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Sportliche Berufspläne: Wo Spitzensportler arbeiten möchten

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Olympiasieger Karrieresprung vom Siegertreppchen

Spitzensportler bringen nach der Sportlerzeit beste Eigenschaften mit, um auch die Karriere danach mit Bravour zu meistern. Nur nutzen viele Unternehmen den Talentpool noch nicht konsequent - und manche Ex-Stars verlieren außerhalb des Stadions schnell ihr Selbstbewusstsein.
Von Stefan Merx

Köln - Ole Bischof hatte hart auf diesen Tag hingearbeitet: Der Judo-Olympiasieger von Peking setzte sich am 10. September an den Computer - und schrieb einen schlichten Satz: "Heute beende ich meine sportliche Karriere", postete er auf Facebook. In kürzester Zeit hoben mehr als 2300 Fans den Daumen und gratulierten dem 33-Jährigen zum Start ins klassische Berufsleben. Die Doppelbelastung aus Leistungssport und Studium hat er über Jahre mit Biss gemeistert: 2012 stand Bischof nicht nur im olympischen Finale von London, wo er Silber holte, sondern reichte auch seine Diplomarbeit an der Universität Köln ein.

Bescheiden sagt der frische Diplom-Volkswirt: "Ich bin erst einmal wieder Lehrling." Seit Oktober arbeitet er bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. Bischof war immer klar: Kampfsport sichert keine Rente. Dunkler Business-Suit statt weißem Judoanzug - ein Bilderbuchwechsel.

Im Grunde müsste es viel öfter solche Erfolgsgeschichten geben, findet Wirtschaftsprofessor Sascha Schmidt: "Viele Leistungssportler bringen alles mit, was für den Führungsnachwuchs in Unternehmen wichtig ist", sagt der Leiter des Instituts für Sports, Business & Society an der EBS Universität in Oestrich-Winkel. "Allerdings hat die Wirtschaft trotz ihres Fachkräftemangels den attraktiven Talentpool der Spitzensportler noch nicht systematisch für sich erschlossen." In seinen Augen ein Versäumnis.

In seiner neuesten Untersuchung mit dem Titel "Kollege Spitzensportler" hat der Wissenschaftler beide Seiten befragt: Gut 1000 deutsche Spitzenathleten, die von der Deutschen Sporthilfe gefördert werden, sollten anonym eine Selbsteinschätzung abgeben und sich zu ihren Berufsplänen äußern. Knapp die Hälfte hatte Abitur, der Altersschnitt betrug 21,5 Jahre.

Fairness mit Siegeswillen verbunden

Zudem berichteten Personalverantwortliche etlicher Dax-Unternehmen, Unternehmensberater und Headhunter über ihre Erfahrungen mit der Zielgruppe der Topathleten. "Die Ergebnisse belegen, dass es sich für Personalverantwortliche lohnt, bei der Nachwuchsrekrutierung mehr auf das Segment der Spitzensportler zu achten", sagt Schmidt.

Die charakterliche Prägung aus dem Sport ersetze freilich nicht die fundierte Fachausbildung, etwa durch ein Studium. Doch bei den berufsrelevanten Persönlichkeitsmerkmalen Disziplin, Stabilität und Engagement schnitten die Athleten klar überdurchschnittlich ab. Als Vergleichsgruppen bei dieser Selbstbefragung dienten Schmidt und seinem Co-Autoren Thomas Saller die als ehrgeizig bekannten Studenten seiner Hochschule sowie Fachkräfte - die als "Young Professionals" bezeichneten Berufseinsteiger noch ohne Führungsverantwortung.

Sind Spitzensportler dank ihrer antrainierten Tugenden nicht automatisch berufen, auch im Geschäftsleben alles abzuräumen? Ganz so klischeehaft ist es nicht. Judoka Ole Bischof, der während seiner Sportlerkarriere bereits Vorträge vor Führungskräften hielt, hat es jüngst so formuliert: "Ich kann Managern nicht sagen, wie sie ihren Job zu machen haben, aber ich kann vermitteln, wie Fairness, Respekt und Disziplin mit Kampfgeist, Durchsetzungsvermögen und Siegeswillen zusammenpassen."

