Mittwoch, 17. Juli 2019

Arbeitgeber Mehr Geld für weniger Arbeit

Begehrte Fachkräfte: Der "War for talents" hat längst begonnen. Das Machtgefüge zwischen Unternehmen und Bewerbern hat sich verschoben

Je greifbarer der Fachkräftemangel wird, desto mehr werden aus Bewerbern Umworbene. Und deren Ansprüche steigen. Das zeigen auch die Ergebnisse der Umfrage nach den "beliebtesten Arbeitgebern", die manager magazin exklusiv veröffentlicht.

Hamburg - Seit vielen Jahren wird über ihn geschrieben, immer wieder beschäftigen sich Politikerrunden damit und Wirtschaftsverbände schlagen seinetwegen in regelmäßigen Abständen Alarm: der Fachkräftemangel und in seinem Kielwasser der "war for talents". Vor lauter Warnungen und Prognosen geht bisweilen unter, dass er längst begonnen hat, der Kampf um die Talente.

Sicher, noch müssen die Personaler von Daimler Börsen-Chart zeigen , Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen & Co. nicht auf Knien um Absolventen flehen.

Doch dass sich etwas verschoben hat im Machtgefüge von Unternehmen und Bewerbern, zeigt sich an vielen Stellen. Auch die Daten des aktuellen "Graduate Barometers" vom Berliner Beratungsunternehmen trendence, das Jahr für Jahr die beliebtesten Arbeitgeber angehender Berufseinsteiger abfragt und dessen Ranking manager magazin exklusiv veröffentlicht, belegen das neue Selbstbewusstsein der Kandidaten.

Zwar dominieren auf den vorderen Rängen traditionell die großen Autofirmen. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern mischen sich unter anderen noch Lufthansa Börsen-Chart zeigen, Adidas, Bosch, Siemens Börsen-Chart zeigen und Google Börsen-Chart zeigen unter die Top 10; für die Ingenieure zählen neben den Automobilisten Bosch, Siemens Börsen-Chart zeigen , EADS, Lufthansa Technik und die Fraunhofer Gesellschaft zu den Favoriten. Veränderungen in der Gunst der Absolventen zeigen sich eher auf den hinteren Plätzen.

Erwartetes Durchschnittsgehalt auf höchstem Wert seit 2002

Einen Blick in Mindset und Erwartungshaltung der Bald-schon-Bewerber liefert dagegen die Frage nach erwartetem Gehalt und Wochenarbeitszeit, zumal sich die Daten hier zehn Jahre zurückverfolgen lassen.

Im Jahr 2012 liegt das erwartete Durchschnittsgehalt unter den Ingenieuren bei 45.700 Euro - der höchste Wert seit 2002. Die Zahl ist seit 2009 kontinuierlich gestiegen, während sie davor - krisenbedingt - kurz gesunken war. Umgekehrt die Entwicklung der (erwarteten) Wochenarbeitszeit: Sie beträgt 2012 43,2 Stunden, während es 2011 noch 43,9 Stunden waren und 2010 noch exakt 44 Stunden.

Gleiches Bild bei den Absolventen der Wirtschaftswissenschaften. Aktuell erwartetes Gehalt: 43.300 Euro, gegenüber 43.100 Euro (2011) und 42.500 Euro (2010). Die Zeit, die die jungen Ökonomen bereit sind, pro Woche zu arbeiten, beträgt 45.5 Stunden, gesunken von 45,9 (2011), 46.4 (2010) und 47.0 (2009).

Mehr Geld für weniger Arbeit: Darin spiegelt sich nicht nur die gute Konjunktur nach der überstandenen Wirtschaftskrise. Der Trend ist langfristiger: Die Absolventen, die jetzt vom Hörsaal in Büros und Labore strömen, gehören zur "Generation Y", die nicht mehr stur beruflichen Aufstieg über alles stellt, sondern das Thema Work-Life-Balance ernst nimmt - und es auch selbstbewusst gegenüber den Arbeitgebern einfordert. Die aber trotzdem ihren Marktwert kennt und nicht bereit ist, finanzielle Abstriche hinzunehmen.

