Entrepreneur des Jahres - Thermondo Handwerker treffen auf Hipster

Das Berliner Start-up ist inzwischen zum größten Heizungsinstallateur Deutschlands aufgestiegen. Dabei war ursprünglich mal alles ganz anders geplant.
Thermondo-Mitgründer Philipp Pausder: Energieverbrauch senken - und nebenbei den Handwerkermarkt revolutionieren

Thermondo-Mitgründer Philipp Pausder: Energieverbrauch senken - und nebenbei den Handwerkermarkt revolutionieren

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Steffen Roth für manager magazin

So also sieht der Heizungsbauer im 21. Jahrhundert aus. Philipp Pausder (42), der Chef von Thermondo, kommt daher wie einer, der auch Unternehmensberater sein oder im Vorstand der Deutschland AG sitzen könnte. Groß, schlank, weder zauseliger Hipsterbart noch breitrandige Nerdbrille. Tatsächlich hat der Gründer des Heizungsportals Thermondo bereits Erfahrung in der Konzernwelt gesammelt, beim Sportartikler Adidas.

Jetzt sitzt er in seinem Büro, in einem dieser typischen Berliner Hinterhäuser rund um den Rosenthaler Platz, dem Epizentrum der Berliner Start-up-Szene. Er kommt gerade vom Yoga, Donnerstagfrüh ist immer asiatische Kontemplation angesagt. Pausder fläzt sich - das darf er bei seinen zwei Metern auch - in einem Retrosessel und erzählt, wie alles anfing.

Da war zunächst Al Gores Buch "Eine unbequeme Wahrheit", in dem der ehemalige US-Vizepräsident auf drastische Weise die Folgen der Erderwärmung aufzeichnet. Das Werk las Pausder während seines MBA-Studiums in Madrid.

Etwas später kam dann Fukushima und die merkelsche Energiewende. Das klang für Pausder nach einer Chance, etwas zu bewegen - als Unternehmer. Denn zu einem effizienten Klimaschutz gehört zunächst vor allem, den Energieverbrauch zu drosseln.

Der Weg zum Sieg

Aus über 100 Bewerbungen wurden von EY 29 Finalisten ausgewählt und interviewt. Eine unabhängige Jury kürte die Sieger in den Kategorien Start-up, Industrie, Dienstleistung, Konsumgüter/Handel und Digitale Transformation. Daneben gibt es je einen Ehrenpreis für Familienunternehmen und soziales Engagement.

Mit den vorhandenen Heizungen in deutschen Haushalten ließ sich da nicht viel sparen, soviel war Pausder und seinem befreundeten Energieexperten Florian Tetzlaff klar. Rund 70 Prozent der Gas- und Ölheizungen hierzulande gelten als veraltet. Eine Modernisierung dieses Geräteparks könnte eine CO-Reduktion von bis zu 30 Prozent bringen.

Und genau darauf basiert ihre Geschäftsidee. 2012 gründeten die beiden gemeinsam mit dem Energiefachmann Kristofer Fichtner die Thermondo GmbH. Ursprünglich war das Start-up als Plattform gedacht, die zwischen Handwerkern, Heizungsbauern und Kunden den Kontakt herstellt.

Handwerker treffen auf Hipster

Doch daraus wurde nichts, die Handwerker spielten nicht mit. Pausder und seine Mitgründer reagierten fix und stellten selbst Handwerker ein. An über 50 Standorten quer über die Republik verteilt hat Thermondo inzwischen eigene Handwerkertruppen installiert.

"Wir revolutionieren damit den Handwerkermarkt", sagt Pausder. Eine Filialisierung des Traditionsgewerbes, gesteuert von einer Zentrale, die online die Aufträge vermittelt.

Seither prallen bei Thermondo sehr unterschiedliche Welten aufeinander: Handwerker auf Hipster.

Zum On-Boarden (Einarbeiten) müssen deshalb erst mal alle Installateure nach der Einstellung zweieinhalb Wochen nach Berlin kommen. Auch die Sommer- und Weihnachtsfeste dienen der Annäherung.