"Ein Spitzensportler ist nicht automatisch berufen, Topmanager zu werden", relativiert auch Schmidt. Die Studie kommt zu einem differenzierten Urteil: Jedes Persönlichkeitsmerkmal hat im Geschäftsleben eine Kehrseite. "Es ist oft Segen und Fluch zugleich", sagt Schmidt. So können extremes Engagement und ein hoher Leistungsanspruch beispielsweise schnell kippen in Scheuklappendenken. "Nach Aussagen der Personalexperten neigt manches frühere Sport-As dazu, seine Mitarbeiter nur nach messbaren Leistungen zu beurteilen - und menschliche Aspekte zu vernachlässigen." Was Sozialkompetenz angeht, lagen die Spitzensportler en gros immerhin gleichauf mit den Fachkräften.

Permanente Leistungsdiagnostik

Auch Disziplin sei nicht uneingeschränkt positiv. Wer eine Extraportion davon mitbringe, sei zwar für fordernde Tätigkeiten offen. "Hohe Disziplin bringt aber auch oft ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis mit sich, das hinderlich sein kann", sagt Schmidt. Personalexperten haben laut Studie das Phänomen der Einigelungstaktik gerade bei sehr sorgfältig agierenden Spitzensportlern beobachtet: "Anstatt Widersprüche, Grauzonen und unvollständige Prozesse vorübergehend zu akzeptieren und situativ bestmögliche Entscheidungen zu treffen, versuchen besagte Spitzensportler, durch übermäßigen Arbeitseinsatz und Nachtschichten Handlungssicherheit zu gewinnen", schreibt Schmidt.

Feedbackgespräche mit dem Chef nur einmal im Quartal, um zu sehen, ob die berufliche Performance stimmt? Manche Athleten verunsichert das. Gewohnt sind sie eine permanente Leistungsdiagnostik, die objektiv und vergleichbar zeigt, wo man im Wettbewerb steht.

Während manche mit altem Kampfgeist im Büro übers Ziel hinausschießen und Probleme am liebsten wegtrainieren möchten, kämpfen andere Ex-Olympioniken mit eher gegenteiligen Schwierigkeiten: Es mangelt ihnen im Schnitt an Dominanz - gemessen an den Fachkräften und Topstudenten setzen Spitzensportler generell die eigenen Interessen weniger konfliktbereit durch.

In Unternehmen kommt die Zurückhaltung erwartungsgemäß nicht einmal schlecht an: "Vor allem sind Mannschaftssportler aus Teamsportarten interessant", sagt Werner Knips, Managing Partner beim Headhunter Heidrick & Struggles. "Diese haben bereits bewiesen, dass sie im Team erfolgreich arbeiten können und ihr Ego unter Kontrolle kriegen."

Hochgradig einsatzbereit, diszipliniert und durchsetzungsfähig

Doch Studienautor Schmidt sieht auch hier ein Risiko - aus Sicht des Einzelnen: Gerade der Typus des Teamplayers, der oft eine Ballsportkarriere hinter sich hat, komme häufig allzu zurückhaltend und mannschaftsdienlich daher. 28 Prozent der Befragten ordnet Schmidt in diese Kategorie ein - sie beißen sich vermutlich nicht bis nach ganz oben ins höhere Management durch. "Sie agieren nicht immer mit der Kaltschnäuzigkeit, die nach wie vor in vielen hierarchisch geführten Unternehmen notwendig ist, um sich im Machtgefüge zu behaupten und in die Führungsriege aufzusteigen."

Neben dem - oft weiblichen - "Teamplayer" hat Schmidt bei den Sportlern drei weitere Prototypen ermittelt: Der "Einzelgänger" (27 Prozent) sei wenig an Teamarbeit interessiert, habe häufig eine Einzelsportart betrieben und gebe hinterher einen guten Fachexperten ab, so Schmidt. "Kämpfer" (16 Prozent) hätten tendenziell niedrige Bildungsabschlüsse, seien hochgradig einsatzbereit, diszipliniert und durchsetzungsfähig, dabei jedoch weniger kooperativ. Sie eigneten sich insbesondere für Positionen als Interimsmanager.

Die besten Berufschancen hat die Gruppe der "Meister aller Klassen" (29 Prozent) - wer dazu gehört, ist nicht nur emotional stabil, sondern auch selbstbewusst, sozialkompetent und überdurchschnittlich leistungsorientiert. Sie sind häufiger männlich, oft Ex-Kapitäne und interessiert an Beratungsjobs, Marketing- und Management-Aufgaben.

