Gehalt und Jobwechsel Im goldenen Käfig

Spitzenverdiener sind zu beneiden. Außer wenn sie einen neuen Job suchen. Dann erweist sich das Gehalt oft als Hürde, die andere Arbeitgeber nicht überspringen wollen. Wie Sie sich dennoch mit guten Argumenten teuer verkaufen - und wie Sie finanzielle Rückschritte ohne Gesichtsverlust verkraften.
Jobwechsel: Hat man im aktuellen Job alles erreicht, muss man beim neuen Job oftmals Abstriche beim Gehalt hinnehmen

Jobwechsel: Hat man im aktuellen Job alles erreicht, muss man beim neuen Job oftmals Abstriche beim Gehalt hinnehmen

Foto: Corbis

Als Peter Molyneux noch Chef der europäischen Spieleentwicklung von Microsoft war, ging es ihm richtig gut: dickes Gehalt, fette Prämien, schickes Büro. Er konnte tun und lassen, was er wollte, und wenn er an einer Uni einen Vortrag hielt, eilte ihm der Ruf eines Guru voraus. Ganz nebenbei räumte er alle Preise ab, die die Branche für Computerspiele bereithielt.

Eines Tages saß Molyneux in seinem Büro im englischen Guildford in den Sessel zurückgelehnt, die Augen geschlossen, Musik auf dem Kopfhörer, in Gedanken tief versunken in die Action-Welt eines seiner Spiele. Da merkte er, wie sich der Sessel bewegte. Er machte die Augen auf und sah die Frau, die jeden Monat vorbeikam und die Sitzposition korrigierte, damit die Guru-Bandscheiben bloß keinen Schaden nahmen.

Molyneux wurde schlagartig klar, dass er bei Microsoft  in einem "goldenen Käfig" saß, wie er es später in einem Interview genannt hat. Der kostbare Vogel breitete die Flügel aus und flog davon. Das war im März 2012, inzwischen arbeitet Molyneux in seinem eigenen Studio.

Schönes Ruhekissen

Nach Angaben der US-Vergütungsberatung Payscale zahlt Microsoft  mit die höchsten Gehälter in den USA. IT-Spezialisten ohne Berufserfahrung können mit 74.500 US-Dollar rechnen. Wer zehn Jahre Berufserfahrung hat, verdient knapp 114.000 US-Dollar. Die Softwareschmiede legt durchschnittlich 16 Prozent auf die marktübliche Vergütung drauf. Kein Wunder, dass Microsoft-Mitarbeiter in den Bewertungsportalen im Internet sehr häufig die Bestnote für ihren Arbeitgeber zücken.

Ein Top-Gehalt ist ein schönes Ruhekissen, auf dem viele Träume wahr werden - mein Haus, mein Auto, mein Boot. Das böse Erwachen folgt bei der Suche nach einem neuen Schlafplatz.

"Wir haben jeden Monat in unserer Coaching-Praxis mindestens einen Fall, bei dem jemand im goldenen Käfig festsitzt", sagt Jürgen Hesse, Gründer des bundesweit tätigen Büros für Berufsstrategie Hesse/Schrader. "Das sind hochqualifizierte Führungskräfte, die nach dem Studium mit vielleicht 45.000 Euro eingestiegen waren, drei, vier Jahre später nach ein, zwei Wechseln bei 70.000 bis 90.000 lagen, schnell die 100.000 geknackt haben und heute als Bereichsleiter oder CEO zwischen 200 und 250.000 verdienen. Wenn die, aus welchen Gründen auch immer, wechseln wollen oder müssen, wird es sehr schwierig."

Das Gesetz der Fallhöhe

Hesse begleitet zurzeit einen Topmanager, der es mit einer sehr speziellen Expertise zu einem Jahresgehalt von 200.000 Euro gebracht hat, allerdings im "gefährlichen" Alter, nämlich 50 plus, ist. Sein Unternehmen bietet ihm den goldenen Handschlag an, doch der Mann fühlt sich zu jung für einen Lebensabend auf dem Golfplatz. "Ich muss ihm klar machen, dass er nie wieder 200.000 Euro verdienen wird", meint Hesse, "sondern sich glücklich schätzen darf, wenn er überhaupt eine Stelle bekommt und diese mit 100.000 bis 120.000 Euro vergütet wird."

Je höher eine Führungskraft in der Gehaltsliga klettert, desto tiefer droht sie bei einem Wechsel des Arbeitgebers zu fallen. Deutlich wurde das beim Platzen der Dotcom-Blase vor zehn Jahren, als sich hoch dekorierte Internet-Spezialisten auf Normalgehälter von 60.000 bis 80.000 Euro zurechtstutzen ließen - und froh waren, überhaupt in ihrer Branche überwintern zu können. "Manche brauchten ein Jahr und mehr, um diesen Rückschritt psychisch zu verkraften und ihren Lebensstandard anzupassen", erinnert sich Hesse.

Die Dotcom-Veteranen mussten wenigstens nicht lange erklären, warum sie bereit waren, für weniger Geld zu arbeiten: Jeder wusste, wie schlecht es der Branche ging und dass der Jobverlust nichts über die Qualifikation der Bewerber aussagte.

Wie sag' ich's meinem Chef?

Ist die Lage am Arbeitsmarkt dagegen ruhig, macht Bescheidenheit oft misstrauisch. Mancher Personaler unterstellt, dass jemand, der nur noch 80 Prozent seines früheren Gehalts bekommt, auch nur noch 80 Prozent Leistung bringt. Bewerber benötigen gute Argumente, um den finanziellen Verzicht zu begründen.

