Büroalltag Firmen mit Verfolgungswahn

Abenteuerurlaub können manche Angestellte sich schenken: Was sie täglich bei der Arbeit erleben, ist abenteuerlich genug. Da werden Millionen verjuxt, Scheinwelten gezimmert, Menschenleben riskiert. Karriereberater Martin Wehrle verrät, wie man Irrenhaus-Firmen schon am Stelleninserat erkennt.
Trümmer des Kölner Stadtarchivs (2009): Wer anderen eine Grube gräbt...

Trümmer des Kölner Stadtarchivs (2009): Wer anderen eine Grube gräbt...

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Die Baufirma hatte ein Milliardenprojekt in Köln ergattert: Sie sollte eine neue U-Bahn durch die Innenstadt treiben. Doch es blieb nicht bei den unterirdischen Bauarbeiten - es kam zu unterirdischem Pfusch. Nachdem die Erde sich geöffnet und das historische Stadtarchiv mit zwei Nachbargebäuden verschlungen hatte, brachten Untersuchungen haarsträubende Machenschaften ans Licht.

Die Untersuchung der Baustellen ergab, dass es vielerorts an allem fehlte, was seriöse Bauarbeit ausmacht - an Beton, an Eisenträgern, an der nötigen Stabilität. Zum Beispiel hatte ein korrupter Polier offenbar die Stahlbügel, mit denen Schächte stabilisiert werden sollten, beim Alteisen-Händler verhökert.

Wie muss es um die Kultur einer Firma, um die Identifikation mit der eigenen Arbeit bestellt sein, wenn der Bauarbeiter solche Fallgruben errichtet? Andersherum gefragt: Kann ein irrsinniges Handeln im Klima einer vollständig gesunden Firma wachsen?

Theoretisch schon. Aber "Auswüchse" haben, wie das Wort schon andeutet, meist Wurzeln - und die reichen tief und speisen sich aus der Kultur einer Firma.

Nehmen wir die Stahlbügel. Das sind keine Zahnstocher, die man mal eben in der Westentasche verschwinden lässt. Muss es auf der Baustelle nicht Dutzende Kollegen gegeben haben, denen das Fehlen der schweren Stahlträger aufgefallen ist? Warum haben die keinen Rabatz gemacht?

Und wie stand es mit dem Vorgesetzten: Welchen Umgang mit seinen Mitarbeitern pflegte er, dass diese wichtige Information nicht zu ihm vordrang? Oder hatte er doch davon gehört, aber nichts hören wollen? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir es hier - wie bei vielen anderen Skandalen - nicht mit schwarzen Schafen, nicht mit dem Versagen Einzelner zu tun haben. Wo einer ist, der irre Dinger dreht, sind viele, die irre Dinger dulden.

Firmen fürchten, dass Mitarbeiter sie denunzieren

Wer zum Beispiel für eine Irrenhaus-Bank hochriskante - oder gar illegale - Spekulationsgeschäfte betreibt, mag sich anfangs noch vor den Risiken seiner Entscheidungen fürchten. Aber spätestens nach der Probezeit hat er seine "Phobie" abgelegt: Weil sein Vorgesetzter von ihm volles Risiko erwartet, weil das heimliche Regelwerk es vorgibt, weil jeder Idiot um ihn herum mit diesem Finanzspielzeug hantiert, scheint ihm dieses Treiben bald idiotensicher - und normal.

Solche Skandale haben den öffentlichen Ruf nach "Compliance", nach einer Selbstkontrolle der Unternehmen, anschwellen lassen. Die Begeisterung der deutschen Großunternehmen hält sich in Grenzen, wie eine Studie der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg belegt: Nur 44 Prozent haben sich diese Selbstkontrolle bislang auferlegt. Und lediglich ein Drittel (34 Prozent) hatte den Mut, ein Hinweisgebersystem einzuführen.

Die Firmen fürchten, von den eigenen Mitarbeitern nicht geschützt, sondern denunziert zu werden. Lieber scharen sie Jasager um sich, die ihnen ein Bild präsentieren, das nichts mit den Tatsachen zu tun hat. Diese Jasager wissen, was sie zu tun haben - die Geschäftszahlen, die Kundenzufriedenheit, die Verkaufserwartungen werden so lange frisiert, bis die Mitarbeiter davon ausgehen können: Der Chef wird zufrieden sein!

Wie wirkt es sich auf einen Mitarbeiter aus, wenn er jeden Tag an solchem Irrsinn schnüffelt? Geben Sie mir zehn Minuten Zeit, um mit dem Beschäftigten einer beliebigen Firma zu sprechen - und ich sage Ihnen, wie seine Firma tickt, ohne dass er explizit darüber gesprochen hätte.

