"Ganz oben"-Autorin "Am liebsten hätten die mich raus"

Allein unter Männern: Mit ihrem Buch "Ganz oben" sorgt eine ungenannte Topmanagerin für Schlagzeilen. Im Gespräch mit manager magazin online berichtet Anonyma, wie sie sich in der Männerwelt durchgesetzt hat - und warum attraktive Frauen als Störfaktor und Führungsfrauen mit Kind als ungehörig empfunden werden.
Managerin: "Das gesamte Wahrnehmungsspektrum läuft auf die Beförderung von Männern hinaus"

Managerin: "Das gesamte Wahrnehmungsspektrum läuft auf die Beförderung von Männern hinaus"

Foto: Corbis

Eine Verabredung in einem Konferenzraum eines Business Hotels, viel Geschäftsmännergrau. Das Warten aber gilt einer Frau. Jener "Anonyma", über deren Identität viel gerätselt wird. Sie hat das Buch "Ganz oben" geschrieben, in dem sie "Aus dem Leben einer weiblichen Führungskraft" berichtet. Kaum auf dem Markt, waren die ersten beiden Auflagen schon ausverkauft. Am meisten scheint darüber die Autorin selbst überrascht zu sein. Im schwarzen Hosenanzug, weißen T-Shirt, auf solidem Schuhwerk betritt sie die anonyme Gesprächs-Parzelle; eine Frau, nicht mehr ganz jung und noch nicht im besten Alter, die Robustheit und Humor ausstrahlt. Lange habe sie gezögert, ihre Beschreibung persönlicher Beobachtungen und Erfahrungen einem Verlag zu schicken, immer leichte Zweifel hegend, wen solch individuelle Erlebnisse denn schon interessieren könnten.

Das Vorwort des rasanten Sellers schrieb Monika Schulz-Strelow, prominente Präsidentin des Vereins "Frauen in die Aufsichtsräte" (FidAR) und Urheberin des Women-on-Board-Index, der jährlich in Kooperation mit dem manager magazin erscheint und penibel genau auflistet, wie viel Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen angekommen sind. Anonyma ist darin nicht gelistet, sie ist auf der Hierarchie-Ebene eine Stufe unter dem Vorstand in einem großen Unternehmen, das jeder kenne, wie sie sagt. Und das Milliarden umsetzt.

mm: Die Vorkämpferin für mehr Frauen in den Vorstandsetagen und Aufsichtsräten, Monika Schulz-Strelow, hat für ihren beharrlichen Einsatz gerade vom Bundespräsidenten den Bundesverdienstorden überreicht bekommen. Das Thema wird jetzt also für politisch korrekt befunden und mit höchsten Weihen gesegnet. Im Vorwort zu Ihrem "Ganz Oben"-Report wünscht sie sich für Ihr nächstes Buch, Sie sollen mit Ihrem eigenen Namen dafür gerade stehen. Einverstanden?

Anonyma: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Dann bin ich nicht mehr lange in meinem Unternehmen, an so viel positive Veränderung glaube ich nicht.

mm: Wieso nicht? Sie machen nicht den Eindruck, dass Sie leicht einzuschüchtern sind.

Anonyma: Ich bin überhaupt kein Angsthase, im Gegenteil. Ich spreche oft Probleme so direkt an, dass man mir hinterher im Unternehmen zuraunt, 'das war ganz schön riskant'. Aber ich bin auch durch und durch Realist. Kommunikationsabteilungen akzeptieren nur positive Berichte, das Unternehmen soll nach außen in strahlendem Licht dastehen.

mm: Obschon alle wissen, dass die Wirklichkeit nicht so ist. Als Sie zum Beispiel schwanger waren, gratulierten Ihnen die Kollegen im Führungskreis und bedauerten gleichzeitig, dass es mit Ihrer glanzvollen Karriere nun vorbei sei. Sie haben aber weiter gemacht - und somit einen Lernprozess für alle eingeleitet?

Anonyma: Schön wär's. Das ist ein äußerst delikates Thema, bei dem ich sehr bittere Erfahrungen machen musste und nach wie vor mache. Am liebsten hätten die mich raus!

mm: Weil eine Führungsfrau mit Kind keine richtige Mutter und keine richtige Frau an der Spitze sein kann?