Das Selbstbewusstsein einer Absolventengeneration

Eine ganz ähnliche Entwicklung zeigt sich bei den "Faktoren der Arbeitgeberwahl", die trendence ebenfalls abfragt. 2012 beurteilten unter den Wirtschaftswissenschaftlern mehr als 90 Prozent Work-Life-Balance als "wichtig" oder "sehr wichtig" - zehn Jahre zuvor waren es keine 62 Prozent.

Ein ähnliches Bild ergibt sich unter den befragten Ingenieuren. Auch der Standort des Unternehmens rückt stärker in den Fokus: Fast 80 Prozent der angehenden Ökonomen halten ihn aktuell für wichtig - gegenüber knapp 62 Prozent im Jahr 2002. Die "Generation Y" scheint nicht mehr bereit, für einen Job die großstädtische Dichte an Restaurants, Theatern, Bars und Kinos aufzugeben.

Faktoren der Arbeitgeberwahl
Faktoren der Arbeitgeberwahl 2011 2012 High Potentials* Männer Frauen
Attraktive Arbeitsaufgaben 1,5 1,6 1,8 1,5 1,7
Attraktive Produkte/Dienstleistungen 0,7 0,6 0,7 0,6 0,6
Attraktiver Standort 0,8 0,9 0,9 0,8 0,9
Chancengleichheit 1,0 1,0 0,9 0,6 1,3
Corporate Social Responsibility (CSR) 0,6 0,5 0,4 0,3 0,7
Gute Karriereperspektiven 1,4 1,5 1,6 1,5 1,5
Gute Work-Life-Balance 1,3 1,3 1,2 1,2 1,5
Guter Führungsstil 1,1 1,4 1,4 1,3 1,4
Hohes Einstiegsgehalt 0,9 0,7 0,7 0,7 0,6
Hohes Maß an Eigenverantwortung 1,2 1,0 1,3 1,0 1,0
Innovationskraft 0,8 0,6 0,6 0,6 0,6
Internationales Umfeld 0,5 0,5 1,2 0,4 0,6
Kollegialität 1,4 1,4 1,5 1,3 1,6
Persönliche Entwicklung 1,5 1,6 1,7 1,5 1,6
Sicherheit der Anstellung 1,1 1,1 0,7 0,9 1,3
Status & Prestige neu 0,2 0,2 0,2 0,0
Unternehmenserfolg 1,1 1,0 1,0 1,0 1,0
Weiterbildungsmöglichkeiten 1,3 1,4 1,5 1,3 1,5
Wertschätzung der Mitarbeiter 1,4 1,4 1,5 1,3 1,6
trendence Graduate Barometer 2012 - German Business Edition
© trendence Institut 2012
Frage: Bitte beurteilen Sie, wie WICHTIG Ihnen folgende Karriereaspekte sind. (unwichtig (-2); (-1); (+1); sehr wichtig (+2))
*Definition "High Potentials":
Akademische Leistung: gehören zu den besten 25%,
Erfahrungsprofil: Auslandserfahrung (Studium UND/ODER Praktikum),
Praktikum im Inland, außeruniversitäres Engagement.
All dies spiegelt die Stimmung einer Absolventengeneration, die um ihre zunehmende Knappheit weiß und recht zuversichtlich auf das künftige Berufsleben schaut. So stimmen nicht einmal 15 Prozent der Ingenieure der Aussage zu, es werde 2012 "schwer sein, eine Arbeitsstelle zu bekommen". Doch bei allem Wissen um die eigene Knappheit: Die Befürchtungen vieler Personalmanager, da wachse eine arrogante Generation heran, die in Einstellungsgesprächen bis aufs Blut um jeden Euro pokert, haben sich nicht bewahrheitet.

Vielmehr treten die Absolventen professionell auf und setzen meist andere Prioritäten als ein möglichst hohes Einstiegsgehalt. Auf den Feldern, die ihnen am Herzen liegen - flexible Arbeitszeiten, Unternehmenskultur, Frauenförderung - fragen sie dann schon kritisch nach. Wer sie als Mitarbeiter einstellen will, sollte die passenden Antworten parat haben.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung