard und Stephanie Schorp
Stephanie Schorp und Rebekka Reinhard

Rebekka Reinhard (rechts) ist promovierte Philosophin, Key Note Speaker für Unternehmen, Redakteurin der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft und Bestseller-Autorin. Zuletzt veröffentlichte sie die "Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)" und "Nachdenkzeit 2018: 365 philosophische Denkanstöße".
Stephanie Schorp studierte Psychologie und Betriebswirtschaft. Sie führt seit zwei Jahren die Executive Placement Beratung Comites zusammen mit dem Gründer Andreas Föller. Sie verfügt über Zusatzausbildungen in Coaching, systemischer Beratung und Hypnotherapie.

Entscheidungen begleiten uns ein Leben lang. Mit der Schulwahl und bestimmten Fächerkombinationen fängt es an. Weiter geht es mit der richtigen Studienwahl, dem ersten Jobangebot, später mit Jobwechsel oder schwerwiegenden Entscheidungen im Beruflichen wie Privaten. Manchmal wird man auch entschieden - und das kann ziemlich schmerzhaft sein. Wegen augenscheinlich notwendigen internen Umstrukturierungen, Marktveränderungen, oder aber, weil man dem Chef zu unbequem geworden ist.

Und wenn dann auch noch dem Lebenspartner einfällt, dass er den weiteren Lebensweg doch lieber mit jemand anderem gehen möchte, oder die Kinder in gefährlichen Peergroups unterwegs sind? Bei den wirklich wichtigen Entscheidungen ist die Ratlosigkeit groß, und Entscheidungskompetenz, wie es nun weiter gehen könnte, mehr denn je gefragt.

Fotostrecke

Die sollten Sie vermeiden: Zehn mentale Erfolgsbremsen

Foto: Luca Bruno/ dpa

Ein bisschen mehr Entschlossenheit, und die Welt gehört Dir! Werde ein freier, selbstbestimmter Mensch, und zwar heute noch! Selbstbestimmtheit bei Entscheidungsprozessen scheint das höchste Gut zu sein, ob es um große Karrieren, gleichberechtigte Beziehungen oder die selbstständige Lebensgestaltung im fortgeschrittenen Alter geht. Was soll ich tun, wenn mein Vorstand von mir permanent Unmögliches verlangt, mich in die Enge treibt? Oder was, wenn meine Kinder plötzlich nicht mehr "funktionieren" und nur noch schlechte Noten nach Hause bringen? Wie gelingt mir ein Neustart?

Ebenfalls von Rebecca Reinhard:
Reflection first! Wie Führung, Gesundheit und Resilienz zusammenhängen

Wenn es um Fragen wie diese geht, überfrachtet man uns regelmäßig mit Management- und Selbsthilfeliteratur zu Selbstführung und Selbstcoaching. Mantraartig und einlullend wie die Schlange Ka in Dschungelbuch gibt man uns mit verlockenden Titeln wie "Die Entscheidung liegt bei Dir!" zu verstehen, dass wir uns nicht so anstellen und gefälligst das Richtige tun sollen. Aber was ist das Richtige? Genau das ist die Schwierigkeit. Was ist fake, was ist echt? Wer hat Recht, links oder rechts, schwarz oder weiß? Hinter all dem lauert die Frage, inwieweit selbstbestimmte, rationale Entscheidungen überhaupt möglich - und sinnvoll sind.

Unser Leben wird durch Entscheidungen maßgeblich geprägt - nicht selten mit drastischen Konsequenzen auch für unser Umfeld. Schon in den 1960er Jahren nannte der Ökonom Peter Drucker Entscheiden eine der Kernaufgaben des "effective executive". Seither ist die Welt um Einiges komplexer geworden - vernünftige Gewohnheiten wie Zeitmanagement oder Priorisierungen sind keine sicheren Patentrezepte mehr. Charakteristisch für die "neue Unübersichtlichkeit" (Jürgen Habermas) sind heute die durch die Digitalisierung, Migration, Populismus oder Klimawandel bedingten Veränderungen, die sich mit den Kontingenzen unserer individuellen Biographien auf komplexe Weise vermengt.