Anonyma: Das ist der Kern des Problems. Es passt nicht in das herrschende Weltbild, auch nicht dieser Männer. Ihre Äußerungen sind deshalb nicht denunziatorisch gemeint, sondern Ausdruck einer tiefen Verunsicherung - was will die eigentlich?

mm: Die Fakten sprechen doch für sich. Eine Frau mit Kind will beides, oder?

Anonyma: Das wird als ungehörig empfunden. Und natürlich ringt es auch allen Beteiligten Zugeständnisse ab, für eine gewisse Zeit zumindest.

mm: Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, alles auffliegen zu lassen?

Anonyma: Solche Momente verspüre ich tatsächlich. Aber dann frage ich mich, welche Konsequenzen das nach sich ziehen würde. Die wären nicht schön, weder für das Unternehmen noch für mich persönlich.

mm: Weil am Ende niemand die Nestbeschmutzerin mag?

Anonyma: So ist es. Und dann frage ich mich andersherum, warum sollte ich es tun? Nur um mir zu bestätigen: "Ich bin mutig?" Das fände ich schön blöd.

"Ich glaube nicht an Härte als Durchsetzungsfaktor"

mm: Empfinden Sie sich als Vorbild für andere Frauen?

Anonyma: Überhaupt nicht. Mein Buch polarisiert unter den Frauen ungemein. Interessant ist, dass gerade die Damen, die entweder Führungskraft sind oder es werden wollen, am lautesten schimpfen. Die halten mir vor, wo überall ich mich nicht richtig verhalte; die beten dann die Karriere-Lehrbücher herunter, in denen es klare Regeln gibt, wie man sich in welcher Situation zu verhalten hat; sie sagen, ich müsste souveräner und tougher sein, viel tougher.

mm: Tatsächlich wundert man sich, dass eine Frau, die es nach "ganz oben" geschafft hat, es nicht fertig bringen soll, den Chauffeursdienst in Anspruch zu nehmen oder sich gegenüber der für viel Geld engagierten Stylistin durchzusetzen, wie es Ihnen offensichtlich widerfahren ist. In der Lektüre findet man sich immer wieder als Gefangene von Klischees.

Anonyma: Mag sein, das liegt aber daran, dass Klischees nun mal die Wirklichkeit abbilden, nicht andersherum. Ganz davon abgesehen glaube ich nicht ans tough sein, an Härte als Durchsetzungsfaktor. Ich bin souverän, aber eben auf eine ganz andere Weise und natürlich verlangt der lange Marsch in die Führungsetage eine Menge Steh- und Durchhaltevermögen. Und ja, wenn ich heute mein Buch lese, dann habe ich auch meine Momente, in denen ich mich frage, warum habe ich mich da so zögerlich verhalten, da hätte ich doch viel schneller durchgreifen müssen. Aber ich will die Dinge im Nachhinein nicht schönen. Es war genauso widersprüchlich wie ich es beschreibe.

mm: Dann also die Gretchenfrage: Wie haben Sie es nach "ganz oben" geschafft, was haben Sie anders gemacht als die Frauen, die mit Ihnen am Start waren?

Anonyma: Das klingt jetzt wirklich banal. Ich habe nie das Ziel ausgerufen, Geschäftsführerin zu werden. Ich wollte den Job, den ich jeweils mache richtig gut hinbekommen. Im Nachhinein glaube ich, mein Geheimnis liegt darin, dass ich sehr entspannt war und, noch wichtiger, Männer unglaublich gern mag. Bitte keine erotischen Missverständnisse - aber ich bin einfach wahnsinnig gern mit Männern zusammen. Ich habe Spaß an den Erfahrungen mit Ihnen gehabt und war immer wieder erstaunt, wie anders die Welt doch aus ihrer Sicht aussieht. Und ganz bestimmt habe ich nie die toughe Frau rausgehängt oder bestimmte Aufgaben verweigert und mich auf meine Frauenrechte berufen.

mm: Fassen wir zusammen: Sie haben Ihren Ehrgeiz gut versteckt, um sich nicht als Konkurrentin zu outen und sind im Sandkasten der Machtspiele in die Rolle des guten Kumpel geschlüpft.

