Jens-Uwe Meyer

Buzzwords, Marketing und coole Titel So werden Sie zum digitalen Schaumschläger

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Der neue Digital Consultant schaut Ihnen tief in die Augen und sagt mit fester Stimme: "Wenn Sie keine KPIs für Ihre Cloud-based Services definieren, sind Sie zwar Technology driven, aber Sie haben kein Value Generation Mindset. Logisch, oder?" Alle Anwesenden im Raum nicken betreten. Der Vorstand schaut mit strenger Miene in die Runde. Die Buzzwords haben gesessen. Willkommen im Reich der digitalen Schaumschläger!

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Seit vier Jahren bin ich durch Keynotes zur digitalen Disruption  und meinem Unternehmen, das Innovationsmanagement-Software entwickelt , direkt mit dem modernen Schauspiel der digitalen Transformation konfrontiert. Die Hauptdarsteller: Unmengen an selbsternannten Digital Experts und Menschen mit abenteuerlichen Visitenkarten.

Ich habe Senior Digital Consultants getroffen, die abenteuerliche Titel wie "Director Garage" (eine Anspielung auf Garagen, in denen Silicon Valley-Start-ups entstanden) tragen, aber unfähig sind, sich selbst zu organisieren und einen digitalen Terminkalender zu verwalten. Ein "Chief Acceleration Officer" brauchte drei Wochen, um eine E-Mail zu beantworten. Und ein "Business Incubation Consultant" schien geradewegs selbst aus dem Brutkasten zu kommen, so jung war er.

Wie schaffen es all die vielen Consultants und selbsternannten Digital-Propheten, dass so viele Menschen kritiklos an das glauben, was sie sagen? Und dafür auch noch viel Geld bezahlen? Sie nutzen vier einfache Tricks, die Sie in diesem Artikel kennenlernen werden. Damit können Sie ab sofort digitale Schaumschläger entlarven - oder selbst zu einem werden. Je nachdem.

Trick 1: Buzzwords lernen und anwenden!

"Bei der Etablierung einer Digital Value Chain müssen Sie den Fokus auf die Customer Journey legen." Geiler Satz, oder? Heißt nichts anderes als: "Wenn Sie was verkaufen wollen, dürfen Sie Ihren Kunden nicht vor den Kopf stoßen." Weiß jeder Ladenbesitzer. Mit einem hässlichen Schaufenster und unfreundlichem Personal verkauft man nix. Klingt digital aber viel schöner.

"Sie müssen Influencer Marketing durch Analytics unterstützen und auf die Conversion achten. Ansonsten investieren Sie lieber in eine gute CTA." Heißt zu Deutsch: "Glauben Sie nicht jedem, der auf Youtube mit vier Millionen Followern wirbt. Manche von denen sind ungefähr glaubwürdig wie die Social Bots, die Werbung für Donald Trumps gemacht haben."

"Sie brauchen eine Value Proposition für Big Data. Achten Sie darauf, dass sie agile ist." Heißt nichts weiter als: "Nicht nur blind Daten sammeln, sondern ab und zu mal darüber nachdenken, ob man damit auch Geld verdienen kann. Und wenn es nicht klappt: Einfach nochmal probieren."

Mit diesen Buzzwords im Gepäck kommen Sie schon sehr weit. Sie allein helfen Ihnen aber nichts, wenn Sie Ihre eigene Wichtigkeit nicht glaubwürdig darstellen können, sprich: wenn Sie keine coole Visitenkarte haben. Schon reingefallen: Visitenkarten sind natürlich out. Sie brauchen einen coolen Titel auf Ihrem LinkedIn-Profil.

Trick 2: Geben Sie sich einen coolen Jobtitel!

Geht ganz einfach: Sie brauchen drei Spalten einer Excel-Tabelle (bloß kein Papier!) oder einer entsprechenden coolen Cloud-Lösung.

- In die linke Spalte tragen Sie alle Berufstitel ein, die Ihnen einfallen: Specialist, Engineer, irgendwas mit "C" am Anfang (CTO, CDO - Achtung, nicht CDU!), Expert, Consultant, Developer etc.

- In die mittlere Spalte nehmen Sie beliebig viele Begriffe, die Ihnen im Zusammenhang mit Digitalisierung einfallen. Die Garage als Anspielung auf das Silicon Valley hatten wir bereits. Innovation Lab, Accelerator, Hacks, Vision, Co-working, Start-up, Technology, Big Data, Gamification, Growth Hack, viral, Clickability, Analysis etc.

- In die dritte Spalte tragen Sie jetzt noch ein, in welcher Form Sie gerne tätig sind: Leading, Social, Cooperation, Director, Senior etc.

