Wer besonders schlau ist, ist besonders gefährdet Die schlimmsten Denkfehler

Der Hund sieht gefährlicher aus als er ist: Das Gebiss ist ein umgeschnallter Maulkorb

Der Hund sieht gefährlicher aus als er ist: Das Gebiss ist ein umgeschnallter Maulkorb

Foto: ILYA NAYMUSHIN/ REUTERS

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Geheimnis der Psyche" von Leon Windscheid, in dem der Autor die Mechanismen analysiert, die unser Handeln oft unbewusst bestimmen. Der 29-jährige Psychologe hatte bereits als Schüler sein erstes Unternehmen gegründet. 2015 gewann er in Günther Jauchs Fernsehshow "Wer wird Millionär" eine Million - und führt das auf seine Überzeugung zurück, dass man mit dem richtigen Training (fast) alles erreichen kann. Seinen Text über falschen Umgang mit Kosten finden Sie hier- und hier den über die Kunst des richtigen Verhandelns mit Dönerkönigen und Autohändlern. Außerdem: Wie soziales Faulenzen ganze Teams lahmlegen kann. Und hier, warum Selbstüberschätzung super ist.

Dieses Kapitel beginnt mit einer einfachen Rechenaufgabe auf Grundschulniveau. Stellen Sie sich vor: Eine Kugel Eis mit Schokostreuseln kostet 1,10 Euro. Die Kugel Eis kostet einen Euro mehr als die Schokostreusel. Wie teuer sind die Schokostreusel? Einfach, oder? 10 Cent natürlich. Die Antwort springt unser Hirn förmlich an.

Sie stimmt aber nicht. Die Kugel Eis soll einen Euro mehr kosten als die Schokostreusel. Wenn die 10 Cent kosten, muss die Kugel 1,10 Euro kosten. Macht dann zusammen plötzlich 1,20 Euro. 10 Cent ist also falsch. Die richtige Antwort wäre 5 Cent für die Streusel. Dann kostet die Kugel Eis 1,05 Euro. Das macht einen Euro Differenz und zusammen 1,10 Euro - wie eingangs gefordert. Aber keine Angst, wenn auch Ihre erste Lösung 10 Cent für die Streusel war. Es ist vollkommen normal, direkt an 10 Cent zu denken.

Die Aufgabe, die ich Ihnen gestellt habe, geht zurück auf Professor Shane Frederick, einen berühmten US-Ökonom. Frederick entwickelte einen kognitiven Reflexionstest, aus dem ich die Aufgabe mit dem Eis leicht abgewandelt übernommen habe. Der von Frederick entwickelte Test ist ein Maß für unsere Fähigkeit, reflektiert über ein Problem nachzudenken. Unsere Gedanken sind oft unlogisch und unser Hirn ist sehr anfällig für Illusionen und Irrationalitäten. Statt über alles sinnvoll nachzudenken, verlieren wir uns in Denkfehlern verschiedenster Art.

Wenn man als Psychologiestudent nicht wirklich jede Vorlesung schwänzt, kommt man nicht umhin, im Verlauf des Studiums so viele Fallstricke im Gehirn kennenzulernen, dass es einem manchmal ganz schummerig vor Augen wird. Vor dem Hintergrund all der Gedankenfehler, die wir am laufenden Band produzieren, finde ich es immer wieder beachtlich, wie weit die Menschheit es dann doch gebracht hat. Denn: Nicht nur, dass wir Gedankenfehler machen - obendrein haben wir auch noch ein gestörtes Verhältnis zu diesen Fehlern.

Die toten Winkel unserer Selbstwahrnehmung

Fotostrecke

Positives Denken: So tricksen Sie die Negativ-Fallen im Gehirn aus

Foto: Maurizio Gambarini/ picture alliance / dpa

Sie sind vermutlich kein Arzt. Aber stellen Sie sich doch für einen Moment vor, Sie wären einer. Sagen wir Dermatologe. Sie hätten eine gut laufende Praxis direkt in der Innenstadt und von juckender Schuppenflechte bis zum ungeliebten Fußpilz könnten Sie alles aus dem Effeff behandeln. Mehrmals im Jahr bekämen Sie Besuch vom Vertreter eines Pharmakonzerns. Der Vertreter ist sehr nett und höflich.

In seinem Koffer schleppt er stets die neuesten Puder und Salben aus seinem Hause an. Deren vermeintlich fantastische Wirkung beschreibt er Ihnen stets voller Enthusiasmus. Zum Abschied lässt er Ihnen immer ein paar Proben und Hochglanzprospekte da.

Das Ziel des Ganzen ist Ihnen vollkommen klar. Der Pharmakonzern schickt den netten Herrn im Anzug, damit Sie dem nächsten Gürtelrose-Patienten eine Creme von ebendiesem Konzern verschreiben, deren tolle Wirkung der Vertreter Ihnen so ausführlich erläutert hatte. Was würden Sie schätzen: Wie empfänglich wären Sie als Arzt für diese Art von Werbung? Würden Sie im Vergleich zu Ihren Kollegen eher stärker oder schwächer anschlagen?

