Volker Kitz

Die unterschätzte Seite von Diversity Holt Widerspruch ins Team!

Verschiedene Geschlechter, Altersgruppen, Nationalitäten - viele Arbeitgeber legen heute Wert auf Diversität. Doch wie steht es mit unterschiedlichen Meinungen?
Diversity im Team: Meinungskonformität vereinfacht das Leben, aber die Mischung kann die Arbeit bereichern

Diversity im Team: Meinungskonformität vereinfacht das Leben, aber die Mischung kann die Arbeit bereichern

Foto: Thomas Barwick / Getty Images

Welche Schüler verdienen ein Stipendium? Das sollten Probanden in einem Experiment in den USA entscheiden. In den Bewerbungen waren Hinweise auf eine politische Ausrichtung der Bewerber versteckt, eine Mitgliedschaft bei den Young Democrats oder den Young Republicans. Etwa 80 Prozent versagten Kandidaten mit glänzenden schulischen Leistungen das Stipendium, weil sie eine andere politische Überzeugung hatten. Der Wert liegt über dem einer Diskriminierung wegen der Rasse, die mit einem ähnlichen Test gemessen wurde - und deren Auswirkungen schlimm genug sind. Das eine wie das andere zeigt, wie schwer es Menschen fällt, sich auf jemanden einzulassen, der anders ist. Laut einer Studie gruselt in den USA fast jeden Dritten die Vorstellung, ein Familienmitglied könnte jemanden mit einer anderen politischen Einstellung heiraten.

Volker Kitz
Foto: Andreas Labes

Volker Kitz ist Autor und Redner zu Themen aus Psychologie, Recht und Arbeit. Er ist gefragter Vertreter einer neuen Arbeitswelt-Pragmatik.

Auch in Deutschland gibt es viele Kontaktallergiker. Soweit sich unter ihren Bekannten in sozialen Netzwerken noch Andersdenkende befinden, "entfreunden" sie die Freunde. Sie sortieren selbst Nahestehende aus. Auch offline umgeben sich viele mit Leuten, die eine "richtige" Einstellung haben: die eigene. Sie meiden sogar Verwandte, wollen nicht mehr mit bestimmten Kollegen oder Kunden zusammenarbeiten, weil sie deren Einstellungen nicht teilen.

Andere kündigen ein langjähriges Zeitungsabonnement, weil in dieser Zeitung ein- oder gar zweimal jemand eine Meinung äußerte, die der eigenen widersprach. In Würzburg wehrte sich ein Mann vor Gericht gegen den Rundfunkbeitrag - weil manche Sendungen des Bayerischen Rundfunks seiner Überzeugung zuwiderliefen.

Die furchterregenden Anderen

Meinungskonformität vereinfacht das Leben. Parallelwelten gedeihen in jedem politischen Milieu. Die anderen scheinen furchterregend anders. Doch dieser Eindruck ist das schizophrene Gegenteil dessen, was die Genforschung herausgefunden hat: Wir gleichen uns selbst zwischen Frauen und Männern genetisch zu 99,688 Prozent. Die Natur ergießt Ähnlichkeiten über uns, die Unterschiede verteilt sie spärlich mit dem Salzstreuer.

Die Gemeinsamkeiten haben eine Zauberkraft. Banale, winzige Übereinstimmungen können Feinde in Freunde verwandeln. Während ich diesen Text schrieb, saß ich einmal im Zug. Neben mir stritten zwei Fremde über Stuttgart 21, die Bahnhofgroßbaustelle. So viel Hass, Ablehnung und persönliche Verletzungen flogen durch die Reihen, dass die anderen Fahrgäste im Großraumwagen betroffen unter sich schauten. Da entdeckten die Streithähne, dass sie den gleichen Rucksack hatten. Ein besonderes Modell, mit speziellen Fächern, schwer zu finden. Auf einmal änderte sich der Ton. Sie redeten, ja schwärmten über ihren gemeinsamen Rucksack. Und nun auch über andere Themen. Am Ende holten sie ihre Handys her aus und befreundeten sich auf Facebook.