Jetzt können sie Ihren neuen Jobtitel nach Belieben zusammenstellen - oder vom Zufallsgenerator kreieren lassen. Und schon ist er fertig: der Chief Accelerator Engineer, der Leading Start-up Cooperation Specialist oder der Senior Growth Hack Developer. Achten Sie bitte bei der Erfindung Ihres neuen Jobtitels nur darauf, dass Sie nicht aus Versehen bei einem Vision Clearance Engineer landen. Das ist Englisch und steht für Fensterputzer. Auch Digital Facility Manager könnte falsche Assoziationen auslösen, der Facility Manager ist meist der Hausmeister. Nun müssen Sie nur noch an Ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten.

Mit ein bisschen Fantasie

Trick 3: Geben Sie sich einen digitalen Lebenslauf!

Sie sind bereits über 40? Dumm gelaufen. Damit waren die meisten hochtrabenden Studiengänge zum Thema Digitalisierung noch gar nicht existent, als Sie Ihre Ausbildung absolviert haben. Ein Gärtner lernte noch Gärten zu pflegen und nicht 3D-Modelle für Gartenkunden zu entwickeln. Macht aber nichts. Mit ein bisschen Fantasie können Sie aus einem ganz normalen Lebenslauf eine glaubwürdige digitale Vergangenheit zaubern.

Als Sie fünfzehn waren, gab es bei Ihnen zu Hause den ersten Internetanschluss? Sie versuchten sich über Ihr altes schepperndes Modem abwechselnd bei T-Online und AOL einzuwählen? Und Sie haben fluchend aufgegeben, weil die Übertragung jeder Webseite länger dauerte als eine komplette Ausgabe des manager magazins zu lesen? Sie haben den Schrott damals einfach in die Ecke gefeuert und laut gerufen: "Damit will ich nichts zu tun haben"? Vollkommen falsch!

Erinnern Sie sich daran, dass Sie damals eine E-Mail an einen alten Schulfreund schrieben? Und ihm eine Briefmarke aus Ihrer Sammlung für 5 Euro anboten? Und er schrieb per Mail zurück: "Gekauft"? Richtig! Sie waren ein Pionier im E-Commerce. Und Sie haben damals bereits - als die meisten anderen das Modem fluchend in die Ecke warfen - das Potential dieser neuen Technologie erkannt.

In Ihrer Ausbildung haben Sie Texte auf Diskette gespeichert? Wow! Sehr früh war Ihnen klar, dass die digitale Transformation Bildung und Ausbildung radikal verändern wird. Prüfen Sie bitte Ihre Abschlusszeugnisse von der Fachhochschule oder der Universität noch einmal ganz genau. Findet sich darin irgendwo das Wort digital? Falls nicht: Irgendetwas, was man im weitesten Sinne als digital interpretieren könnte? Können Sie vor irgendwelche Arbeiten, die Sie verfassten haben, das Wort Digitalisierung stellen oder den Halbsatz "in Zeiten der Digitalisierung" anhängen?

Übrigens: Ihr sechsmonatiger Aufenthalt in einem israelischen Kibbuz, wo Sie verzweifelt versucht haben, sich selbst zu finden, war natürlich in Wirklichkeit eine digitale Bildungsreise zum Hotspot der Digitalisierung. Sie haben aus Kostengründen nachts im Kibbuz geschlafen und waren tagsüber Teil des early Tel Aviv Digital Spirit.

Fazit: Digitalisierung ist uncooler als viele denken

Mein persönliches Fazit aus fünf Jahren Softwareentwicklung und -vermarktung: Digitalisierung ist in erster Linie Knochenarbeit. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viele Stunden ich mit Jira, einem Projektmanagementsystem für Programmierer, verbringe und Funktionen genauestens beschreibe. Für die meisten Menschen, die Einblick in unsere Arbeit bekommen, ist es unvorstellbar, dass man zwei Stunden in Meetings nur damit verbringt, über die Position eines Buttons nachzudenken.

Ich habe hunderte von Diskussionen geführt, bei denen die Hälfte des Teams (inklusive Entwickler) am Anfang nicht genau wusste, was wir eigentlich diskutieren. Weil es schlicht und ergreifend niemand wusste. Oder können Sie fehlerfrei mitreden, wenn es um die Frage geht, welche Konsequenzen die Umstellung von Bootstrap auf Materialize CSS für die Funktionen einer Software hat?

Digitalisierung ist am Ende vor allem eines: Handwerk. Ich weiß nicht, wer jemals auf die Idee kam, dass die Teilnahme eines Vorstands an einem Start-up-Pitching auch nur ansatzweise etwas mit Digitalisierung zu tun hat. Das ist wie ins Kino gehen. Sie sind digitaler Konsument. Dann könnten Sie sich auch gleich den Facebook-Film anschauen - und anschließend als Chief Digital Consumer (CDC) Unternehmen beraten.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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