Was nun? Menschen haben ein ureigenes Kontroll- und Kompetenzbedürfnis. Das Gefühl, Einfluss auf die Geschehnisse und den "locus of control" bei sich zu haben, scheint zumindest für die meisten von elementarer Bedeutung zu sein.

Unser Gehirn nimmt den schnellsten Weg mit dem geringsten Aufwand

Dass die gefühlte Beschleunigung der Welt immer heftiger wird, dass wir alle anscheinend immer weniger Zeit haben, den Wandel zu verdauen, ist nur die halbe Wahrheit. Entscheidungen sind grundsätzlich wenig rational und häufig fehleranfällig. Von "Selbstbestimmtheit" keine Spur. Um zwischen den wichtigen Alternativen unseres Lebens souverän zu wählen, täte uns die Beschäftigung mit Entscheidungstheorien, mit "schnellem", unbewusstem und "langsamem", logisch-bewusstem Denken gut (Daniel Kahnemann in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" ).

Wenn es uns zudem gelänge, klassische Fehler zu vermeiden, die wir aufgrund von unbewusst verinnerlichten Stereotypen, vorschnellen Beurteilungen und Vorurteilen begehen, würde uns das viel Zeit und Ärger ersparen - und definitiv zu besseren Entscheidungen führen. Hier könnte auch die Auseinandersetzung mit unserer Persönlichkeitsdisposition (der Frage, ob wir eher dem "risikoaffinen" oder "Risiko aversiven" Typus zuneigen) weiterhelfen. Auf dem herkömmlichen Bildungsweg lernen wir darüber leider wenig.

Wir sollten uns vor Augen führen, dass unser Gehirn erst mal immer den schnellsten Weg mit dem geringsten Aufwand nimmt. Je sicherer wir uns in einer Sache sind, umso schneller nutzen wir unsere Intuition, die berühmten Daumenregeln; wir schließen von einem für uns hervorstechenden Merkmal einer Person auf weitere Persönlichkeitsmerkmale ("Halo-Effekt"); wir nutzen munter so genannte "Substitutionen".

Ebenfalls von Rebecca Reinhard: Manipulier mich!

Das heißt, wir ersetzen Fragen, die wir auf Basis unseres aktuellen Wissenstandes nicht beantworten können, durch eine Frage, die wir meinen, beantworten zu können. Aus der Frage: 'Kann dieser Mann aufgrund seiner Kompetenzen und Erfahrungen den Konzern vor weiterem Unheil bewahren und positive, neue Dinge anstoßen?', machen wir: 'Sieht dieser Mann so aus, als könnte er den Konzern vom Absturz retten?' Die Antworten darauf sind dann ähnlich subjektiv und wenig nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen jegliche Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnungen aus verlässlichen Quellen vernachlässigen.

So wissen wir statistisch sehr genau, dass insgesamt mehr Menschen an Herzinfarkten sterben als aufgrund von Autounfällen. Dennoch schätzen die meisten Menschen die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Autounfällen viel höher ein, da ihnen diese durch die mediale Berichterstattung präsenter sind. Ein weiteres Problem besteht darin, dass unser Gehirn negative Informationen wesentlich nachhaltiger als positive verankert. Kein Wunder also, dass wir so häufig zu falschen Urteilen und folglich falschen Entscheidungen kommen.

Fotostrecke

Positives Denken: So tricksen Sie die Negativ-Fallen im Gehirn aus

Foto: Maurizio Gambarini/ picture alliance / dpa

Auch so genannten Expertenurteilen kann man nicht immer trauen. Ist man selbst ausgewiesener Experte auf einem Gebiet, sollte man sein implizites Wissen und seine Intuition benutzen und schnell entscheiden - statt lange über sein Expertenurteil nachzudenken. Während die Urteile von Novizen auf einem Gebiet durch Nachdenken besser werden, werden sie bei Experten auf diesem Gebiet nämlich schlechter. Neurophysiologische Befunde zeigen zudem den Zusammenhang zwischen Gemütszustand und Entscheidungsgüte. Vereinfacht gesagt, je angespannter und schlechter der Gemütszustand, umso schlechter die Entscheidungen. (Andererseits können Ärzte oder Feuerwehrleute in Extremsituationen sehr wohl und schnell die richtigen Entscheidungen treffen; hier greift dann wieder die jahrelange Expertise und Routine.

