Entrepreneure des Jahres 2014: Hitfox Group Der Frühstarter

Das Gründen ist Jan Beckers' große Leidenschaft. Acht Internet-Startups hat er schon aus der Taufe gehoben, vier weitere sollen folgen - pro Jahr.
Sieger in der Kategorie "Startup": Jan Beckers, Gründer und CEO der Hitfox Group

Sieger in der Kategorie "Startup": Jan Beckers, Gründer und CEO der Hitfox Group

Foto: Dominik Butzmann für manager magazin

Berlin-Mitte. In dem Stadtteil wimmelt es nur so von Lobbyisten und Verbandsbüros. Doch neben dem Polit-Establishment hat sich rund um den Hackeschen Markt ziemlich geräuschlos auch eine alternative Szene entwickelt: Firmengründer.

Einer der wichtigsten Figuren dieses Milieus: Jan Beckers (31), groß, kräftig, kerniger Westfale. In dickem Pullover führt er durch seine Büros in der Rosenstraße. Altbau, hohe Räume. Alles ziemlich eng und unübersichtlich hier, und vor allem orange. Das Sofa im Foyer, die Plüschfüchse.

Orange ist die Haus- und Markenfarbe der Hitfox Group, die Jan Beckers 2011 gegründet hat. Inzwischen ist Hitfox zur Holding mutiert, unter deren Dach sich acht Internet-Startups tummeln.

Die Neugründungen sitzen ein paar Häuser weiter, in einem der vielen Hinterhöfe, die so typisch sind für Berlin, verteilt auf drei Etagen. Überall steht der obligatorische Kicker, an die Wände sind sinnvolle wie sinnlose Sprüche gemalt, daneben kleben selbst gebastelte Organigramme aus Pappe mit kleinen Fotos von Köpfen, unter die Vornamen gekritzelt sind.

Es wird Englisch gesprochen, so wie es sich für echte Multikulti-Großraumbüros gehört. "Wir haben Mitarbeiter aus 39 Nationen", sagt Beckers. Die jungen Leute sitzen dicht an dicht vor ihren Laptops, Raum zum Expandieren gibt es kaum noch. Weitere 1000 Quadratmeter hat Beckers deshalb bereits gemietet, um die Ecke, für seine nächsten Startups.

Beckers ist ein typischer Serientäter oder - wie es in der Fachsprache heißt - ein Serial Entrepreneur. Einmal Gründer, immer Gründer. Jedes Jahr will er vier, fünf neue Startups erschaffen. "Unternehmen zu gründen steckt in meiner DNA", sagt Beckers. Offenbar wurde die nicht direkt vererbt. Der Vater ist Jurist, die Mutter Lehrerin. Immerhin, der Opa besaß einst eine Windkraftfirma, die er an GE verkaufte.

Tief eingetaucht in die deutsche Startup-Community

Wirtschaft faszinierte Jan Beckers schon immer. Als Teenager verjubelte er sein für den Führerschein zurückgelegtes Geld in Aktien von Electronic Arts (EA), einer der führenden Anbieter von Computerspielen. Er ging auf ein Wirtschaftsgymnasium und studierte BWL in Münster.

Das Studium allein lastete ihn allerdings nicht aus. Da er gern feiert, veranstaltete er regelmäßig Partys und berichtete dann in seinem Onlineportal Studenta.de über die Münsteraner Szene.

Nach dem Diplom war klar: "Ich will was im Internet machen." Warum? Weil man da "auch als junger Mensch schnell viel erreichen" könne, sagt er. Ihm war aber auch klar, dass er sich gut vorbereiten musste auf sein Leben als Nerd.

Und so suchte er sich zunächst ganz gezielt Jobs, bei denen er lernen konnte, wie das Geschäft im Web funktioniert. Er heuerte als Chefredakteur beim Onlineportal Gruenderszene.de an und tauchte tief ein in die deutsche Startup-Community. Bei einem mehrmonatigen Aufenthalt im Silicon Valley lernte er einen Teil der US-Gründerszene kennen.

