Arbeitsmarkt Headhunter haben Hochsaison in Deutschland

Die Arbeitslosenzahl ist zuletzt gestiegen, doch das Geschäft der Headhunter floriert. Denn die Nachfrage nach Fach- und Führungskräften ist trotz der jüngsten Konjunkturschwäche hoch. Selbst Banken müssen Mitarbeiter entlassen und gleichzeitig Spezialisten suchen.
Jobmarkt in Deutschland: "So gut wie hier läuft das Geschäft in keinem anderen europäischen Land", sagen Personalberater

Jobmarkt in Deutschland: "So gut wie hier läuft das Geschäft in keinem anderen europäischen Land", sagen Personalberater

Foto: dapd

Hamnurg - Das Ende der Ferienzeit bringt für viele Arbeitnehmer schlechte Nachrichten: Nach der Sommerpause stehen vielerorts Kürzungsrunden an. Opel startet im September mit Kurzarbeit. Zulieferer Schaeffler denkt ebenfalls laut über verkürzte Arbeitszeiten nach. Siemens  will angesichts sinkender Gewinne ein Sparprogramm auflegen und prüft einen Stellenabbau. Beim angeschlagenen Handelskonzern Karstadt fallen 2000 Stellen weg. Der Energieriese RWE  streicht noch mehr Stellen als ohnehin geplant. Und bei den Investmentbanken geht selbst in den Teppich-Etagen die Angst vor einer Kündigungswelle um.

Pünktlich zum Ende der Urlaubszeit meldet nun auch die Bundesagentur für Arbeit, dass die Zahl der Arbeitslosen im August um 29.000 und damit etwas stärker anstieg, als es für den Sommer- und Ferienmonat zu erwarten gewesen wäre.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin gibt trotz dieser schlechten Nachrichten Entwarnung: "Wir müssen im nächsten Halbjahr zwar mit einem Rückgang der Beschäftigung in Deutschland rechnen. Das betrifft aber nur einen kleinen Teil der Wirtschaft", sagt DIW-Deutschlandexperte Simon Junker. "Die Krise im Euro-Raum trifft in erster Linie die Industrie. Hier dürften teilweise Kurzarbeit und Rückgänge bei der Beschäftigung anstehen." Gleichzeitig würden aber in anderen Wirtschaftsbereichen die Löhne kräftig anziehen. "Insgesamt wird die Lage auf dem Arbeitsmarkt außerordentlich gut bleiben", sagt Junker.

Auf eine solch widersprüchliche Entwicklung am Arbeitsmarkt deuten auch die Erfahrungen von Personalberatern hin. "Normalerweise ist im dritten Quartal bei uns nicht viel los, weil in der Ferienzeit nur wenige Stellen neu besetzt werden", sagt etwa Barbara Hartmann von der Personalberatung Heads in München. "Dieses Jahr lief es aber erstaunlich gut. Aufträge kommen vor allem aus dem Konsumgüter- und Industriebereich und für Stellen vom CEO-Posten bis zum Marketing-, Vertriebs- und HR-Experten."

Personalberater: "Da das Geschäft gut läuft, stellen sie weiter ein"

Zu Beginn des Jahres hätten viele Unternehmen noch vor allem Spezialisten aus dem Finanz-Bereich gesucht, wohl auch um ihre Finanzstruktur krisensicher aufzustellen. "Mein Eindruck ist: Die Unternehmen sind vorsichtig, weil die Warnungen vor einer konjunkturellen Abschwächung lauter werden. Aber da ihr Geschäft bisher gut läuft, stellen sie weiter ein." Mancher Personaler denke sich wohl auch: Besser jetzt noch den Restschwung der Konjunktur nutzen und Personal einstellen, bevor die Budgets wieder gekürzt werden, mutmaßt Hartmann.

Auch mit der Neubesetzung von Stellen auf den obersten Führungsebenen machen Personalvermittler trotz Krisenangst noch gute Geschäfte. "Dieses Jahr lief bisher sogar außerordentlich gut", sagt Christine Stimpel, Deutschland-Chefin der Personalberatung Heidrick & Struggles und Vorsitzende des Branchenverbands AESC in Deutschland. "Bei Treffen mit den Kollegen aus europäischen Ländern wird allerdings klar, dass wir hier in Deutschland eine Sondersituation haben. So gut wie hier läuft das Geschäft in keinem anderen europäischen Land."

