Sie suchen einen digitalresistenten Job? Werden Sie Prostituierte oder Bestatter!

Von Antje Neubauer
Foto: Andreas Arnold/ dpa

Bestatter müsste man sein. Oder aktiver Teil des horizontalen Gewerbes - jedenfalls wenn es um den Beruf der Zukunft geht. Beide Profile tauchen selten bis gar nicht in Überlegungen darüber auf, wie sich einzelne Berufsbilder angesichts der Digitalisierung entwickeln werden. Nicht ohne Grund: Sind doch die Tätigkeiten beider Berufsgruppen kaum automatisierbar, von administrativen Aufgaben wie dem Führen der Buchhaltung einmal abgesehen.

Antje Neubauer
Foto: Claudia Kempf

Antje Neubauer ist als Vorstandsmitglied bei "Generation CEO", dem Business Netzwerk für Frauen im Top-Management, verantwortlich für den Bereich Kommunikation. Begonnen hat sie ihre berufliche Laufbahn - nach einem Studium der Kommunikationswissenschaft, Anglistik und Psychologie - bei RWE Telliance, der Telekommunikationstochter des Essener Energiekonzerns. Heute ist sie Marketingchefin bei der Deutschen Bahn.

Okay, Cybersex ist neben dem Militär heute der größte Wachstumsmarkt für die Robotik, dennoch sind empathische, körperliche oder emotionale Dienstleistungen jenseits aller gesellschaftlichen und/oder moralischen Diskussionen ein Gebiet, auf dem Roboter den Menschen nur schwer ersetzen können wird. Prostitution gilt nicht ohne Grund als das älteste Gewerbe der Welt und wird es bleiben, weil es auch in digitalen Zeiten nur schwer substituierbar sein wird.

Jeder zweite Beruf verschwindet

Auch der Beruf des Bestatters wird sich in den nächsten Jahrzehnten als digitalresistent erweisen. Die Würde des Menschen auch nach dem Tod ist schwerlich durch eine maschinelle letzte Begleitung aufrecht zu erhalten. Kaum einen anderen Beruf bewertet der Job-Futuromat  - ein Internetportal des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das Aufschluss darüber gibt, wie automatisierbar einzelne Berufe sind - als derart zukunftssicher. Lediglich eine Tätigkeit, nämlich die Kenntnis über Särge und Sargausstattung, sei maschinell abbildbar. Ähnlich aussichtsreich sind Berufe wie Produktdesigner oder auch Lehrer. Hier stellt der Job-Futuromat fest, dass, Künstliche Intelligenz hin oder her, die meisten der damit verbundenen Tätigkeiten heute noch nicht automatisiert werden können.

In anderen Bereichen dagegen ist die Entwicklung dramatisch: Knapp die Hälfte aller Berufe in den USA werden mit zunehmender Digitalisierung verschwinden, so eine amerikanische Prognose aus dem Frühjahr 2017. Ähnlich sieht es auch in Deutschland aus. Alles, so der Kölner Digitalexperte und Berater Karl-Heinz Land, was automatisiert werden könne, werde in absehbarer Zeit mithilfe Künstlicher Intelligenz erledigt werden können. Allerdings geht es hierzulande bis 2030 wohl nur etwa 35 Prozent aller Jobs an den Kragen, das jedenfalls prognostiziert eine neuere Studie von PricewaterhouseCoopers.

IT-Jobs sind nicht die Lösung

Berufe mit Zukunft? Klar, die gibt's auch. Zum Beispiel die IT und alles, was mit Programmieren und den Einsatzszenarien der intelligenten Helfer zu tun hat. Sollte man zumindest meinen, doch eine Studie des Beratungsunternehmens Antal, in der untersucht wurde, welche Berufe derzeit die besten Chancen haben, kommt zu überraschenden Ergebnissen. So schafft es die IT lediglich auf Platz 5 in der Rangliste der aussichtsreichsten Jobs. Auf Platz 1 landete - ausgerechnet - alles, was mit der Finanzbranche zu tun hat. Dazwischen bewegen sich Kreative ebenso wie Marketingexperten oder die C-Level-Manager großer Konzerne.

Zugegeben, die Berater liefern nicht mehr als eine Momentaufnahme, aber immerhin eine, die eine Richtung aufweist und zeigt, wo sich beruflich trotz aller digitalen Umwälzungen noch Chancen bieten. Ein IAB-Forschungsbericht geht sogar noch einen Schritt weiter und berechnet den Anteil der Routinetätigkeiten aller derzeit in Deutschland existierenden 3900 Berufe . Dafür zerlegten sie jedes Berufsbild in die jeweiligen Einzeltätigkeiten und kategorisierten diese wiederum nach fünf Typen.

Wo Maschinen versagen

Nicht überraschend kommt der Bericht zu dem Schluss, dass alle analytischen und interaktiven Nicht-Routinearbeiten kaum maschinell oder mittels künstlicher Intelligenz zu bewältigen seien. Hier kann die Digitalisierung in Form von automatisierter Unterstützung lediglich hilfreich assistieren, nicht aber übernehmen. Interessanterweise belegten die Forscher aber auch, dass manuelle Nicht-Routineaufgaben zumindest in den kommenden zehn Jahren digitalresistent sein werden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert ausgerechnet das derzeit so gehypte autonome Fahren: Bei einer ungesicherten Unfallstelle, die das einprogrammierte Rechtsfahrgebot aushebelt, weil die rechte Spur gesperrt ist, versagte die Maschine, weil sie schlicht nicht wusste, was zu tun war.

Insgesamt, so die Forscher des IAB, gebe es drei Funktionen, die die Technik - zumindest in naher Zukunft - nicht werde ersetzen können. Dazu gehören Wahrnehmung und Feinmotorik, kreative Intelligenz (etwa in der Kunst, im Produktdesign, bei gefragten kreativen Problemlösungen) sowie die soziale Intelligenz (nötig beispielsweise beim Verhandeln und Überzeugen). Natürlich gibt es inzwischen technische Entwicklungen, die auch hier maschinell einspringen könnten, etwa in der Pflege. So testet man in Japan derzeit Pflegeroboter, die dem Pflegepersonal etliche Routinehandgriffe abnehmen können. Auch in der Lehre übriges: Lernsoftware könnte zumindest die Nachhilfe in weiten Teilen ersetzen.

Digitalresistenz ist möglich

Andererseits: Will man seinen an Demenz erkrankten Partner tatsächlich der pflegenden "Hand" eines Roboters überlassen? Ist die menschliche Komponente an dieser Stelle wirklich substituierbar? Und was passiert, wenn ein Netz- oder Stromausfall den Roboter handlungs- und bewegungsunfähig macht? Wer übernimmt dann die Verantwortung?

Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung überall dort an ihre Grenzen stößt, wo es menschlich wird, wo emotionale oder soziale Intelligenz gefragt ist, wo Nähe, Wärme, Empathie oder Emotionen zählen. Deshalb sollten wir unsere menschliche Überlegenheit nutzen und digitalresistent werden - und zwar überall, wo es nötig ist: in der Bildung, der Erziehung, der Pflege. Menschliches Miteinander findet nämlich in vielen Bereichen statt. Nicht nur bei Prostituierten und Bestattern.


Antje Neubauer ist Marketingchefin bei der Deutschen Bahn und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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