Arbeiten in einer Verdachtskultur und Rechtfertigungsbürokratie

Neulich habe ich mit einer Versicherungskauffrau telefoniert, um einen Beratungstermin zu vereinbaren. Sie legte großen Wert darauf, dass ich ihr den Termin noch einmal bestätigte - "bitte per Briefpost und nicht nur per Mail!" Aha, dachte ich, sie arbeitet in einer Verdachtskultur, in einer Firma, in der man keinen Außentermin machen, keinen Cent ausgeben, keine Druckerpatrone wechseln darf, ohne sich vorher abzusichern.

Leider lag ich mit meiner Einschätzung richtig. Jeder in dieser Firma stand unter einem wahnsinnigen Druck, seinen eigenen Arbeitsplatz zu rechtfertigen. Meine Klientin war dazu übergegangen, täglich "Arbeitsprotokolle" zu schreiben. Sie klangen wie Schulaufsätze unter dem Motto "Mein Tag in der Firma": "7.30 Uhr, Rechner hochgefahren, Mail-Eingänge geprüft. Sieben Kundenbeschwerden. Zuerst geantwortet auf..."

Das Groteske: Durch den Verfolgungswahn ihrer Firma hatten die Mitarbeiter tatsächlich alle Hände voll zu tun - nur dass sie sich einen großen Teil der Zeit nicht mit den Kunden befassten, sondern mit der Rechtfertigungsbürokratie. Am Ende unseres Beratungstermins überraschte mich die Versicherungskauffrau: Sie fingerte ihr Portemonnaie hervor und wollte meine Dienstleistung bar bezahlen. Mein Hinweis, ich würde ihr eine Rechnung stellen, verblüfft sie: "Wie können Sie sicher sein, dass Sie Ihr Geld bekommen?" So viel Vertrauen hatte sie in über zehn Firmenjahren offenbar nie geschenkt bekommen.

Wie aber kann man sich von solchem Irrsinn fernhalten - bevor er einen selbst befällt? Oft lässt sich schon bei der Jobsuche erkennen, dass Sie in einen Käfig voller Narren gelockt werden sollen: Welche Sprache verwenden Irrenhäuser in ihren Inseraten? Wie behandeln sie Bewerber mit ihren Antwortbriefen? Und wie gehen sie mit den Kandidaten im Vorstellungsgespräch um?

Verräterische Stellenanzeigen - wo Bewerber am Irrsinn schon schnüffeln

Lesen Sie Stellenanzeigen besser ganz genau, denn darin verraten die Unternehmen oft mehr über sich, als ihnen lieb sein kann.

1. Wie oft erschienen?

Recherchieren Sie, ob die Stellenausschreibung schon mehrfach erschienen ist. Das kann dreierlei bedeuten: Entweder war die Stelle nicht zu besetzen, weil der Arbeitgeber utopische Ansprüche hat. Oder die Top-Bewerber sind beim Anblick eines Irrenhauses abgesprungen. Oder - am wahrscheinlichsten - jemand trat den Job an, wurde aber noch in der Probezeit abserviert. Das kann auf eine ruppige Firmenkultur, auf einen schwierigen Vorgesetzen und auf wenig Geduld bei der Einarbeitung hindeuten.

2. Größe

Passt die Größe der Anzeige zur Bedeutung der Firma? Große Firmen, die kleine Anzeigen schalten, sind oft vom Geiz zerfressen. Seien Sie sicher, dass eine solche Firma nicht in die Spendierhosen schlüpft, wenn Sie mehr Gehalt wollen oder eine Investition für die Zukunft ansteht. Dagegen können großformatige Anzeigen unbekannter Firmen auf Hochstapelei und unseriöse Geschäftsmodelle hinweisen.

3. Erscheinungsmedium

Die Reichweite der Anzeige sagt viel über den Horizont der Firma aus. Eine Firma, die nur im Stadtblättchen inseriert, denkt nicht über die eigene Region hinaus. Hier müssen Sie mit starren Strukturen und einer Abwehrhaltung gegenüber neuen Ideen rechnen. Wenn eine Ausschreibung nur auf der Firmenhomepage lief, kann ein Unternehmen knapp bei Kasse sein. Oder nur schlampig genug, eine schon längst besetzte Stelle nicht aus dem Angebot genommen zu haben. Großformatige Print-Anzeigen in mehreren überregionalen Tageszeitungen, in denen das Unternehmen sich selbst bejubelt, sind oft Teil einer Imagekampagne. Das kann auf Geltungsdrang und auf Gigantomanie hinweisen. Oder darauf , dass die Stellenangebote gar nicht existieren.

