Dienstag, 19. November 2019

Der neue WoB-Index "Die Nullen müssen weg"

Mehr Frauen in Führungspositionen: Der Anteil von weiblichen Führungskräften hat sich seit Jahresbeginn verbessert

Der Women-on-Board-Index untersucht die Anzahl der weiblichen Führungskräfte in Vorständen und Aufsichtsräten. Zum Stichtag 30. Juni hat der Verein Fidar den Index aktualisiert. Ergebnis: Der Anteil von Frauen in Kontrollgremien (ohne Vertreterinnen der Arbeitnehmerseite) und Vorständen stieg seit Anfang des Jahres von 3,04 auf 4,06 Prozent.

Hamburg - Der soignierte Herr am Rednerpult, gerade noch zu allerlei Späßchen am Rande aufgelegt, wurde plötzlich bitterernst, während er mit strengem Blick sein Publikum ins Visier nahm: "Über Kompetenz und Qualifikation von Frauen bin ich nicht mehr bereit, zu diskutieren, diese sind selbstverständlich." Unter den leitenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, die sich in der vergangenen Woche, an den letzten beiden Junitagen, zur 10. Konferenz Deutscher Corporate Governance Kodex in Berlin versammelt hatten, schien zumindest darüber Einverständnis zu herrschen.

Und Klaus-Peter Müller, der Vorsitzende des exklusiven Ethikkontrollclubs, besser bekannt als Regierungskommission für gute Unternehmensführung, konnte wieder zu seiner bekannten Lockerheit zurückfinden, als er die Zeichen der Hoffnung ausschmückte: von den 23 frei gewordenen Sitzen deutscher Aufsichtsräte in den Dax-30-Unternehmen seien in den vergangenen Monaten immerhin neun mit Frauen besetzt worden. Man möge sich also bittesehr die Rasanz der Veränderung selber ausmalen, bliebe es bei diesem Tempo.

Endlich also auch auf den Führungsetagen der große Auftakt zur gelebten Gleichberechtigung von Männern und Frauen wie es das Grundgesetz in Artikel 3, Absatz zwei schon seit 1949 vorschreibt? Oder zumindest für den freien Zutritt der Frauen wie ihn der Kodex immerhin seit Mai des letzten Jahres empfiehlt? Mitnichten! Monika Schulz-Strelow widerspricht energisch. Natürlich begrüßt die Präsidentin des Vereins Fidar (Frauen in die Aufsichtsräte) die Ernennungen einiger Frauen. Aber aufs Ganze gesehen, handle es sich um nichts weiter, als um "einen Sturm im Wasserglas".

Denn Fidar hat nachgerechnet und den aktualisierten Women- on-Board-Index erstellt. Unter dem Kürzel WoB-Index ist er in den Führungszirkeln der deutschen Wirtschaft bestens bekannt, seitdem er im Februar dieses Jahres in Kooperation mit dem manager magazin erstmals veröffentlicht wurde. Wie frauenfeindlich deutsche Unternehmen auch im Jahre elf des neuen Jahrtausends immer noch sind, offenbart das Ranking schon auf den ersten Blick: Von den 160 in einem Dax-Segment notierten Unternehmen hatten Anfang des Jahres 108 weder eine Frau im Vorstand noch eine im Aufsichtsrat seitens der Kapitaleigner.

Viele Nullen: Noch 89 Unternehmen verschließen Frauen Führungsposten

Auf einen beschämend kleinen Anteil von 3,04 Prozent Frauenpower konnte der deutsche Vorstands- und Aufsichtsratszirkel Anfang des Jahres verweisen. Jetzt, knapp sechs Monate später, ist die Quote auf 4,03 Prozent gestiegen. Weshalb es realistischer wäre, von einer fast 100-prozentigen Männerquote zu sprechen. Kein Wunder, dass Monika Schulz-Strelow damals wie heute fordert, "die Nullen müssen weg": Jene 89 Unternehmen, die auch nach den aktuellen WoB-Daten ihre Führungspforten den Frauen noch völlig verschließen, müssen die Zugbrücke herunterlassen.

Nachdem allenthalben über die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote diskutiert und polemisiert wurde, deklarierten neben Klaus-Peter Müller auch die Mehrzahl der Führungskräfte die deutsche Strategie "comply and explain" als die beste: Eine freiwillige Selbstverpflichtung, mit der sich jedes Unternehmen eine eigene Zielvorgabe setzen und im Falle des Nichterreichens erklären soll, weshalb und wieso sie nicht erfüllt werden konnte.

Einige Konzernlenker scheinen ihr Versprechen tatsächlich wahr machen zu wollen, wie etwa Telekom-Chef René Obermann, der offenkundig darüber nachdenkt, in den bislang frauenfreien Vorstand drei weibliche Mitglieder zu berufen. Doch die Deutsche Telekom Börsen-Chart zeigen könnte einer der wenigen Ausnahmen bleiben, zeigt doch die Erfahrung, dass es mit der Freiwilligkeit in Deutschland schon einmal schiefging: Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte sie 2001 ausgerufen, mit dem Ergebnis, dass in den folgenden Jahren der Anteil der Frauen in Toppositionen fiel. Weil das schlechte Gewissen beruhigt und zum Handeln kein Grund mehr bestand?

Trotz des Bastas der Kanzlerin, die von dringlicheren Sorgen geplagt wird, droht der deutschen Wirtschaft nun die Quote. Aus Brüssel nämlich. Falls Viviane Reding bis März 2012 keine wesentlichen Veränderungen zum Besseren sieht, will sie damit Ernst machen. An der Nachdrücklichkeit der EU-Kommissarin wagt niemand zu zweifeln. Wird die deutsche Wirtschaft schnell genug sein, um dem Gesetzgeber zuvorzukommen?

Women-on-Board-Index II: In welchen Unternehmen Frauen am stärksten vertreten sind

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