Beruflicher Aufstieg "Keine Karriere im stillen Kämmerlein"

Nichts ist Zufall: Die Topmanagement Coaches Dorothea Assig und Dorothee Echter sprechen mit manager magazin Online über Spielregeln für den Aufstieg, den Unterschied zwischen Ambition und Ehrgeiz - sowie den Erfolg von Peter Maffay.
Im Job nach oben: Nach Expertenmeinung alles andere als Zufall

Im Job nach oben: Nach Expertenmeinung alles andere als Zufall

Foto: Corbis

mm: Frau Assig, Frau Echter, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie: "Wenn zwei das Gleiche leisten, wird der eine Abteilungsleiter und der andere Vorstandsvorsitzender." Warum ist das so?

Assig: Ab einer bestimmten Ebene wird Leistung schlicht vorausgesetzt. Sie macht also nicht den Unterschied.

mm: Sondern?

Echter: Unser Buch ist die Essenz aus zwanzig Jahren, in denen wir Topmanager, aber auch Größen aus Wissenschaft, Musik, Politik oder Sport beraten und gecoacht haben. Unser Fazit ist: Jeder große Karriere liegt die gleiche innere Dynamik zugrunde, egal ob es um Michelangelo, Lady Gaga oder den Vorstandschef eines Dax-Konzerns geht.

mm: Wie sieht diese Dynamik aus?

Echter: Um wirklich Bedeutendes zu leisten, müssen Menschen von einem extrem starken inneren Willen geleitet sein. Eine innere Ambition, die den- oder diejenige autonom führt, unabhängig von äußeren Umständen und Zufällen.

mm: Sie reden von Ehrgeiz.

Assig: Ehrgeiz ist als Wort zu negativ besetzt und trifft auch nicht den Kern. "Ambitioniert" bedeutet anspruchsvoll, und zwar sowohl in Bezug auf die eigene Mentalität als auch in Bezug auf das, was man erreichen will. Ehrgeiz könnte auch auf Geld, Macht oder Berühmtheit zielen. Ambition dagegen ist immer intrinsisch, sie reicht über sich selbst hinaus und will die Welt verändern.

mm: Das klingt recht abstrakt. Geben Sie uns ein Beispiel.

Echter: Die Ambition macht etwa den Unterschied zwischen Boris Becker und Steffi Graf. Während Becker vor allem die Klatschblätter unterhält, hat Steffi Graf ihren Erfolg in ein Lebenswerk umgewandelt.

Assig: Oder nehmen Sie jemanden wie Oliver Kahn. An ihm lässt sich sehr gut zeigen, wie er sich in jeder Phase seiner Karriere neu entwickelt, Neues gelernt hat, um die nächste Stufe zu erklimmen. Genau das Gleiche gilt im Top-Management.

mm: Und dazu reicht schon ein starker innerer Wille?

Echter: Natürlich nicht. Die Ambition ist das Fundament, ohne das nichts geht, nicht mit noch soviel Anstrengung. Dazu kommen aber vier Dimensionen, die große Karrieren ausmachen. Zunächst geht es darum, das Können zu vervollkommen. Also immer, wirklich immer imLernmodus zu sein, sich nie zurücklehnen und sagen "Das kann ich ja schon". Mit der Devise eines Babys, das auch nur ein Ziel kennt: Lernen, Lernen, Lernen. Dazu kommt die psychische Dimension: Zu Beginn eines Aufstiegs geht es darum, das eigene Ego aufzuladen und zu stärken. An der Schwelle zur Spitze ist dann eher psychische Disziplin gefragt und Kontrolle des Egos. Dieses Wechselspiel ist nicht leicht.

mm: Warum ist die Kontrolle des Ichs so entscheidend?

Assig: Das hängt mit den anderen beiden Dimensionen zusammen: Die Gestaltung der eigenen Bühne, also die Frage: In welchem Umfeld fühle ich mich wohl, was ist das richtige Setting für mich? Wer die richtige Bühne für sich gefunden hat, wird sich fragen: 'Wow, und dafür werde ich auch noch bezahlt?" Die vierte Dimension ist neben der Ambition vielleicht die Wichtigste: positive Resonanz in seine engere Umgebung, in die eigene "community" bringen.

mm: Also das Netzwerk pflegen.

Echter: In der Community geht es nicht um Netzwerken, sondern um Geben. Eins ist doch klar: Karriere wird nicht im stillen Kämmerlein gemacht, sie ist Produkt eines Austauschs mit anderen. Wer innerhalb einer Gruppe Gleichgesinnter agiert - Lernpartner, Mentoren, Studienfreunde - erlebt ein Zugehörigkeitsgefühl, das ihn trägt: Man steigt auf, weil alle in der Gruppe einfach davon ausgehen, dass sie Erfolg haben werden. Dazu aber ist es entscheidend, positiv und optimistisch aufzutreten.

Wer nach oben will, muss schauspielern

mm: Bei Karrieren geht es doch um Konkurrenz und darum, wer den spitzesten Ellbogen hat.

Assig: Falsch. Das mag am Rande eine Rolle spielen, aber im Kern funktioniert Aufstieg viel simpler: Indem man bei anderen Menschen - und Vorgesetzten - ein positives Gefühl auslöst. Die Menschen müssen andocken können. Unkompliziertheit ist extrem wichtig. Niemand mag den Problematisierer - aber alle lieben den Problemlöser.

Echter: Konkret heißt das: Selbst wenn es mal nicht so toll läuft, mit einem Lächeln darüber hinweggehen. Kritik, sogar authentische, berechtigte Empörung sind Karrierekiller.

mm: Wer nach oben will, muss schauspielern.

Echter: Er muss seine positive Ausstrahlung pflegen. Die Menschen müssen gerne mit ihm reden, Wert auf seine Meinung legen. Auch wenn ich dreimal ungerecht behandelt wurde, ist es karrieretechnisch klüger, es ein viertes Mal zu versuchen als mich zu beschweren. Das mag uns nicht gefallen, aber es ist einfach so.

Assig: Und nicht wenige Karrieren scheitern kurz vor der Spitze, weil die Leute zwar ihr Können perfektioniert, aber darüber die positive Resonanz vergessen haben.

mm: Haben sich die Karrierespielregeln durch Globalisierung und Internet nicht verändert?

Assig: Die Grundprinzipien sind immer gleich, egal ob für Männer oder Frauen, egal in welcher Zeit und Branche. Nur die Ausformungen wandeln sich.

mm: Woher weiß ich denn, dass ich die nötige Ambition für den ganz großen Aufstieg habe?

Echter: Ambition kann man weder lernen noch sich vornehmen. Wenn Sie aber in dem dem, was Sie tun, einen "Flow" erreichen, wenn es also das ist, was Sie fordert, ohne Sie zu überfordern und woran Sie Freude haben, sind Sie auf einem guten Weg. Das Handeln belohnt sich dann selbst. Hohes Einkommen und andere Statussymbole kommen anschließend von allein - als Motivation sind sie jedoch unzureichend.

Assig: Denken Sie nur an den Erfolg von Peter Maffay. Von seinem sängerischen Talent her hätte man nicht vorhergesagt, welches große Renommée er erreichen wird und welche Reputation. Heute wird er überhäuft mit Auszeichnungen. Er ist auch niemand, der in den Feuilletons hymnisch besprochen würde. Aber er hat viel Gutes bewirkt, Stiftungen gegründet, und seinen Ruhm und seinen Erfolg für traumatisierte Kinder eingesetzt. Diese Überhöhung ist es, die nachhaltig gelingende Karrieren ausmacht. Das Einsetzen für andere Menschen.

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