Die Rede von der Selbstbestimmtheit führt in die Irre

Die Rede von der Selbstbestimmtheit führt also in die Irre: Wir sind situativ gebundene soziale Wesen, die in einem bestimmten kulturellen Kontext und bestimmten Lebensformen agieren. Niemand lebt kontextfrei. Keiner ist sich selbst vollkommen durchsichtig. Der Mensch ist so komplex wie die Welt, in der er lebt: rational und emotional, suggestiv und suggestibel, moralisch und unmoralisch zugleich. Wir treffen keine "besseren" Entscheidungen, wenn wir blind Experten folgen. Wir entscheiden nicht "schneller", weil wir eine bestimmte App auf dem Smartphone installiert haben. In einer komplexen, unsicheren Welt fallen uns gerade schwierige Entscheidungen nur dann leichter, wenn wir die Perspektive wechseln - die Antwort auf unsere Fragen nicht im Außen, sondern in uns suchen. Nicht rational, sondern ganz intuitiv. Aus unserem Herzen heraus.

Eine nützliche "Gebrauchsanweisung" hierzu finden wir bei der amerikanischen Philosophin und "Hard Choices"-Spezialistin Ruth Chang. Laut Chang tun wir uns vor allem mit solchen Wahlalternativen schwer, die in der gleichen Werteliga spielen. Soll ich aus Karrieregründen nach Frankfurt ziehen oder in München bleiben? Soll ich die gläserne Decke durchbrechen oder meine Mutter zu Hause pflegen? Hinter solchen vermeintlichen Entscheidungsdilemmata stehen Werte wie Liebe und Verantwortung, die gegen den Wert der Freiheit nur schwer aufzuwiegen sind.

Werte sind keine quantifizierbaren Größen. Sie sind inkommensurabel. Sie rufen uns - mangels einer Antwort von außen - dazu auf, unsere "normative Macht" (Chang) auszuüben, und eine Entscheidung auf der Basis von Gründen zu treffen, die nur wir uns selbst geben können. Wofür lebe ich? Wer will ich sein? Wie kann ich die Persönlichkeit werden, die ich wirklich, von ganzem Herzen sein will? Das sind die Fragen, die uns hier wirklich weiterbringen. Nur wenn wir gleichsam unsere ganze Person als Folie hinter die jeweilige Entscheidungsoption legen, können wir wirklich "Redakteure unseres Lebens" werden, wie es einst Sören Kierkegaard, der Begründer der Existenzphilosophie, formulierte.

Ja, die Entscheidung liegt bei uns - aber sie hat viel weniger mit Selbstbestimmung zu tun, als uns einschlägige Ratgeber glauben machen wollen. Indem wir die Gründe für die "richtige Entscheidung" wieder und wieder, in einem nie abzuschließenden Prozess aus uns selbst schöpfen, macht uns das nicht unbedingt autonomer, rationaler, Irrtums-resistenter. Wir bleiben dieselben von Liebe, Anerkennung und Fürsorge abhängigen Lebewesen.

Gerade dadurch sammeln wir Erfahrungen und lernen intuitiv, entscheidungsfreudiger, mutiger, innovativer zu werden. Genauer hinsehen, sich zurücklehnen, Probleme von der Ferne betrachten, Entscheidungen nicht vorschnell und unüberlegt treffen, sondern sich ausreichend Zeit für gute Entscheidungen nehmen nach dem Motto "gut Ding will Weile haben": Ist das nicht genau das, was wir in einer VUCA-Welt brauchen? Was wir ihr entgegensetzen können - und müssen?

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.