Sonntag, 21. Juli 2019

Steuern auf Abfindungen Wie der Staat leitende Angestellte schröpft

Unterschreiben Sie hier: Nahezu die Hälfte der Abfindungssumme kassiert der Fiskus
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Unterschreiben Sie hier: Nahezu die Hälfte der Abfindungssumme kassiert der Fiskus

Viele deutsche Unternehmen scheinen ein neues Feindbild zu haben: den leitenden Angestellten. Reihenweise werden derzeit die Hierarchieebenen gestrafft, Leitungspositionen gestrichen - und dann Vorwände gesucht, um bei den fälligen Trennungen möglichst wenig zahlen zu müssen. Das gilt nicht nur für die Topetagen, sondern auch und gerade für das mittlere Management.

Christoph Abeln
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    Steffen Jänicke
    Christoph Abeln ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und auf die Vertretung von Führungskräften und leitenden Angestellten spezialisiert. Zuletzt erschien von ihm das "Handbuch für Führungskräfte", außerdem richtet seine Kanzlei jährlich den Führungskräftetag aus.
    www.abeln.de

So sind beispielsweise viele Banken dazu übergegangen, die Auszahlung der Boni für ihre Führungskräfte aufgrund der Regulierung für "Risk Taker" über drei, teilweise sogar über fünf Jahre zu stecken. Die Institutsvergütungsverordnung, nach der sich die Bezahlung der Banker richtet, lasse eine volle Auszahlung gar nicht mehr zu, so die fragwürdige Argumentation der Banken. In Wahrheit dürfte es vor allem darum gehen, die Boni im Falle einer Trennung nicht mehr in voller Höhe bei der Abfindung berücksichtigen zu müssen. So verwandelt sich der einstige Vorteil leitender Angestellter in ein Erpressungsargument.

Auch bei der betrieblichen Altersvorsorge setzen immer mehr Unternehmen den Rotstift an. Vorruhestands- oder Wartestands-Vereinbarungen werden kaum noch getroffen. Manche Firmen sind nicht einmal mehr bereit, die betriebliche Altersversorgung fortzuführen. Die Folge: Mitarbeiter werden drangsaliert und in Arbeitsgerichtsverfahren getrieben. So entstehen Versorgungslücken, die ohne weiteres sechsstellige Beträge erreichen.

Altersvorsorge wird wegbesteuert

Halb so wild, mögen viele denken, solche Nachteile und das höhere Risiko werden bei Führungskräften ja durch die satte Abfindung ausgeglichen, die der Arbeitgeber bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses zahlen muss. Doch wer das glaubt, hat die Rechnung ohne den Staat gemacht. Dieser verdient nämlich am Jobverlust eines jeden Managers prächtig mit, denn auf Abfindungen müssen hohe Steuern gezahlt werden: Nahezu die Hälfte der Abfindungssumme kassiert der Fiskus, daran ändert auch die sogenannte Fünftelungsregelung wenig, mit der außerordentliche Einkünfte im Steuerrecht begünstigt werden. Es ist geradezu absurd, dass eben jener Staat, der seit Jahren mehr Eigeninitiative in Sachen Altersvorsorge predigt, im Vorfeld die möglichen Mittel für mehr Eigenvorsorge wegbesteuert.

Das ist inakzeptabel - zumal in Zeiten, in denen die Nullzinspolitik dazu führt, dass Geldanlagen kaum Erträge bringen und Altersversorgungsansprüchen schleichend enteignet werden. Wenn die Alternative nicht nur Konsumverzicht und weiteres Sparen sein soll, ist staatliche Abhilfe nötig - und zwar, indem die Steuerfreibeträge für alle Arbeitnehmer wieder eingeführt werden. Das hieße mehr Eigeninitiative statt staatlicher Bevormundung, die Freibeträge könnten zum Ausgleich von Nachteilen in der Altersversorgung verwandt werden.

Denkbar wären gestaffelte Freibeträge sowohl für Abfindungen als auch für Vorruhestandsverträge, bei denen die Freibeträge dann entsprechend dem Lebensalter auf die Laufzeit umgelegt würden. Das könnte zum Beispiel so aussehen:

  • von 20 bis unter 30 Jahre: 24.000 Euro
  • von 30 bis unter 40 Jahre: 36.000 Euro
  • von 40 bis unter 50 Jahre: 48.000 Euro
  • von 50 bis unter 60 Jahre: 60.000 Euro

Spitzenbesteuerung durch die Hintertür

Eine revolutionäre Neuerung wäre das nicht: Der Fiskus würde damit an gestaffelten Freibeträge anknüpfen, die es bis 1998 bereits gab. Dieser Schritt zurück in die Zukunft wäre ein erster und wichtiger Schritt, die Steuerpolitik an die (erneut) geänderten Zeiten anzupassen und endlich von der unverhältnismäßigen Spitzenbesteuerung durch die Hintertür Abstand zu nehmen.

Es ist ja schon lange nicht mehr so, dass Manager finanziell aus dem Vollen schöpfen, wie hartnäckige Klischees behaupten: Die früher üppigen Boni schmelzen seit der Finanzkrise wie Eis in der Sonne. Auf einen Zielbonus von 40.000 Euro jährlich kommen weniger als die Hälfte aller Führungskräfte.

Weitestgehend eingespart wurden auch im Vorhinein vereinbarte großzügige Abfindungen und hoch dotierte Vorruhestandsverträge, die einst so manches vorzeitige und manchmal nicht ganz freiwillige Karriereende versüßten. Laufzeiten von acht Jahren waren kein großes Problem, die Anwartschaften auf betriebliche Altersversorgung wurden hoch verzinst und für Abfindungen gab es Freibeträge sowie eine ermäßigte Besteuerung. Und das Schönste: Meist winkte ohnehin schon der nächste Job.

Doch seit der Finanzkrise ist die Welt eine andere. Die Margen tendieren zum Teil gegen null und neue Geschäftsmodelle werden immer noch nur langsam gefunden und erschlossen. Stattdessen ist das Einzige was zu wachsen scheint die Mitarbeiterzahl in den Compliance-Abteilungen - nicht gerade die Cash Cows des Unternehmens. Damit sich Leistung für die wahren Leistungsträger wieder lohnt, wäre es an der Zeit, die nötigen Anreize auch wieder zu schaffen.

Christoph Abeln ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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