Neue Wege im Recruiting Warum Spitzensportler gute Manager sind

Von Sascha L. Schmidt
Oliver Kahn: Der ehemalige Nationaltorwart soll zum FC Bayern zurückkehren und dort Vorstandsmitglied werden

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Foto: DPA

Der Kampf um die besten Talente hat inzwischen alle Branchen erfasst. Überall suchen Unternehmen händeringend nach Nachwuchskräften für immer anspruchsvollere Tätigkeiten. Dabei konkurrieren sie nicht nur untereinander, sondern auch global mit Technologie-Giganten wie Google, Facebook oder Amazon. Deshalb stehen sich die Recruiting-Manager an den Top-Universitäten gegenseitig auf den Füßen.

Sascha L. Schmidt
Foto: Falco Peters

Sascha L. Schmidt  ist Lehrstuhlinhaber und Leiter des Center for Sports and Management (CSM)  an der WHU - Otto Beisheim School of Management. Dort widmet er sich der "Zukunft des Sports" als einem seiner zentralen Forschungsschwerpunkte. Zudem ist er akademischer Leiter der "SPOAC - Sports Business Academy by WHU" , die sich als Weiterbildungsinstitution für künftige Führungskräfte im Sportbusiness etabliert hat. Schmidt studierte, promovierte und habilitierte an den Universitäten Essen, Zürich, St. Gallen, der EBS Universität in Oestrich-Winkel sowie an der Harvard Business School in Boston und war danach Strategieberater bei McKinsey und Unternehmer.

Und der Bedarf an leistungsstarken Mitarbeitern wird in der Zukunft weiter steigen. Aufgrund der immer größer werdenden Konkurrenz sind Unternehmen gezwungen, ihre Rekrutierungsstrategien zu überdenken und neue Wege zu finden. Ein äußerst vielversprechendes, aber nur wenig beachtetes Segment wird dabei häufig außer Acht gelassen: ehemalige Spitzensportler. Dabei lohnt es sich gerade hier, genau hinzuschauen und zu investieren.

Engagement und Disziplin

Ehemalige Spitzensportler bringen viele der berufsrelevanten Persönlichkeitseigenschaften mit, nach denen in den Führungsetagen aller Industrien händeringend gesucht wird. Mit Unterstützung der Stiftung Deutsche Sporthilfe hat die Sports Business Academy der WHU (SPOAC) Persönlichkeitstests mit 299 aktiven und ehemaligen Spitzensportlern durchgeführt. Das Ergebnis: Sie zeichnen sich vor allem durch hohes Engagement und eiserne Disziplin aus - genau jene Eigenschaften, die für beruflichen Erfolg am wichtigsten sind. Diese perfekte Übereinstimmung zwischen dem Wunschprofil von Führungskräften und Eigenschaften von Spitzensportlern sollten Recruiter aufhorchen lassen.

Die Ergebnisse unserer SPOAC Sportbusiness-Studie zeigen außerdem deutliche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Athleten sowie zwischen Einzel- und Teamsportlern. So erweisen sich weibliche Athleten im Durchschnitt als kompromissbereiter und integrationsfähiger, und sie erzielen die besseren Resultate im Team. Der Faktor Stabilität ist bei Teamsportlern stärker ausgeprägt als bei Einzelsportlern. Teamsportler sind demnach gelassener, selbstbewusster und haben häufig eine höhere Frustrationstoleranz.

Nicht jeder Athlet passt zu jedem Job

Allein die Tatsache, dass ehemalige Athleten grundsätzlich Persönlichkeitseigenschaften mitbringen, die für den beruflichen Erfolg maßgeblich sind, reicht aber selbstverständlich nicht aus, um die besten Köpfe für das Unternehmen zu gewinnen. Es geht für Recruitingverantwortliche vielmehr darum, die passenden Kandidaten zu identifizieren und zu fördern, die den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Organisation gerecht werden können. Nur die wenigsten Spitzensportler werden mit allen notwendigen fachlichen und methodischen Kenntnissen ihre zweite berufliche Laufbahn beginnen. Sie müssen daher diverse Fähigkeiten und Fertigkeiten "on the job" erlernen oder sie sich in Weiterbildungsprogrammen aneignen.

