Heiner Thorborg

Generation Y Gesucht: Die Büro-Hängematte

Heiner Thorborg
Von Heiner Thorborg
Für die Generation Y sind Kumpels und Kids wichtiger als Geld und Karriere. Die Selbstüberschätzung einer ganzen Generation birgt hohe Risiken: Deutsche Uni-Absolventen könnten schon bald über viel unbezahlte Freizeit verfügen.
Generation "Why": Offenbar fragt sich eine ganze Generation von Nachwuchsakademikern, warum sie sich mit so etwas Altmodischem wie Karriere die Mühe machen soll

Generation "Why": Offenbar fragt sich eine ganze Generation von Nachwuchsakademikern, warum sie sich mit so etwas Altmodischem wie Karriere die Mühe machen soll

Foto: Cultura/Elli Thor Magnusson/ Getty Images

Das altehrwürdige Nazareth College in New York offeriert einer Philosophie-Studentin eine Stelle als Dozentin. Kein übles Angebot für eine unerfahrene Berufseinsteigerin, die in einer Fachrichtung qualifiziert ist, in der die Jobs nicht gerade unzählig sind.

Das finden fast alle - nur nicht die Kandidatin selber. Sie schreibt eine E-Mail ans College zurück, in der sie ein Gehalt von 65.000 Dollar fordert und ein Semester Mutterschaftsurlaub. Dazu bald ein Sabbatical. Nicht mehr als drei neue Klassen innerhalb der ersten drei Jahre. Und ein Eintrittsdatum im Jahr 2015, damit sie ihre derzeitige Forschung beenden kann.

Die Antwort des College ist vorhersehbar: Nein, Danke!

Nun könnte man meinen, dass hier eine vereinzelte junge Dame an Größenwahn leidet und schlicht zu hoch pokert. Wäre das so, gehörte dieser Fall als Anekdote abgeheftet. Leider jedoch steckt mehr dahinter: die Selbstüberschätzung einer ganzen Generation.

Ernst & Young hat die Zahlen dazu. Die Beratung befragte Uni-Absolventen nach den wichtigsten Werten in ihrem Leben: 74 Prozent nennen Familie und Freunde, 52 Prozent Erfolg und Karriere, fünf Prozent Genuss und Konsum und nur ein mageres Prozent will reich werden. Der Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth weiß, was das konkret für die Personalsituation im Betrieb bedeutet: "Die Bewerber fragen nicht mehr zuerst nach dem Dienstwagen, sondern nach Sabbaticals, Elternzeit und Kinderbetreuung."

Kurz: Geld ist out, Spaß mit Kumpels und Kids ist in.

Das Phänomen nennt sich Generation Y - wenn man den Buchstaben englisch ausspricht, wird "Why" daraus. Offenbar fragt sich eine ganze Generation von Nachwuchsakademikern, warum sie sich mit so etwas Altmodischem wie Karriere die Mühe machen soll.

Die hohen Ansprüche der Jungen

Wir, die Eltern dieser Leute, haben uns die Gleichgültigkeit der nächsten Generation gegenüber den Segnungen der Erwerbsarbeit auch selber zuzuschreiben. Mit unserem Geld sorgten wir dafür, dass es den lieben Kleinen an nichts fehlte. Und schon deswegen verspüren die nun keinen Hunger aufs Materielle.

Warum auch? Sie haben ja längst alles und noch viel mehr. Auch ist ihnen bewusst, dass sie eine Erbengeneration sind - früher oder später stellt sich der Reichtum, der heute so nebensächlich erscheint, ja ohnehin von alleine ein.

Die Erzeuger der verwöhnten "Whys" leiten heute nur leider auch die Unternehmen und deren Personalabteilungen und geben den hohen Ansprüchen der Jungen an ihre Freizeit in vielen Fällen auch noch nach. Oft schwingt fast Bewunderung mit, wenn die in Verantwortung ergrauten Unternehmenslenker über den Nachwuchs und den "Kampf um die Talente" reden.

Man müsse sich anpassen, heißt es, wenn man die nachwachsenden Köpfe fürs eigene Unternehmen gewinnen wolle und eben mehr bieten als einen sicheren Job, ein feines Gehalt, erstklassige Weiterbildung und gute Aufstiegschancen. Wenn ich das höre, frage ich mich innerlich oft: Ja, aber was? Die eigene Büro-Hängematte?

Wie man garantiert keine Karriere macht

Noch immer gilt: Lehrjahre sind keine Spaßjahre und wer im Leben was zu Sagen haben will, muss mehr und härter arbeiten als andere - das war immer schon so und wird sich auch nicht wirklich ändern. Viele Absolventen heute jedoch glauben, dass sei nur das vor-moderne Gequatsche alter Männer.

Tatsächlich haben wir ihnen zu lange und zu eindringlich eingeredet, dass der Nachwuchs in vielen Fällen knapp wird. Nun glaubt so manch ein Jung-Ingenieur er halte das Heft in der Hand und könne fordern, was er will.

Das könnte ins Auge gehen, denn die Wettbewerber der deutschen Absolventen sind heute nicht mehr ihre Kommilitonen, sondern die jungen Spanier, Italiener, Griechen und Chinesen. Deren Abschlüsse sind nicht schlechter als die der Deutschen, viele haben bereits im Ausland studiert und sind willig, sich auf neue Sprachen und Kulturen einzulassen.

Und vor allem haben diese jungen Menschen Lust auf Erfolg, Karriere und Geld. Laut OECD ist das wirtschaftlich robuste Deutschland inzwischen das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt nach den USA.

Verlockende Alternative für die Personalchefs

Experten von der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit sprechen gar von einem Boom in der Attraktivität unseres Landes. Der ist vor allem der Personenfreizügigkeit innerhalb der EU geschuldet, viele Zuzügler kommen aus dem ökonomisch schwer gebeutelten Süden Europas. Und wer heute hier antritt, ist keineswegs der wenig gebildete "Gastarbeiter" der Vergangenheit. Der Anteil der Akademiker liegt unter den Zuwanderern aus Europa mit 34 Prozent sogar höher als der unter den im Inland Geborenen mit 26 Prozent.

Die außereuropäischen Einwanderer gar weisen mit 38 Prozent von allen Gruppen den größten Anteil an Hochqualifizierten auf. Die Personalchefs, denen die "hofier mich"-Haltung der eigenen Generation Y sauer aufstößt, kriegen also gerade eine verlockende Alternative geboten.

Junge Deutsche, die heute gleich im Bewerbungsgespräch "individuelle Entwicklungsmöglichkeiten" möchten, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ebenso fordern wie Sonderurlaube und einen frühen Feierabend, könnten künftig tatsächlich über sehr, sehr viel Freizeit verfügen - unbezahlt natürlich.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.