Mittwoch, 18. September 2019

Corporate Governance "Frauen müssen an der Tür klopfen"

Durchsetzungfähigkeit gefragt: "Es dauert 15 bis 20 Jahre, Talente bis in den Vorstand zu bekommen"

Mehr Frauen in die Topetagen: Unternehmen sollen derlei Vorsätze nicht mehr nur kundtun, sondern endlich in die Tat umsetzen, sagt Klaus-Peter Müller. Der Vorsitzende der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex erklärt im Interview, was Firmen und Politik ändern müssen.

mm: Herr Müller, warum haben Sie in den Kodex Deutscher Corporate Governance den Passus aufgenommen, dass sich Unternehmen Zielkorridore setzen sollen, um mehr Frauen in Führungsetagen zu positionieren?

Müller: Der Corporate-Governance-Kommission war es wichtig, ein deutliches Signal an die Unternehmen zu schicken, dass wir eine zu zögerliche Befassung mit diesem Thema für nicht länger akzeptabel halten. Die guten Absichten sollen künftig nicht nur geäußert werden.

mm: Warum sind Frauen wichtig für die Topetagen?

Müller: Wir gehen das Thema von zwei sehr unterschiedlichen Seiten an: Auf der einen Seite die Besetzung der Aufsichtsräte, auf der anderen die der Topetagen, also des Vorstands und der ersten Führungsebene. Man muss die beiden Fragen separieren, weil sie unterschiedlich beantwortet werden müssen. Was die Aufsichtsräte betrifft, haben wir 2013 und fünf Jahre später, 2018, größere Wahlwellen. Der Aufstieg in die oberen Führungsetagen dauert zwangsläufig länger; der ist nicht in 5 oder 6 Jahren zu schaffen.

mm: Sie rechnen also fest damit, dass diese Wahlwellen Frauen geradezu in die Aufsichtsräte schwemmen werden. Können wir Sie da beim Wort nehmen?

Müller: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir bis Mai, Juni 2013 bereits erste nennenswerte Entwicklungen sehen werden. In den letzten zwölf Monaten sind bereits mehr Frauen in Vorstände und auch in die Aufsichtsräte großer Unternehmen berufen worden als in den zehn Jahren zuvor.

mm: Was für Heldentaten! Wir bewegen uns mit unter 3 Prozent Frauen in den Topetagen nach wie vor auf dem Level von Indien, einer Kastengesellschaft.

Müller: Sechs Frauen in Dax-Vorständen zu haben ist etwas, was wir vorher nicht hatten. Ich will keine falschen Lorbeeren sammeln, sondern nur mal darauf hinweisen, dass da sicher die von der Kodex-Kommission angestoßene Diskussion eine anregende Rolle gespielt hat.

mm: Genieren sich die deutschen Topmanager nun tatsächlich, dass sie bisher keine Frauen neben sich geduldet haben?

Müller: Die Frage ist doch nicht, wer wen duldet. Wir müssen auch fragen: Wieviele Frauen gab und gibt es in Führungspositionen, warum hat Deutschland hier eine unterschiedliche Situation als andere Länder? Ich erinnere zunächst daran, dass wir bis heute kein funktionierendes Kita- und Ganztags-Schulensystem haben. Ich erinnere daran, dass die Bundesregierung beschlossen hat, für knapp 40 Prozent aller Kinder unter drei Jahren Kita-Plätze ab 2013 zu garantieren - positiv formuliert. Negativ formuliert heißt das: Mehr als 60 Prozent der Kinder unter drei Jahren werden auch dann noch keinen solchen Platz haben. Jedes deutsche Unternehmen kann aufzeigen, dass etwa zwischen 34 und 38 bei den Frauen zumindest der vorläufige Ausstieg erfolgt. Sie gehen in einer sehr wichtigen Phase ihrer Karriere aus den Unternehmen. Viele davon kommen nur noch in Teilzeit wieder oder gar nicht mehr. Mehr als die Hälfte dieser Frauen geben in Befragungen als Grund die Doppelbelastung von Familie und Beruf an.

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