Montag, 22. Juli 2019

Sprachen lernen am Strand So sichern Sie sich Bildungsurlaub - bei voller Bezahlung

Patrick Seeger / DPA

In den meisten Bundesländern gibt es großzügige Regelungen für Bildungsurlaub - doch sie werden kaum genutzt. Dabei gibt es äußerst attraktive Angebote, bei denen der Spaßaspekt nicht zu kurz kommt. Und das bei voller Bezahlung.

Urlaubszeit - die einen faulenzen am Strand, die anderen treibt es zu sportlichen Höchstleistungen in die Berge, wieder andere nutzen die Ferienzeit zur Horizonterweiterung und befassen sich mit Architektur, Kunst und Gesellschaft anderer Länder. Die wenigsten Urlauber wissen hingegen, dass sie zusätzlich einen Anspruch auf Bildungsurlaub haben - zumindest die allermeisten.

Bildungsurlaub ist, wie das Schulwesen, Ländersache und deshalb sind die Voraussetzungen und Dauer des Bildungsurlaubs von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. In Bayern und in Sachsen gibt es kein Anrecht auf Weiterbildung auf Kosten des Arbeitgebers, im Saarland wird Bildung kleingeschrieben, hier werden nur drei Fortbildungstage pro Jahr gewährt.

Stefan Nägele
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    Stefan Nägele ist Arbeitsrechtler und als Anwalt spezialisiert auf Themen der Managerhaftung und der Compliance.

In allen anderen Bundesländern sind es fünf Tage. In einer Reihe von Ländern besteht die Möglichkeit, den Bildungsurlaub aus zwei Jahren zusammenzufassen, so dass immerhin zwei volle Arbeitswochen für Bildungszwecke eingesetzt werden können. Das Gute daran: Der Arbeitgeber muss den Mitarbeitern während dieser Zeit ihre Vergütung weiter zahlen.

Der Yoga-Kurs als berufliche Bildung

Damit ein Arbeitnehmer Bildungsurlaub beanspruchen kann, muss er nachweisen, dass der Urlaub der beruflichen oder der politischen Weiterbildung dient. Mit einem Hinweis an den Chef, am Strand ein politisches Buch zu lesen, ist es allerdings nicht getan. Bildungsurlaub gibt es nur für diejenigen, die an einer Weiterbildungsveranstaltung einer anerkannten Bildungseinrichtung teilnehmen.

Natürlich haben sich auch Gerichte bereits mit der Frage auseinandersetzen müssen, was ein anerkannter Bildungsträger ist und welche Weiterbildungsangebote geeignet sind, einen Bildungsurlaub in Anspruch nehmen zu können. So entschied das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg vor wenigen Wochen, dass ein Yoga-Kurs einen Bildungsurlaub rechtfertigen kann.

Das Landesarbeitsgericht war der Auffassung, dass der fünftägige Kurs "Yoga 1" der beruflichen Weiterbildung diene. Der Kurs war geeignet, die Anpassungsfähigkeit und Selbstbehauptung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern unter den Bedingungen fortwährenden und sich beschleunigenden technischen und sozialen Wandels zu fördern.

Weniger großzügig urteilte das Arbeitsgericht Karlsruhe: Es hielt einen Französisch-Kurs für einen Bauingenieur, der bei der Stadt Karlsruhe angestellt und dort im Bereich Hoch- und Gartenbau tätig war, für nicht berufsbezogen. Das Bundesarbeitsgericht erkannte dagegen in einem Urteil aus dem Jahr 2015 ein zweiwöchiges Seminar zum Thema "Weimarer Demokratie und faschistische Diktatur - Arbeitergeschichte im 20. Jahrhundert - Der Kampf um soziale Rechte" als Weiterbildungsveranstaltung an. Sie diene der politischen Bildung - und löse daher einen Anspruch auf bezahlten Urlaub aus.

Sprachen lernen am Strand - Sprachkurse stehen hoch im Kurs

Mehr Bezug zum politischen Alltag forderte das Verwaltungsgericht Hannover, das entschied, dass die Teilnahme am Seminar "Von Moses Mendelssohn zum Teufelsberg" nicht geeignet sei, Bildungsurlaub zu beanspruchen, obgleich der Teufelsberg als ein politisches Symbol an der innerdeutschen Grenze herhalten kann. Auf diesem aus Kriegsschutt aufgetürmten Berg in Berlin war bis zur Wiedervereinigung eine Abhöranlage der US-Armee installiert.

Sprachkurse stehen bei Bildungsurlaubern besonders hoch im Kurs, schließlich lassen sich dabei Lernen und Erholung gut kombinieren. Die zahlreichen Anbieter überbieten einander mit attraktiven Angeboten, Malta und Südafrika sind als Lernstandorte besonders gefragt. Aber auch Reisen nach Vilnius ("Litauen - Auf dem Weg in eine europäische Zukunft") oder ins polnische Lodz ("Lodz. Eine Stadt zwischen Industrialisierung, Holocaust und Avantgarde") lassen eine Anerkennung als Bildungsurlaub zu.

Wer es lieber beschaulich mag, bucht den Kurs "Holzbildhauerei für Anfänger" in Rheda-Wiedenbrück. In Hattingen können Sportbegeisterte mit dem Rad durchs Revier strampeln und dabei etwas zum Thema "Geschichte, Arbeit und Strukturwandel im Ruhrgebiet" lernen. An Fantasie fehlt es den anerkannten Bildungsanbietern jedenfalls nicht.

Gehalt wird weitergezahlt - und die Seminarkosten lassen sich absetzen

Das Schöne an dieser Art von Urlaub ist, dass das Gehalt weiterbezahlt wird. Über die Bildungsprämie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und sogenannte Bildungschecks kann zusätzlich ein Teil der entstehenden Kosten aufgefangen werden. Im Übrigen sind die Seminarkosten Werbungskosten und von der Steuer absetzbar - unter Umständen sogar die damit verbundenen Reisekosten.

Trotz derart großzügiger Rahmenbedingungen haben die bundesdeutschen Arbeitnehmer wenig Lust auf berufliche Bildung. Wenn man den wenigen Statistiken trauen darf, ist nur etwa ein Prozent aller sozialversicherungsrechtlich beschäftigten Arbeitnehmer an Bildungsurlaub interessiert. Das könnte zwei Gründe haben: Entweder fehlt es den meisten Beschäftigten schlicht an Wissen über die Möglichkeiten, Bildungsurlaub zu nehmen. Oder Bildung also solche ist schlicht nicht mehr sexy genug.

Stefan Nägele ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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