Gehaltsreport 2013 "Die Unternehmen sind realistischer geworden"

Zahlreiche Unternehmen melden derzeit satte Gewinne und gute Auftragslagen. Kienbaum-Experte Alexander von Preen erläutert, wie sich diese Entwicklung auf die Gehälter auswirkt.
Atmende Gehälter: Die Bezüge passen sich der Wirtschaftslage an

Atmende Gehälter: Die Bezüge passen sich der Wirtschaftslage an

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

mm: Herr von Preen, kriegen wir 2013 mehr Geld? Immerhin melden zahlreiche Unternehmen satte Gewinne und auskömmliche Auftragslagen.

von Preen: Die Stimmung in den Unternehmen ist gemischt. In vielen Ländern ist die Situation nach wie vor angespannt, Stichwort Euro-Krise. Deutschland dagegen ist im Wettbewerb gut positioniert - das spräche tatsächlich für Lohnerhöhungen.

mm: Aber...?

von Preen: Die Firmen wollen die gute Position im Wettbewerb nicht aufs Spiel setzen. Deshalb werden Gehaltserhöhungen zwar wohl etwas höher ausfallen als in den vergangenen Jahren - aber dennoch moderat bleiben. Wir rechnen mit um die drei Prozent für normale Beschäftigte und rund 3,5 Prozent für höhere Führungskräfte. Das ist deutlich mehr als in den meisten westeuropäischen Ländern. Sogar für die wohlhabende Schweiz prognostizieren wir über alle Ebenen nur einen Anstieg von rund einem Prozent. In Osteuropa und der Türkei allerdings erwarten wir deutlich kräftigere Aufschläge - zwischen vier und fast acht Prozent.

mm: Ausgerechnet bei den Spitzenverdienern steigen die Gehälter auch am kräftigsten. Finden Sie das gerecht?

von Preen: Über die Gerechtigkeit habe ich nicht zu befinden. Der Anstieg an der Spitze der Gehaltspyramide lässt sich aber leicht erklären: Nach den herben Einschnitten bei Bonus-Zahlungen der Jahre 2008 bis 2010 haben viele Manager zuletzt ihre Ziele wieder erreicht oder sogar übertroffen. Das schlägt sich dann in höheren Boni nieder.

mm: Dabei waren es gerade überhöhte Bonus-Zahlungen, die das Image von Branchen wie der Bankenwirtschaft enorm beschädigt haben.

von Preen: Hier hat ein Umdenken eingesetzt. Der Trend geht dahin, Boni über einen längeren Zeitraum zu strecken, um auch die Nachhaltigkeit von Geschäftserfolgen in die Bewertung einfliessen zu lassen. Die Wirkung könnte enorm sein: Immerhin machen variable Anteile je nach Ebene bis zu fünfzig Prozent des Gehalts eines Managers aus. Damit haben sich Bonuszahlungen in mageren Zeiten als Instrument bewährt, sowohl die individuelle Leistung wie auch den Ertrag des Unternehmens insgesamt bei den Gehältern abzubilden.

mm: Sie meinen: Es gab einfach weniger Geld.

von Preen: Ja, die Gehälter "atmeten".

mm: Werden auch die Festgehälter "atmen", wenn sich die Situation verschlechtert?

von Preen: Hier halte ich Kürzungen für sehr unwahrscheinlich. Selbst Branchen, die ihre Jobprofile und zum Teil ihre Geschäftsmodelle umschreiben müssen, wie etwa Banken und Energie, werden bestehende Fix-Gehälter kaum kürzen. Allerdings kann je nach Branche bei Einsteigern schon härter verhandelt werden.

mm: Aber gerade gut ausgebildete Absolventen sind doch rar wie selten zuvor.

von Preen: Das ist auch richtig - die Einstiegsgehälter für Absolventen werden weiter steigen. Wenn aber jemand mit Berufserfahrung das Unternehmen wechselt, fällt die Lohnerhöhung vielerorts nicht mehr so üppig aus wie früher. Man zahlt, was man zahlen muss, um eine Stelle gut zu besetzen. Aber es werden nicht mehr für viel Geld Stars oder auch vermeintliche Stars eingekauft. Da sind viele Unternehmen realistischer geworden.

mm: Wieviel ist denn bei einem Jobwechsel noch drin?

von Preen: Zunächst würde ich niemandem raten, allein des Geldes wegen zu wechseln. Im Mittelpunkt sollten immer der Gestaltungsspielraum und die Perspektiven des neuen Jobs stehen. Aber um die 15 Prozent Zuschlag sind durchaus realistisch.

mm: Lassen Sie uns bei den Zahlen bleiben. Wieviel muss denn nun ein Akademiker verdienen, um sich nicht unterbezahlt zu fühlen?

von Preen: Das ist unmöglich zu beantworten. Die Löhne variieren zu stark nach Alter, Qualifikation, Branche oder Region. Die Einstiegsgehälter für Akademiker liegen üblicherweise zwischen 35.000 und 50.000 Euro. Für den weiteren Aufstieg in der Hierarchie gilt pro Ebene ein Plus zwischen 15 und 20 Prozent, wobei sich die Gehaltsbänder der einzelnen Stufen auch überlappen.

mm: Was raten Sie einem Angestellten für die nächste Gehaltsrunde?

von Preen: Am wichtigsten ist, die eigene Leistung realistisch einzuschätzen. Anstatt sich zu fragen, wieviel Geld man selbst gerne mehr hätte, sollte die Frage lauten: Welchen Mehrwert schaffe ich für mein Unternehmen - und wird dieser angemessen bezahlt?

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