Schon in der Schule fallen diese "Meister aller Klassen" durch gute Noten auf, einige sind schon während des Sports nebenberuflich tätig. "Ihnen stehen im Grunde alle Türen offen", sagt Schmidt. Er zeigt sich überrascht, dass dieser löbliche Typus so gehäuft anzutreffen ist: "Fast jeder dritte Leistungssportler hat solch ein Profil, das ist sehr viel. Ich wäre vor der Untersuchung eher von fünf bis zehn Prozent ausgegangen."

Inoffiziellen Schätzungen zufolge umfasst die Gruppe der ambitionierten Leistungssportler in Deutschland rund 80.000 Personen, rund 3800 werden von der Deutschen Sporthilfe gefördert. Dennoch: Eine gezielte Rekrutierung bleibe trotz der guten Eignung mit wenigen Ausnahmen aus. Eine Olympiateilnahme oder ein Weltmeistertitel in einer Randsportart wird von Personalern im Bewerbungsverfahren bestenfalls unter "Sonstiges" zur Kenntnis genommen - mal wohlwollend, mal gleichgültig.

Zu Unrecht durchs Raster gefallen

Tendenziell seien die Sportler bei automatisierten Ausleseprozessen von Konzernen sogar eher im Nachteil - denn durch die hohe Trainingsintensität und lange Wettkampfphasen verlieren sie meist einige Semester. "Viele Spitzensportler fallen bereits zu Unrecht durchs Raster, wenn die Waschkörbe voller Bewerbungen nach dem Kriterium der Studiendauer vorsortiert werden", sagt Marcel Goelden, der an der Universität Münster die Soft Skills von Spitzensportlern untersucht hat.

Er selbst ist als erfolgreicher Sportschütze einer von ihnen. "Wer sich an die Weltspitze gekämpft hat, ist in der Regel hochgradig intrinsisch motiviert. Weltmeister wird keiner des Geldes wegen", sagt er. "Die meisten Unternehmen unterschätzen die Sportler ganz einfach, es ist ein klar abzugrenzender Personenkreis mit einem Riesenpotenzial." In Kürze legt er eine Promotion zum Thema vor, gestützt auf 3000 Firmenbefragungen.

Für Goelden handeln solche Unternehmen klug, die einen Sportler "als Rohdiamanten begreifen" und ihn noch in dessen aktiver Phase für sich gewinnen. "Sportler suchen langfristige Kooperationen, auf die sie bauen können, und die Unternehmen wollen auf Dauer gute Leute an sich binden." Auch Sascha Schmidt berichtet von einer hohen Loyalität jener geförderten Sportler, denen ein Unternehmen die Hand reicht für eine duale Karriere.

Studium und Profisportlerleben verzahnt

Wie es gehen kann, Perspektiven für Sport und Beruf zu verknüpfen, zeigt der Energieversorger EWE. Gemeinsam mit der Universität Oldenburg hat EWE den Studiengang "BWL für Spitzensportler" initiiert, der in vier bis fünf Jahren zum Bachelor führt. Die Onlinemodule lassen sich verzahnen mit einem vollen Trainingsplan.

Segel-Olympionike Tobias Schadewaldt, aktuell Weltranglistenzweiter in der 49er-Klasse, war einer der ersten Absolventen, die Studiengebühren hat sein Sponsor EWE übernommen. "So konnte ich mir parallel zum Leistungssport das zweite Standbein aufbauen", sagt der 28-Jährige.

"Ich habe es mit sportlichem Ehrgeiz angepackt und mir bei einem guten Abschluss auch Chancen im Unternehmen ausgerechnet", sagt Schadewaldt. Der Plan ging bis heute auf: Nach seinem Examen sattelte er einen Master drauf, ebenfalls im Fernstudium. Im Oktober begann er als Trainee bei EWE. Als Segler liebt er die Kraft der Elemente - der Job scheint zu passen: "Die Energiewirtschaft reizt mich immens, mit der Energiewende steckt eine hohe Dynamik in der Branche."

Er fährt noch immer zweigleisig. Sein Fernziel: Olympia 2016 in Brasilien. Morgens um sechs Uhr nimmt Schadewaldt sein Training auf, um acht Uhr sitzt er bei der Arbeit. Die Wochenenden trainiert er in Kiel oder Wilhelmshaven. Auch wenn der Job fordert, bleibt das sportliche Ziel fest im Blick. "Ich bekomme noch genug Zeit auf dem Wasser."

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