In die berufliche Qualifikationen von Spitzensportlern zu investieren, zahlt sich für die Unternehmen aber in der Regel aus: Fehlende Kenntnisse lassen sich erwerben, zentrale Persönlichkeitseigenschaften können dagegen kaum oder nur über einen längeren Zeitraum verändert werden. Sprich: Tabellenkalkulationen kann man rasch lernen, Engagement und Disziplin eher nicht.

Spitzensportler können anstrengend sein

Die für Spitzensportler typischen Persönlichkeitsmerkmale können im Beruf aber auch hilfreich und hinderlich zugleich sein: Sportler sind durch Wettkampf geprägt und meistens sehr fokussiert auf die Erreichung ihrer Ziele. Die hoch ausgeprägte Leistungsorientierung (Engagement) kann im Job auch von Nachteil sein, wenn sie einen davon abhält, auf dem Weg zum Ziel nach links und rechts zu schauen und alternative Pfade abzuwägen.

Ähnlich verhält es sich auch bei der Disziplin. Die ermittelten Werte schaffen zwar Gewissheit, dass man ehemaligen Spitzensportlern in Unternehmen anspruchsvolle und fordernde Tätigkeiten bedenkenlos anvertrauen kann. Zuverlässig und gewissenhaft werden Themen analysiert, geplant und Projekte bis zum Ende abgearbeitet. Hohe Disziplin deutet aber auch auf ein ausgeprägtes persönliches Sicherheitsbedürfnis hin. So fällt es vielen Spitzensportlern nicht leicht, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen.

Eine attraktive Arbeitgebermarke schaffen

Hinzu kommt, dass Spitzensportler - gewöhnt an ständige Rückmeldungen von Trainings- und Wettkampfergebnissen - stets das Bedürfnis haben zu erfahren, wo sie leistungsmäßig stehen. Ständige Leistungsdialoge stehen allerdings in vielen Unternehmen nicht auf der Tagesordnung. In der Wirtschaftswelt sind individuelle Leistungen zudem selten vollständig objektiv messbar und vergleichbar, was zu Verunsicherung bei den Athleten führen kann. Nur einmal im Quartal in Feedbackgesprächen zu erfahren, wie Führungskräfte sie sehen und wie sie im Vergleich zu Kollegen dastehen, fällt vielen ehemaligen Spitzensportlern nicht leicht.

Die Fähigkeit, in Situationen mit hoher Komplexität und ohne eindeutige Zielvorgaben und Lösungswege handlungsfähig zu bleiben, sowie die Kompetenz, Aufgaben ausreichend intensiv zu bearbeiten, ohne sie immer bis ins letzte Detail durchdringen zu können, sind insbesondere in dynamischen Organisationen mit hoher Veränderungsgeschwindigkeit erfolgskritisch

Eine attraktive Arbeitgebermarke schaffen

So berichten Personalexperten, dass Spitzensportler in ihren Organisationen auf aktuelle Veränderungsprozesse mit vorübergehend ungeklärten Verantwortlichkeiten und offenen Managementfragen mit einer Einigelungstaktik reagieren. Statt Widersprüche, Grauzonen und unvollständige Prozesse vorübergehend als notwendiges Übel bei Veränderungen zu akzeptieren und situativ bestmögliche Entscheidungen zu treffen, versuchen die Spitzensportler, durch übermäßigen Arbeitseinsatz und Nachtschichten Handlungssicherheit zu gewinnen. Es fehlt ihnen an sogenannter Ambiguitätstoleranz.

Trotz solcher Schwächen können ehemalige Spitzensportler ein interessantes Talentreservoir sein. Um sie zu gewinnen, sollten sich Unternehmen als spannende Arbeitgebermarken positionieren, indem sie den Ex-Athleten ein attraktives Umfeld für persönliche und professionelle Entwicklung bieten. Eine offene und innovationsfördernde Kultur innerhalb des Unternehmens ist für diese Positionierung von großer Bedeutung. (Nachwuchs-) Führungskräfte suchen heute mehr denn je nach Freiraum, um ihre eigenen Ideen zu verwirklichen.

Wer bereit ist, sich den neuen Herausforderungen des Wettbewerbs um die besten Köpfe zu stellen, wird als Arbeitgebermarke davon profitieren - und dies gilt nicht nur in Bezug auf ehemalige Spitzensportler, sondern für alle zukünftigen Mitarbeiter.

Sascha L. Schmidt ist Professor an der WHU - Otto Beisheim School of Management und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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