Solche magischen Momente ereignen sich jeden Tag: Wenn auffliegt, dass die Nachbarin mit dem verhassten Meinungsaufkleber auf dem Briefkasten dieselbe Netflix-Serie schaut. Wenn der Flüchtlingshasser entdeckt, dass der Flüchtling aus dem Ort ebenfalls beim Marathon mitläuft. Wenn sich im Aufzug herausstellt, dass den Kollegen aus der verhassten Partei die gleichen Erziehungsprobleme plagen.

Raus aus der Filterblase

Es ist nur so schwer geworden, auf Menschen mit anderen Einstellungen zu treffen - und Ähnlichkeiten zu entdecken. Sie kriechen aus ihrem Versteck, sobald wir unser eigenes verlassen, unsere Internetblase, unseren Stammtisch, unser Haus. Sobald wir an die frische Luft gehen und Zufallsmenschen treffen. Ali Can zum Beispiel kam als Asylsuchender nach Deutschland, heute betreibt er die "Hotline für besorgte Bürger". Er berichtet, wie er auf Pegida-Demonstranten nicht mit Belehrungen zugeht, sondern mit Schokolade. Ein Stück Schokolade verbindet, es kam zu Gesprächen, die auch Ali Cans Meinung über die Demonstranten verändert haben.

Die Arbeitswelt beschäftigt sich schon lange mit Diversität. Viele Arbeitgeber legen heute Wert darauf, dass sich in ihnen Unternehmen unterschiedliche Geschlechter, Altersgruppen, Nationalitäten, sexuelle Orientierungen mischen - das soll die gesamte Gesellschaft abbilden. Und einen realistischen Blick schaffen, der die Arbeitsergebnisse verbessert. Nebenbei ermöglicht diese Zufallsgemeinschaft, Menschen kennenzulernen, die anders sind. Allerdings berücksichtigt praktisch kein Diversity-Konzept unterschiedliche Meinungen. "Wir legen Wert darauf, dass in der Belegschaft möglichst viele unterschiedliche politische Richtungen vertreten sind" - solche Aussagen hört man eher nicht.

Ein anderer Glaube? Okay. Eine andere Meinung? Bloß nicht!

Eine Infas-Umfrage im Auftrag der Zeit liefert dazu passende Ergebnisse. Sie ermittelte, ob bestimmte Personengruppen für die Befragten zum "Wir" gehören oder nicht. Die Antworten: Menschen anderer Religionen gehören für 82 Prozent der Befragten dazu. Homosexuelle für 80 Prozent. Menschen mit einem ganz anderen Lebensstil halten 73 Prozent für einen Teil der eigenen Gemeinschaft, Ausländer und Migranten 72 Prozent, Flüchtlinge 71 Prozent. Dann kommt eine Weile nichts. Das Schlusslicht bilden "Menschen, mit deren politischer Einstellung Sie nicht einverstanden sind". Sie zählen nur für 62 Prozent der Befragten zum "Wir". Mehr als jeder Dritte sieht sie nicht als Teil einer gemeinsam erlebten Realität.

Ist das nicht verrückt? Wir haben den Umgang mit unterschiedlichen Religionen, Kulturen, Geschlechtern, sexuellen Orientierungen gelernt - aber unterschiedliche Meinungen scheinen viele zu überfordern. Dabei wäre gerade diese Mischung wichtig, um die Gesellschaft wirklich abzubilden. Und um Menschen zusammenzubringen, die sonst nicht aufeinandertreffen.

Das gilt für das Arbeitsleben, aber nicht nur. Ein Demokrat geht nicht immer nur in die Luft, sondern auch mal an die Luft. Er sucht Zufall und Überraschung, denn sie haben Zauberkraft. Er achtet darauf, dass er und seine Familie mit Menschen Kontakt haben, die das Gegenteil denken: am Arbeitsplatz, in Sportvereinen, bei Nachbarschaftstreffen, in Kitas, bei Spielplatzfreundschaften. Er weiß, dass es viel zu reden gibt, vor allem über andere Dinge. Und unzählige Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Mit dem bisschen Unterschied kommt er dann schon zurecht.

Volker Kitz ist internationaler Bestsellerautor, Redner zu Themen aus Psychologie, Recht und Arbeit und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Dieser Text basiert auf seinem aktuellen Buch "Meinungsfreiheit! Demokratie für Fortgeschrittene". www.volkerkitz.com 

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