Beide Stationen waren nur von kurzer Dauer, aber sie halfen ihm, ein wertvolles Netzwerk zu knüpfen und neue Ideen aufzusaugen. Er fühlte sich gerüstet und startete 2011 gemeinsam mit Tim Koschella (der bereits bei Lecturio.de und Mysportsgroup.com Erfahrungen gesammelt hat), dem Ex-McKinsey-Berater Hanno Fichtner und einem Batzen Wagniskapital (unter anderem von Holtzbrinck, Tengelmann und Hasso Plattner) die Firma Hitfox, die Computerspiele online und mobil vermarktete.

Strenge Auslese bei Hitfox - und eine Feel-Good-Managerin

Weil Hitfox schnell erfolgreich war, gründeten und kauften Beckers und sein Team im Jahresrhythmus neue Startups: den Spielevermarkter Applift, den Werbevermarkter Ad2games, die Empfehlungsplattform Gamefinder, den Big-Data-Provider Datamonk und den Onlinevermarkter Apploop. Zusammen machen die Unternehmen der Gruppe heute bereits rund 50 Millionen Euro Umsatz und mehr als 15 Millionen Euro Gewinn - eine stolze Rendite.

Demnächst will Beckers auch Finanzdienstleistungen online anbieten. In diesem Markt sieht er angesichts der Schläfrigkeit der Banken noch ein riesiges, unausgeschöpftes Potenzial.

Beckers achtet darauf, dass seine Neugründungen immer Synergieeffekte nutzen - beispielsweise die gleiche Software: "Wir haben auf IT-Seite eine gewisse Basistechnologie. Die können wir fast 1:1 auf alle unsere Neugründungen übertragen." So ähnlich funktioniert auch Rocket Internet, der inzwischen börsennotierte Brutkasten der Samwer-Brüder. Wie beim großen Rivalen tauscht auch Beckers sein Personal rege hin und her.

Wer sich in einem bereits etablierten Start-up der Gruppe bewährt hat, kann in einem neuen als Mitgründer dabei sein. Ein System, das seine eigenen Entrepreneure kreiert.

Beckers wählt seine Mitarbeiter daher sehr genau aus. Allein 30 Interviews führt er jeden Monat selbst, seine Ansprüche sind hoch: "Die Bewerber müssen so erfolgshungrig wie wir sein, schnell im Handeln und eine gewisse Ungeduld mitbringen."

Strenge Auslese bei Hitfox - und eine Feel-Good-Managerin

Berlin ist da aus seiner Sicht genau der richtige Standort. "Die Stadt bietet inzwischen ein funktionierendes Ökosystem für Startups", sagt der Westfale Beckers. Junge, vor allem technik- und internetaffine Leute aus aller Welt strömen in die deutsche Hauptstadt. Jeden Monat landen 1300 Bewerbungen auf dem Schreibtisch der Personalchefin von Hitfox.

Wer es durch die strenge Auslese zu Hitfox geschafft hat, den erwartet ein angenehmes Arbeitsklima. Rund 60 Prozent der über 280 Mitarbeiter kommen in den Genuss einer satten Beteiligung; und die Feel-Good-Managerin Sarah Hoffmann stellt sicher, dass sich die langen Arbeitstage kürzer anfühlen, als sie sind. Sie sorgt für eine Rundumbetreuung, hilft Neuankömmlingen bei der Wohnungssuche, organisiert Babysitter, macht für ausländische Mitarbeiter Behördengänge und - ganz wichtig - organisiert die Kickerturniere.

Denn Spaß muss sein. Das weiß auch Jan Beckers, der bekennende Partylöwe ("Ich gehe gern feiern"). Aus Liebe zu den alten Zeiten veranstaltet er nach wie vor viermal im Jahr die Party "We love MS" im "Heaven" in Münster. Ins bunte Berliner Nachtleben taucht er erst nach getaner Arbeit ein. Die dauert bei ihm bis 22 Uhr. Danach geht er meist noch mit Kollegen essen, zum Sport oder eben feiern.

Als kleinen Luxus gönnt er sich sonst nur ein Hausboot mit großer Terrasse. Es liegt in Spandau unweit des Flughafens Tegel vor Anker.

Immer wenn er dort auf dem Rückflug von einer seiner vielen Reisen ins Silicon Valley oder nach Asien landet, schaut er aus dem Fenster, ob es noch da ist. Einmal war es weg. Man hatte es - ohne sein Wissen - zur Reparatur gebracht.