Wenn man die Ergebnisse einer großen Studie aus den USA auf diese Frage überträgt, lautet die Antwort der meisten wie folgt: "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele Kollegen auf so was reinfallen. Ich selbst aber mit Sicherheit nicht." Von den 661 Amerikanern, die in der Studie befragt wurden, gab ein einziger an, im Vergleich zu seinen Landsleuten nur unterdurchschnittlich immun gegen typische Gedankenfehler und psychologische Effekte zu sein wie die, die in diesem Buch schon entlarvt wurden - das Framing oder dieSunk Cost Fallacy zum Beispiel.

Diese törichte Annahme bezeichnet man in der Psychologie als "Bias blind spot" - einen toten Winkel in unserer Wahrnehmung. Während wir bei anderen immer wieder Verhaltensweisen beobachten, die Gedankenfehlern unterliegen, sprechen wir uns selbst davon frei. Oder anders gesagt: Wir sind blind für die kleinen Fehler unseres Hirns.

Wir attestieren uns selbst eine objektive Wahrnehmung

Für diese verzerrte Sichtweise werden zwei Phänomene verantwortlich gemacht: die "introspektive Illusion" und der "naive Realismus ". Was sich anhört wie Begriffe aus den Kunstwissenschaften, sind selbst zwei Gedankenfehler. Die introspektive Illusion entsteht, weil wir das Ausmaß an Gedankenfehlern in unserem eigenen Verhalten durch Introspektion analysieren. Wir richten den Blick also nach innen. Das hört sich dann in etwa so an: "Ich finde George Clooney attraktiv. Aber ich erinnere mich an keine einzige Situation, in der das mein Verhalten auch nur im Geringsten beeinflusst hätte."

So oder ähnlich mag Ihre Freundin von sich denken. Die Rechnung hat sie allerdings ohne den Wirt gemacht. Erinnern Sie sich an den Werbespot mit dem schönen Hollywood-Star, in dem er Kaffeemaschinen bewirbt? Wenn diese Freundin also mit einer neuen Kaffeekapselmaschine nach Hause kommt, schweigen Sie lieber - aber denken: "Sieh an, die fällt auch wirklich auf jeden Werbespot rein."

Die Annahme, dass der Bias blind spot durch naiven Realismus entsteht, geht in eine ähnliche Richtung. Der Kerngedanke des naiven Realismus ist die Überzeugung, dass wir die Dinge und das Geschehen um uns herum genau so wahrnehmen, wie sie sind. Oder anders gesagt: Wir attestieren uns selbst eine objektive Wahrnehmung. Das ist natürlich Unfug, wie Sie nun wissen. Allerdings führt ebendiese Annahme auch dazu, dass wir davon ausgehen, von Gedankenfehlern frei zu sein.

Das Spannende am Bias blind spot ist, dass kognitive Fähigkeiten keineswegs vor dem toten Winkel in unserer Gedankenfehlerwahrnehmung schützen. Im Gegenteil. Wenn es überhaupt einen Zusammenhang gibt, so zeigen Studien, sind die Intelligenten unter uns besonders blind.

Forscher erklären sich das so: Wer besonders schlau ist, ist sich seiner intellektuellen Überlegenheit vermutlich auch bewusst und geht so davon aus, andere in den meisten Anforderungen an unser Hirn zu übertreffen. Da das Umschiffen von Gedankenfehlern auch eine Anforderung an unseren Denkapparat darstellt, gehen die Schlauen fälschlicherweise davon aus, auch hier zu glänzen. Sie merken immer mehr, dass überall Gedankenfehler drinstecken.

Und so wird selbst die Entstehung des Gedankenfehlers vom toten Winkel durch zwei andere Gedankenfehler erklärt. Für mich ist jeder Gedankenfehler hoch spannend, weil man ihn oft, schaut man genauer hin, auch bei sich selbst wiederfindet. Der Bias blind spot hingegen ist von Natur aus sehr scheu und nur extrem schwer zu entdecken. Deshalb war ich begeistert, als ich das erste Mal von der Matheaufgabe mit dem Eis und den Schokostreuseln las.

Wenn Sie jemanden kennen, der sich selbst von Gedankenfehlern freisprechen würde, stellen Sie ihm diese Aufgabe. Wichtig ist, dass man den anderen nicht argwöhnisch werden lässt. Leiten Sie ein mit: "Die Aufgabe ist kinderleicht …" Ich finde, dass man so sehr schön aufzeigen kann, dass wir alle Opfer von Gedankenfehlern sind und uns stets auch an die eigene Nase fassen müssen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.