Startup-Pioniere Die Uni als Gründungskosmos

Entrepreneurship-Professuren, Förderberatungen und kostenlose Büros für kreative Studenten: Hochschulen haben sich zu Gründungsschmieden gemausert. Das ist gut so. Denn akademische Gründungen gelten als besonders innovativ.
TU Berlin: Thomas Junge, Carolin Kühnel, Rafael Strasser und Arno Zimmermann haben ihr Kaffeebecher-Problem mit Gründungsgeist gelöst

TU Berlin: Thomas Junge, Carolin Kühnel, Rafael Strasser und Arno Zimmermann haben ihr Kaffeebecher-Problem mit Gründungsgeist gelöst

Foto: Jacek Ruta

Die Technische Uni Berlin hatte das Kaffee-Problem. Der Konsum auf dem Campus ist hoch, und die Pappbecher verstopften zunehmend die Mülleimer an den Hörsälen. Studenteninitiativen hatten all die Becherberge einmal demonstrativ aufgetürmt - zu mehr Umweltbewusstsein führte auch das nicht.

Bis Rafael Strasser (23) und seine Kommilitonen die zündende Idee hatten: Statt in Papp- sollte der Kaffee in Mehrwegbechern aus Plastik ausgeschenkt werden, die anschließend in Extrabehältern neben den Mülleimern geworfen werden können. Dort werden sie einmal am Tag abgeholt, gespült und wiederverwendet. Der To-Go-Komfort ist der gleiche, der Müll aber weg. "Ein Pfandsystem würde an der Uni nicht funktionieren", meint Wirtschaftsingenieur-Student Strasser. "Kein Student will Wege doppelt laufen, nur um einen Becher zurückzubringen."

Strasser und seine Mitstreiter gründeten "CupCycle". An der Technischen Uni testen sie ihre Geschäftsidee bereits so erfolgreich, dass die studentischen Gründer erste Anfragen von anderen Hochschulen bekommen. "Ein Riesenerfolg", sagt Jungunternehmer Strasser. "Damit hätten wir nie gerechnet."

Die TU Berlin hat sich auf die Fahnen geschrieben, Existenzgründungen ihrer Doktoranden, Absolventen und Studenten nach Kräften zu fördern - und ist damit nicht allein. In den vergangenen Jahren haben viele Hochschulen den Gründergeist entdeckt. Ende der 90er Jahre wurden die ersten Gründerlehrstühle geschaffen, inzwischen wurden an die 100 Entrepreneurship-Professuren in Deutschland besetzt.

Hochschulen entdecken den Gründergeist

So lernen Studenten neben klassischer BWL auch die besonderen Aspekte der Selbstständigkeit kennen. Viele Unis haben Beratungszentren für ihre Gründer eingerichtet oder stellen wissenschaftlichen Mitarbeitern nach der Promotion günstige Räume für die erste Phase der Selbstständigkeit zur Verfügung. Seit 1998 fördert die Bundesregierung mit dem Programm "Exist" Ausgründungen aus der Wissenschaft.

"Innerhalb Europas kann sich Deutschland damit inzwischen sehen lassen, nur Großbritannien steht noch etwas besser da", meint der Münchener Geografieprofessor Jürgen Schmude, der regelmäßig ein Gründerhochschulranking erstellt.

So viel Eifer tut Schmude zufolge allerdings auch not: "Wir haben relativ geringe Gründerzahlen aus dem akademischen Bereich. Dabei sind gerade diese Gründungen in der Regel besonders innovativ."

Berlin, München, Wuppertal: Welche Unis sich besonders engagieren

Die TU Berlin steht in Schmudes Gründungsranking an der Spitze, nach der Technischen Uni München und vor der Uni Wuppertal. Den Erfolg kann die TU Berlin inzwischen in Zahlen messen: An der jüngsten Gründungsumfrage der Uni nahmen rund 400 Unternehmen teil, die im Jahr 2009 rund 14.000 Mitarbeiter beschäftigten und 766,5 Millionen Euro Umsatz machten.

"Rund 70 Prozent der Ausgründungen bleiben dabei hier in der Nähe. Damit sind wir ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Berlin", sagt Karin Kricheldorff, stellvertretende Leiterin des Gründungsservices.

Und auch die Uni selbst, davon ist Kricheldorff überzeugt, profitiert, wenn sie ihr Wissen durch Ausgründungen in den Markt bringt. "Die Verbindung der Start-ups zur Uni bleibt stark. Oft gibt es noch Kooperationen, wenn die Unternehmen schon länger im Markt sind."

Ein solches Unternehmen könnte in einigen Jahren auch das von Sonja Jost vom Gründerteam "DexLeChem" sein. Sie hat hat während ihrer Promotion in Chemie untersucht, wie sich Medikamente nachhaltiger und günstiger produzieren lassen. "Ich wollte nichts machen, was hinterher in der Schublade verschwindet", sagt sie. "Und mir gefiel die Idee, mir mit dem, was ich erforscht habe, selbst etwas aufzubauen."

"DexLeChem" wagt den Schritt an den Markt

Mit anderen Mitarbeitern möchte sie in diesem Jahr den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Die Uni unterstützt sie: Gegen eine geringe Miete können die Jungunternehmer die Geräte der Uni mit nutzen

Dafür gibt sie auch der Uni etwas zurück: Im Sommer tritt sie auf dem Tag der Chemie auf, um Chemie-Studenten die Berufsperspektive Selbstständigkeit nahe zu bringen. In jedem Fachbereich gibt es außerdem Ringvorlesungen, in denen Absolventen ihre Unternehmensideen vorstellen.

Bei Rafael Strasser hat das Locken funktioniert. "Ich saß in dieser Vorlesung und habe wahnsinnig viel Lust bekommen, selbst aktiv zu werden."

Die Uni unterstützt ihre gründungsfreudigen Studenten seit April mit einem Co-Working-Space, einem kostenlosen gläsernen Großraumbüro mitten in der Mensa. Die "CupCycle"-Macher und zwei weitere Teams sind dort eingezogen. Praktisch für die Gründer, die zwischen Vorlesungen und Seminaren weiter an ihrer Idee feilen können. Praktisch aber auch für alle anderen Studenten, die nach dem Mittagessen einmal über ihre Zukunft quatschen möchten: Gerade eben, sagt Raphael Strasser, ist wieder jemand in den Glaskasten gekommen. "Der schreibt gerade an seiner Diplomarbeit und wollte einfach mal wissen, wie so eine Gründung abläuft."

manager magazin und das Business-Netzwerk Xing haben den gemeinsamen Wettbewerb "Startup-Pioniere" gestartet. Gesucht wird die beste Geschäftsidee, die für die Gründung eines Unternehmens taugt. Details zu dem Wettbewerb finden sich auf der Website www.startup-pioniere.de . Dort lässt sich auch der Fragebogen online ausfüllen. Anmeldeschluss für den Wettbewerb ist der 20. Mai 2012. Die Online-Abstimmung beginnt am 31. Mai und endet am 14. Juni 2012.

Jetzt abstimmen und gewinnen!