Anonyma: Das Kumpelhafte liegt mir, die Männer haben gemerkt, das ist echt. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, aber irgendwann spürte ich, die haben mich akzeptiert, die betrachten mich als ihresgleichen. Ich habe mich natürlich nicht aufgeplustert wie Männer das untereinander veranstalten, bin eher zurückhaltend geblieben. Aber irgendwann haben sie mich am Ende ihrer Hahnenkämpfe von selbst gefragt, 'wie siehst du das?', weil sie schon die Erfahrung machten, dass von mir gute Vorschläge kamen. Aber meine Kompetenzen waren nicht herausragender als die anderer Frauen. Ich habe meinen Aufstieg dem guten Verhältnis zu Männern zu verdanken.

mm: Ihr Frausein ist dann als lästiges Manko in Kauf genommen worden?

Anonyma: Aus diesem Stoff lässt sich kein Ratgeber schreiben, aber so ähnlich war es wohl. Allerdings sollten Frauen nie den Fehler machen zu denken, eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. Nichts wäre falscher. Bei Frauen kommt es extrem auf das Äußere an. Eine sehr gut aussehende Frau etwa, nach der sich alle Männer umdrehen, ist zwar als erotische Beute wahnsinnig interessant für das männliche Ego, aber im Unternehmensalltag und am Konferenztisch ein Störfaktor, von dem sich die Männer abgelenkt, womöglich gar belästigt fühlen.

"Wenn Frauen aggressiv werden, ist das ihr Karriere-Ende"

mm: Dann also doch ein guter, wenn auch trauriger Rat an die Frauen - macht euch als Aschenputtel auf den Weg zum Karrieregipfel?

Anonyma: Das ist zumindest nicht falsch. Bei mir gab es nie Zweifel, dass ich mich durchsetzen und Grobheiten gut wegstecken kann. Ich kann auch austeilen, mit feiner Ironie, ohne in den Verdacht zu geraten, zickig zu sein. Ich bin 1,75 und stabil gebaut; wenn ich vor Publikum stehe und präsentiere, bin ich nicht zu übersehen. Auch meine Stimme ist kräftig. Bei Männern ist es nicht so wichtig ob einer klein oder groß ist, blond oder brünett - hinter jedem Mann wird zunächst automatisch Durchsetzungskraft gesehen, egal ob sie da ist oder nicht.

mm: Stimmt es, dass Männer in der Arena der Alphatiere auch ein größeres Verhaltensspektrum ausleben dürfen - ihnen steht, wenn sie nicht zu sehr übertreiben, alles gut: sie dürfen aggressiv sein, dürfen toben und Sachlichkeit bis zur Eiseskälte praktizieren?

Anonyma: Absolut. Da gibt es keine Grenzen, außer denen des guten Geschmacks. Hingegen sind Sprache, Stimme, Gesten, Körpereinsatz, Umgangston für die Frauen das große Territorium der Bewährung. Wehe, eine wird zu laut oder zu fordernd oder rastet aus. Ich habe öfter als einmal sehr tüchtige Frauen gesehen, die vermeintlich aggressiv wurden, und das war ihr Karriere-Ende. Es kommt auch häufig vor, dass eine nur sehr deutlich die Dinge einfordert, die verabredet wurden, das empfinden die Männer sehr schnell als aggressiv.

mm: In der Spitze ähnelt die deutsche Wirtschaft einem Club, in dem Frauen kaum vertreten sind. Wenn man den öffentlichen Verlautbarungen glauben darf, sehr zum Leidwesen der Führungsmänner. Sie sind in diesem Club und behaupten, Frauen seien da gar nicht erwünscht. An was machen Sie das fest?