Claudia Kimich, Verhandlungsexpertin und Karriere-Coach in München, berichtet von einer Bankerin, die nach der Elternpause nicht mehr als Führungskraft arbeiten wollte - inklusive Gehaltsabschlag: "Fragen wie 'Warum wollen Sie denn nicht Filialleiterin bleiben?' und Aussagen wie 'Sie sind ja überqualifiziert!' waren an der Tagesordnung.

Allerdings lag die Erklärung in diesem Fall auf der Hand, dass nämlich aufgrund der familiären Situation angepasste Arbeitszeiten angestrebt wurden." Die Bank hatte ein Einsehen und gab der Frau einen Posten, der wenig Überstunden mit sich brachte.

Zäh verhandeln

Eine gute Strategie, um einen Rückschritt beim Gehalt plausibel zu machen, besteht darin, aus Sicht des Arbeitgebers zu argumentieren. Die Wiesbadener Trainerin Ute Bölke kennt mehrere solcher Fälle. Einem IT-Spezialisierten, der die Branche wechseln wollte, weil vielerorts Positionen wie seine ins Ausland verlagert wurden, empfahl sie diese Argumentation: Ich will mich breiter aufstellen, bringe aber für die neue Aufgabe wenig Erfahrung mit, also muss das Unternehmen Zeit und Geld in meine Einarbeitung investieren und deshalb beteilige mich an den Kosten, indem ich ein niedrigeres Gehalt als in meiner früheren Position akzeptiere.

In einem anderen Fall wollte eine Führungskraft nach einem Burnout einen Job ohne Personalverantwortung, vorzugsweise bei einem Arbeitgeber, der eine ausgeprägte Wertekultur lebte und die Mitarbeiter nicht verheizte.

Auf Bölkes Rat schrieb die Klientin in ihre Bewerbung: "Es ist mir bewusst, dass dieser Schritt eine Verminderung meines Einkommens nach sich zieht. Dies ist eingeplant, machbar und mit meinem Partner abgestimmt." Ansonsten hob die Umsteigerin Qualifikationen und Erfahrungen hervor, die zur Stelle passten. "Fazit: Mit gut durchdachter Argumentation und Offenheit ist ein solcher Schritt durchaus möglich, ohne als Verlierer dazustehen", sagt Bölke.

Weiterbildung, freie Tage, Sabbatical

Zähes Verhandeln hilft, die Durststrecke möglichst kurz zu halten. Beispielsweise können Bewerber während der Probezeit einen geringeren Verdienst vereinbaren, um später nachzuverhandeln. Diese Option sollte schriftlich festgeklopft werden, am besten auch gleich eine Hausnummer für die angestrebte Gehaltserhöhung nach der Probezeit. Eine weitere Möglichkeit ist, beim Fixgehalt tief zu stapeln und dafür variable Vergütungsbestandteile wie Bonus oder Gewinnbeteiligung in den Arbeitsvertrag aufzunehmen.

Zur Verhandlungsmasse gehören außerdem Dienstwagen, Weiterbildung, zusätzliche freie Tage oder die Aussicht auf ein Sabbatical. "Es ist auf jeden Fall ratsam, das gesamte Package zu betrachten", sagt Franz Bauer, Coach in Wien. "Das Gehalt sollte auch nicht das einzige Entscheidungskriterium sein. Passt die Stelle in ihren Karriereweg? Ist sie eine logische Fortsetzung und der nächste Schritt auf der Karriereleiter? Haben Sie sich überlegt, was für Sie ganz persönlich Karriere bedeutet? Welche Auswirkungen hat der neue Job auf ihr Privat- und Familienleben?"

Schweigen ist Geld

Solche Überlegungen gehören allerdings ins stille Kämmerlein und nicht ins Büro des Personalers. Sorgfältige Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch versteht sich von selbst. Die Kunst ist, offen und authentisch zu wirken, ohne zu viel preiszugeben.

"Nach Möglichkeit lässt der Bewerber den künftigen Arbeitgeber im Unklaren darüber, wie hoch sein Einkommen genau war", sagt Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader. "Belasten Sie Ihren Gesprächspartner nicht mit Wissen, das ihn irritiert!" Ab einer gewissen Gehaltsklasse sei die direkte Frage nach dem bisherigen Verdienst in Deutschland ohnehin unüblich.

Unternehmen, die eine Führungskraft für 150.000 Euro im Jahr suchen, sind im Bewerbungsgespräch viel diskreter, als wenn sie einen Sachbearbeiterjob für 25.000 Euro zu vergeben haben. Nach Hesses Erfahrung schlucken die meisten Arbeitgeber auf die Frage nach dem früheren Verdienst eine Antwort wie: "Mein bisheriges Gehalt liegt geringfügig über dem, was Sie mir angeboten haben." Dass "geringfügig" hier womöglich das Doppelte bedeutet, weiß allein der Bewerber, und er behält dieses Wissen schön für sich.

Entscheidend ist neben einer gehörigen Portion Selbstvertrauen die Erkenntnis, dass ein finanzieller Rückschritt nicht Scheitern bedeutet. Oft erweist sich die Differenz zum früheren Gehalt als angemessener Preis für den Schlüssel, der die Tür des goldenen Käfigs öffnet.

"Wer sich mit seinem Job identifiziert, arbeitet für 50.000 Euro nicht schlechter als für 100.000 Euro", sagt Hesse. "Das ist so wie beim Autofahren: Wenn Sie von einem Sportwagen auf einen Mittelklasse-Pkw umsteigen, werden Sie den Unterschied in der Geschwindigkeit kaum merken, wenn sie hauptsächlich in der Stadt unterwegs sind und auf der Autobahn meist im Stau stehen."


Gehaltsreport 2013

Der Gehaltsreport ist eine Aktion von "manager magazin" und XING. Es dauert etwa 20 Minuten, die Fragen zu beantworten.

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