Überblick: Das sind die Entrepreneure des Jahres 2017

Pausder warnt aber davor, Handwerker zu unterschätzen, auch bei denen übernehme die Facebook-Generation. Der Vorteil für die Mitarbeiter: Thermondo nimmt ihnen die ganze Bürokratie ab. In einigen Jahren werde jeder Handwerksbetrieb so funktionieren, glaubt Pausder.

Und wie funktioniert das Modell Thermondo?

Der Kunde geht auf die Website des Start-ups und beantwortet einen Fragenkatalog zu seiner Heizung. Thermondos Algorithmus mit dem vertrauenswürdigen Vornamen "Manfred" sucht daraufhin die passende Heizung aus. Es folgt noch eine kurze telefonische Befragung des Kunden. Und fertig ist das Angebot, günstiger und schneller als beim Handwerker um die Ecke. Die komplette Förderung ist darin bereits enthalten. Der Kunde muss sich die Förderrichtlinie also nicht mühsam selbst zusammensuchen.

Sobald der Interessent zusagt, kommt ein Handwerkerduo (zumeist ein Teamleiter und ein Monteur) ins Haus. Sie tragen schwarze Polohemden und fahren mit von Thermondo geleasten Autos vor. Das nötige Werkzeug haben sie selbstredend dabei, berufsnotorische Ausreden wie "ich muss noch mal schnell in den Baumarkt" gibt es nicht.

Über 9000 Kunden in Ein- und Zweifamilienhäusern hat Thermondo so bereits neue Thermen eingesetzt und ist damit zum größten Heizungsinstallateur Deutschlands aufgestiegen. Mehr als 320 handwerkliche Mitarbeiter hat Pausder auf dem Gehaltszettel.

Es sollen noch deutlich mehr werden. Pausder kann sich in Deutschland 2000 Handwerker in Thermondo-Diensten durchaus vorstellen. Auch eine Expansion ins nahe Ausland, Österreich, die Schweiz und eventuell Frankreich wird erwogen.

Die beiden Mitgründer Fichtner und Tetzlaff sind inzwischen ausgestiegen. Neu hinzu kamen der Finanzchef David Hanf (34), er wechselte vom Kreditmarktplatz Smava.de, und der Vertriebsleiter André Heeg (38), vorher beim New Yorker Start-up Zocdoc.

Die beiden erfahrenen Manager sollen dabei helfen, das Start-up zu professionalisieren. "Wir sind dabei, Prozesse und Standards einzuführen", räumt Pausder fast entschuldigend ein. "Klingt brutal nach Konzern, ist aber bei dieser Größenordnung, die wir inzwischen haben, unerlässlich."

Obwohl sich Fichtner und Tetzlaff aus dem operativen Geschäft verabschiedet haben, hält das Gründertrio nach wie vor rund 27 Prozent am Unternehmen. Weitere Eigentümer sind die Altaktionäre Holtzbrinck Ventures, IBB, Eon und Rocket Internet, unlängst sind Vorwerk Ventures und der niederländische Energieversorger Eneco hinzugestoßen.

Insbesondere vom Einstieg Vorwerks erhofft sich Pausder eine Menge Know-how-Transfer: "Das sind die Profis im Direktvertrieb."

Er selbst gibt sein Wissen längst bereitwillig weiter - zusammen mit Ehefrau Verena, die in der Berliner Gründerszene ebenfalls eine Größe ist: als Gründerin der Kinder-App-Entwickler Fox & Sheep, wo sie noch als Geschäftsführerin arbeitet, sowie als Netzwerkerin.

Gemeinsam will das Paar Jugendlichen das Firmengründen schmackhaft machen. Dazu haben sie den Verein "Startup Teens" ins Leben gerufen. Sie und inzwischen 275 weitere Entrepreneure halten in Schulen Vorträge, veranstalten Seminare und Workshops.

Zunächst haben die Pausders allerdings andere Prioritäten - vorübergehend zumindest. Das vierte Kind ist da. Nach drei Jungs "endlich ein Mädchen" (Philipp Pausder).

Das schreit nach einer neuen Geschäftsidee: Wie gründe ich eine Großfamilie?

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