Ausgewählte Finalisten der Kategorie "Startup"

Sven-Oliver Pink, Florian Michajlezko: Ergobag

Kinder: Kann man den Rucksack neu erfinden? Ja, sagten sich die beiden Freunde Florian Michajlezko (30) und Sven-Oliver Pink (35) und entwickelten 2010 einen ergonomischen Schulrucksack. Ihre Firma nannten sie folgerichtig Ergobag. Sie trat gegen die Großen der Branche (Scout, McNeill und Hama) an und eroberte schnell eine Nische: die des funktionalen und trotzdem formschönen Rucksacks. Über 200.000 Stück verkauft Ergobag inzwischen jedes Jahr. Hergestellt werden sie in Vietnam, aus recycelten PET-Flaschen - ein besonderer Gag.

Erwachsene: Die beiden Geschäftsführer ergänzen sich perfekt: Michajlezko kümmert sich um das Produkt, Pink um die Organisation. Ihm war früh klar, dass sein schnell wachsendes Unter- nehmen in die Strukturen investieren muss, vor allem in ein Warenwirtschaftssystem und die Logistikkette. Das ermöglicht Ergobag nun eine zügige Internationalisierung in Europa und auch Asien. Zudem haben die Entrepreneure gerade eine neue Produktlinie gestartet: ergonomische Rucksäcke für Erwachsene, unter dem neuen Label Pinqponq.

Niklas Östberg: Delivery Hero

Viel Geld: Rund 650 Millionen Dollar Venture Capital hat Niklas Östberg (34) in den letzten Jahren eingesammelt. Wie macht er das? Der Mann sitzt in seinem karg eingerichteten Büro in der Berliner Mohrenstraße und lächelt: "Man braucht ein gutes Konzept." Die Idee des Schweden: online Essen bestellen. Delivery Hero heißt seine Firma, deren CEO er auch ist. Hierzulande läuft das Business unter der Marke Lieferheld. Gesteuert werden die inzwischen 23 Märkte von Berlin aus, mit über 400 Mitarbeitern aus über 40 Ländern. Die Firmensprache ist Englisch.

Mehr Qualität: "Unsere Strategie ist wie die von Amazon", sagt Östberg. Erst mal viel Geld investieren, Gewinne kommen später. Die 2011 gegründete Firma finanzierte deshalb zunächst die Expansion in neue Märkte. Damit sei jetzt Schluss. Nun will Niklas

Östberg in die Qualität seiner Lieferservices investieren. Sie sollen schneller und qualitativ besser werden. "Lieferservice muss nicht nur für Pizza, Döner oder China-Nudeln stehen", sagt der Schwede, "sondern auch für gesündere und gehobenere Küche." Ein Cordon bleu per Kurier? "Warum nicht."

Georg Untersalmberger, Alexander Zacke: Auctionata

Versteigern: Ende Oktober war Premiere: Live aus dem ehemaligen Tiffany-Haus an der Fifth Avenue in New York übertrug das Onlineauktionshaus Auctionata seine erste Versteigerung in den USA. Bislang sendete Auctionata seine Livestream-Auktionen nur von der Zentrale in Berlin aus. Dort, auf der vierten Etage, kommen jeden Tag um 18 Uhr die unterschiedlichsten Exponate - von Wein bis Gemälden - unter den Hammer. Die Idee zu den Onlineauktionen hatte der Österreicher Alexander Zacke (48), Spross einer Kunsthändlerfamilie. In seinem Landsmann Georg Untersalmberger (48), einem IT-Nerd, fand er einen kongenialen Partner.

Kassieren: Das Prinzip ist so einfach wie lukrativ: Verkäufer - meist Erben - von Preziosen können deren Wert von Auctionata-Experten schätzen lassen. Allein 655.000 Anfragen gab es 2014 bereits. "Aber nur 25.000 haben wir angenommen", sagt Zacke. Bei jedem Verkauf kassiert Auctionata knapp 50 Prozent des Preises. Das spült ordentlich Geld in die Kassen. Zacke hat noch große Pläne. Bald will er in Hongkong mit einer Livestream-Auktion beginnen.

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