Allerdings mache sich die Krise in der Bankenbranche schmerzhaft bemerkbar. "In den Financial Services waren sehr hohe Gehälter üblich, dementsprechend hoch waren auch unsere Honorare", sagt Stimpel. Doch in anderen Branchen laufe die Vermittlung von Führungskräften derzeit so gut, dass der Zuwachs die Einbußen im Geschäft mit den Bankern sogar mehr als ausgeglichen habe.

"Wir beobachten, dass viele Unternehmen jetzt ihr Geschäft im Ausland ausbauen und dazu qualifiziertes, international erfahrenes Personal brauchen", sagt Stimpel. Die Suche nach den passenden polyglotten Kandidaten sei ebenso ein Treiber für das Geschäft der Personalberater wie die Debatte um die Frauenquote. "Viele Unternehmen tun sich schwer damit, passende weibliche Kandidaten für Führungspositionen aus den eigenen Reihen oder auf dem freien Markt zu finden. Das bedeutet für uns mehr Neugeschäft."

Banken feuern Investmentbanker - und suchen Risiko-Spezialisten

Ganz so positiv sieht Michael Proft den Trend nicht: "Die Suchaufträge werden aufwändiger, das heißt aber ja nicht, dass mehr Stellen ausgeschrieben werden oder dass wir mehr Geld pro Auftrag verlangen können", sagt der Partner der Executive-Search-Beratung Odgers Berndtson. Mehrgeschäft verspricht er sich allerdings von Branchen, die sich neu ausrichten müssen.

Ausgerechnet die Branchen, in denen jetzt Kurzarbeit und Entlassungen angekündigt wurden, könnten das Geschäft der Personalberater ankurbeln, erklärt er: "In der Automotive-Branche läuft das Geschäft zum Beispiel sehr gut, weil die Unternehmen für neue Trends wie die Elektromobilität Fachwissen einkaufen."

Im kommenden Jahr könnte zudem die Energie-Branche das Geschäft ankurbeln. "Noch haben die Konzerne nicht so recht entschieden, wohin die Reise gehen soll. Aber wenn erst mal konkrete Umstrukturierungs-Projekte anstehen, wird auch entsprechendes Führungspersonal für den Umbau und für neue Geschäftsfelder gebraucht."

Banken feuern Investmentbanker - und suchen Risiko-Spezialisten

Und selbst die krisengeschüttelten Banken und Finanzdienstleister können nicht auf Neueinstellungen verzichten, berichtet Proft: "Im Investmentbanking werden Stellen abgebaut, aber gleichzeitig rüsten Banken und Berater mit Spezialisten für Risikomanagement und für die Anpassungen an die neue Bankenregulierung auf."

Schwierige Zeiten für Unternehmen können gute Zeiten für Personalberater sein. Dieser Trend zeigt sich nicht nur in den DAX-Konzernen und im Top-Management, sondern auch im Mittelstand und in der "Lehmschicht" des mittleren Managements und der Fachkräfte, berichtet Wolfram Tröger von der auf Positionen im mittleren Management und Fachkräfte spezialisierten Personalberatung Baumann in Frankfurt. Auch wenn die Arbeitslosenzahlen zuletzt stiegen: Fach- und Führungskräfte vom Ingenieur bis zum IT-Spezialisten oder Marketingleiter werden zunehmend knapp und sind entsprechend gefragt.

"Das macht unser Geschäft aufwändiger, aber auch weniger anfällig für leichte konjunkturelle Dellen als früher", sagt Tröger. "Letztlich geht es uns aber genauso wie unseren Klienten: Angesichts der labilen politischen Lage in Europa weiß niemand, was das nächste Jahr bringen wird. Aber bisher läuft das Geschäft rund - darüber freuen wir uns und nehmen die entsprechenden Gewinne natürlich gerne mit."

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