Anonyma: Seit ich Mutter bin, empfinde ich diesen Club als gnadenlose männliche Bastion. Aber schon vorher konnte ich an den Gesprächen und an der Art wie sie geführt werden eindeutig feststellen, dass das gesamte Wahrnehmungsspektrum auf die Beförderung der Männer hinausläuft. Das sind einfach Vorlieben, die die Männer verbinden. Frauen kommen ohne größere Probleme bis ins Mittelmanagement und dann kommen die unüberwindbaren Hürden. Dann sind sie Mitte 30 und dann wird nach der Familienplanung gefragt.

mm: Eine Frau im gebärfähigen Alter wird betrachtet wie eine griechische Staatsanleihe, sagte uns jüngst eine aufstiegsfreudige Jungmanagerin. Sie behaupten, eine Frau, die nach oben will, darf bis 40 nicht, aber ab 40 muss sie verheiratet sein. Wie haben Sie diese gefährlichen Karriereklippen umschifft?

Anonyma: Ich hatte das Glück, dass man mir eine Familie nicht zugetraut hat. Es ist doch sehr schwer für einen Mann in Deutschland, neben einer Frau, die Karriere macht, zu bestehen. Schon wegen des Gehaltunterschieds. Da wird durchaus mal gefragt: "Na, wie lebt es sich von dem Geld deiner Frau?" Wie soll ein Mann das aushalten? Bei mir ist eine langjährige Beziehung daran zerbrochen.

"Eine mächtige Frau ist für einen Mann unbrauchbar"

mm: Männer mit Macht versprühen erotische Strahlkraft. Gilt das anders herum auch?

Anonyma: Ganz und gar nicht. Annäherungsversuche von Männern laufen eher nach dem Motto: "Mal sehen, ob ich die für eine Nacht knacken kann". Für den Alltag ist eine mächtige Frau für einen Mann unbrauchbar.

mm: Frauen und Männer haben nun mal unterschiedliche Interessen - auch wenn sie im selben Unternehmen tätig sind. Als einzige Frau an der Spitze fällt natürlich das vertrauliche Geplauder grundsätzlich aus. Wenn es die Herren nach Geschäftsabschluss mal ins Rotlicht-Milieu zieht, stehen sie auch alleine da. Was dann?

Anonyma: In der Regel verabreden wir uns dann in einer Bar zu einem späteren Zeitpunkt. Dann stelle ich mich natürlich nicht hin und kanzle die Kollegen ab, wie unmöglich ich das finde, dass sich eine Frau als Ware verkauft, sondern frage nach: stehen da viele, wie alt sind die, was kosten die, was haben die an?

mm: Und dann bekommen Sie auch Auskunft?

Anonyma: Selbstverständlich. Aber das basiert auf einem Vertrauensverhältnis, das über die Jahre gewachsen ist. Das geht nicht von heute auf morgen.

mm: Dann haben Sie bestimmt auch schon erfahren, warum Frauen in den Chefetagen nicht erwünscht sind?

Anonyma: Meistens höre ich, dass Frauen die Sachen so kompliziert machen. Es müsse mehr diskutiert werden, alles werde zeitaufwendiger. "Unter Männern ist das einfacher", lautet die zentrale Botschaft. Das andere hat mit Benehmen zu tun. Da werden Witze und andere Geschichten erzählt, bei denen es vorab heißt, 'Entschuldigung, Frau A.' Und dann wird es trotzdem erzählt. Da gibt es ein Bewusstsein, eigentlich dürften wir das jetzt gar nicht, wenn eine Frau dabei ist, wir müssten uns benehmen und vernünftig verhalten; aber es ist einfach viel schöner, die Sau raus zu lassen als die Etikette zu wahren. Irgendwo muss auch der Druck abgebaut werden. Ich kann das verstehen.

mm: Wenn Sie Bilanz ziehen, wie ist es dann als Frau "ganz oben"? Zur Nachahmung empfohlen?

Anonyma: Wie viele andere Führungsfrauen stelle auch ich mir immer wieder die Frage: 'Warum tue ich mir das an?". Ich spiele mit dem Gedanken auszusteigen und mich selbständig zu machen. Aber ich bleibe, trotz oder wegen meines Resümees: es ist gnadenlos einsam, schrecklich und wunderschön.

Frauen in Chefetagen: Spanische Telefonica führt Dax-Konzerne vor

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.