4. Stil und Gestaltung

Je steifer der Schreibstil, je konservativer das Layout der Anzeige, desto bürokratischer und verbohrter die Firma. Wenn zum Beispiel die "mangelnde Förmlichkeit der firmeninternen Abwicklungen" gepriesen wird, zählt der hölzerne Stil mehr als der von ihm transportierte Inhalt (Lockerheit); dagegen wäre die Formulierung "Wir arbeiten flott und unbürokratisch" glaubwürdiger gewesen. Achten Sie gezielt auf solche Abweichungen zwischen Form und Inhalt - sie können auf verschleierten Irrsinn hinweisen.

5. Headhunter sucht

Eine Firma, die über Headhunter sucht, hat gute Gründe dafür. Zum Beispiel: Derjenige, dessen Job neu vergeben wird, weiß noch nichts von seinem Unglück. Oder die Mitarbeiter sollen nicht in Unruhe versetzt werden, weil der x-te Vorgesetzte in kurzer Zeit bei ihnen aufschlagen wird. Oder bei Kunden und Geschäftspartnern soll die Illusion von Konstanz erhalten bleiben. All das lässt ein Klima der Geheimniskrämerei, starres Hierarchiedenken und mangelnde Wertschätzung der Mitarbeiter befürchten - gerade dann, wenn die ausgeschriebene Position keinen seltenen Spezialisten oder hochrangigen Manager erfordert, sondern auch durch ein Eigeninserat zu besetzen gewesen wäre.

6. Ansprechpartner

Ist ein Ansprechpartner genannt, mit Mail- und Telefondaten? Werden Sie ausdrücklich eingeladen, sich bei Rückfragen an ihn zu wenden? Falls keine Kontaktperson, ja nicht mal eine Telefonnummer genannt ist, scheint dieses Unternehmen direkte Kommunikation für Zeitverschwendung zu halten - erst recht gegenüber Mitarbeitern, die ihren Arbeitsvertrag schon unterschrieben haben.

7. Eintrittstermin

"Zum nächstmöglichen Zeitpunkt" heißt: "Bei uns brennt die Hütte! Seien Sie Feuerwehrmann!" Klar, dass Sie sich an solchen Jobs die Finger verbrennen. Außerdem: Warum ist der Job so kurzfristig frei? Heißt der Cheforganisator "Chaos"? Hat der Stelleninhaber das Handtuch geworfen? Oder wurde er vor die Tür gesetzt? Fragen Sie im Vorstellungsgespräch unbedingt, wo der Vorgänger geblieben ist. An dieser Firmenkultur kann etwas faul sein.

8. Leistungsgerechtes Gehalt

Das Wort "leistungsgerecht" verwenden Firmen gerne, wenn das Gehalt eben nicht gerecht ist. Eine solche Formulierung kann Vorbote eines geringen Grundgehalts, einer Abhängigkeit von Prämie und Provision sein. Solche Firmen rennen blind dem Profit hinterher und führen ihre Mitarbeiter nicht mit reizvollen Tätigkeiten und Zielen (also intrinsisch), sondern nur mit einem gewedelten Geldschein (also extrinsisch). Sind die Arbeit und die Firma an sich denn so reizlos?

9. Flexibilität

Der Wunsch nach "hoher Flexibilität" - zumal prominent betont - kann ein Hinweis sein, dass es in einer Firma drunter und drüber geht. Pfeift der scharfe Wind einer Restrukturierung durchs Haus? Stehen Fusionen oder Umzüge an? Wird eine Reisetätigkeit von Ihnen verlangt? Das klingt nach Stress, nach Zickzack-Kurs und nach nur einer Konstanten: dem Irrsinn.

10. Teamfähigkeit

Eigentlich selbstverständlich, dass Sie sich als Neue(r) in ein bestehendes Team einfügen. Wenn die "Teamfähigkeit" auffallend betont wird, kann das zwei versteckte Signale beinhalten: Entweder ist dieses Irrenhaus-Team eine besondere Zumutung und nur mit der Geduld eines Engels auszuhalten. Oder die Aufstiegswege sind so verrammelt, dass Sie auf ewig das Mitglied eines Teams bleiben werden - und keines führen dürfen.

11. Verantwortung

Wird der Wunsch, dass Sie "Verantwortung im hohen Maße" übernehmen, wie ein Refrain wiederholt? Obwohl es sich nicht um eine leitende Position handelt? Gut möglich, dass dann Halsbrecher-Arbeit an Sie delegiert, Verantwortung auf Sie abgewälzt und Zeitbomben unter Ihren Schreibtisch gerollt werden. Die wahre Tätigkeitsbeschreibung kommt in der Anzeige nicht vor: "Sündenbock".


Der Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles neuem Buch "Ich arbeite in einem Irrenhaus - vom ganz normalen Büroalltag".

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